Die nächsten Wochen waren für mich ohne Verpflichtungen, so dass ich mir die Stadt ansehen konnte. Die Stadtmauer war für eine größere Stadt angelegt, doch sorgte der zusätzliche Platz dafür, dass kleinere Parks angelegt werden konnten. Es gab verschiedene Stadtviertel, die zum Teil mit eigenen Mauern eingefasst waren. Diese Mauern waren aber nicht so mächtig wie die Stadtmauern. In der Stadt gab es ein Castrum, in dem sowohl Fußtruppen, als auch Berittene untergebracht waren. Tempel waren oft nur dadurch von größeren Verwaltungsgebäuden zu unterscheiden, weil man entweder durch ein Tor und einen kleinen Garten zu ihnen kam, oder weil man die Bezeichnung lesen konnte - wenn man denn der serischen Schrift mächtig war. Immerhin konnte ich täglich mehr Schriftzeichen lesen und auch mehr Wörter sprechen.
Es gab auch einen neuen Tempel, der so aussah, als wären mehrere Gebäude aufeinander gestapelt. Dabei war das jeweils höhere Gebäude ein wenig kleiner, als das drunter liegende. Dieser Tempel wurde von den Anhängern des Buddha genutzt. Sie nannten ihn Stupa, was wohl aus der indischen Sprache kam. Die Einheimischen hatten verschiedene Bezeichnungen, doch bei den meisten war es einfach nur 'Tempel' oder 'Tempelturm'. Mein Freund Arpan verbrachte dort viel Zeit, während ich mich vor allem in den Gasthäusern aufhielt, um bei einigen Tassen Tee den Gesprächen der Anwesenden zu lauschen oder mich selbst mit Fremden zu unterhalten. So lernte ich die Sprache. Jì Dé kümmerte sich vor allem um seine geschäfte, so dass er mich nur selten begleitete.
Inzwischen fiel ich, zumindest, was die Kleidung anbetraf, nicht mehr auf. Jì Dé hatte mich zu einem Schneider gebracht, der mir Kleidung herstellen sollte, die eines Gelehrten würdig war. Anscheinend waren Gelehrte hier hoch angesehen und in der Regel in gut bezahlten Positionen. Das erkannte ich an der Kleidung, die ich erhalten hatte. Zwei Sätze Unterkleidung aus ungefärbter Seide. Jeder Satz bestand aus einer langen Hose mit weiten Beinen, die man oben mit angenähten Bändern festziehen konnte, und einer Jacke mir eng anliegenden Ärmeln. Die Jacke überlappte vorne und wurde zunächst innen mit zwei Bändern fixiert und dann noch einmal außen. Darüber trug ich ein bodenlanges Gewand aus heller Seide mit floralen Stickereien aus blauer Seide. Die Ränder waren blau mit hellen Mustern. Die Ärmel waren weit und ohne entsprechende Ränder. Dieses Gewand wurde ähnlich wie die Jacke fixiert. Hinzu kam aber noch ein handbreiter Gürtel aus recht dickem Stoff, der mit blauer Seide überzogen war, der am Rücken mit Bändern zusammengebunden würde und ebenfalls mit Stickereien, vor allem vorne, verziert war. Dazu kam noch ein zweites Gewand, das ähnlich geschnitten war, aber aus dunkelblauer Seide ohne Verzierungen bestand und mit einem ebenso wenig verzierten Gürtel. Außerdem hatte ich eine Kopfbedeckung aus schwarzer Seide erhalten, die im Prinzip nur eine einfache Kappe war. Komplettiert wurde alles durch drei paar Schuhe aus Seide mit dicken Ledersohlen. Das erste paar war weiß, das zweite dunkelblau und das dritte aus ungefärbter Seide. Dafür war das dritte paar aber zusätzlich mit dickerem Stoff gefüttert. Außerdem hatte ich noch eine weitere, eng anliegende, Hose aus feinem Stoff, der aber keine Seide war, eine entsprechende Jacke als Unterkleidung und ein weiteres Gewand aus dem gleichen Stoff, das aber nicht ganz so lang war, wie die Übergewänder. Diese Kleidungsstücke, die nicht aus Seide waren, sollten im Winter als zusätzliche Kleidungsschichten Wärme spenden.
Momentan war es aber noch angenehm mild und deshalb keine Winterkleidung nötig. So war ich meistens in der hellen Kleidung unterwegs. Da es doch die am häufigsten von mir getragene Kleidung war, hatte ich die gleiche Kleidung noch einmal bei dem Schneider bestellt, inklusive einem weiteren paar Schuhe.
Man merkte, dass die Tage und Nächte kühler wurden, doch noch war es angenehm. Stärker bemerkte man den Herbstbeginn durch häufige Regenfälle, die auch mal stärker sein konnten. Hier waren die ausladenden Dächer ziemlich praktisch und wahrscheinlich auch notwendig. Irgendwie gefiel mir die Stadt, zumal Höflichkeit hier sehr wichtig war und alle nicht nur mit mir, sondern auch miteinander, stets sehr respektvoll umgingen. Das war in Rom nicht immer so. Andererseits hatte ich mich hier bisher auch noch nicht in die wirklich schlechten Viertel verirrt. Das wollte ich als komplett in Seide gekleideter Mann aber auch nicht. Seide war hier zwar deutlich günstiger, als in Rom. Dennoch konnten sich auch hier nur Kaufleute, wohlhabendere Handwerker, Beamte und Adlige Seide leisten. Bei den Beamten war ich aber nicht sicher, ob diese ihre Amtskleidung selber bezahlen mussten.
Da es wieder einmal regnete, suchte ich in einer Taberna Unterschlupf und trank eine Tasse Tee. Als der Regen weniger wurde, kam ein junger Mann auf mich zu und verneigte sich.
"Ehrenwerter Yún Yiù, mein Meister, Cáo Qiáng, lädt Euch ein, mit ihm über Philosophie zu diskutieren," sprach der junge Mann.
Da ich inzwischen etwas über die hiesigen Sitten, vor allem der Oberschicht, gelernt hatte, wusste ich, wie ich mich zu verhalten hatte und erwiderte eine leichte Verneigung. "Der ehrenwerte Cáo Qiáng ist sicher ein bedeutender und hochgelehrter Mann. Ich hingegen bin nur ein einfacher Mann, deshalb bitte ich um Verzeihung, doch ich bin der Einladung deines Meisters unwürdig."
Der junge Mann verneigte sich erneut. "Ehrenwerter Yún Yiù, Ihr seid weit gereist und habt viel von der Welt gesehen. Allein das macht Euch zu einem gefragten Gesprächspartner. Mein Meister wäre hocherfreut, Euch zu sehen."
Wieder verneigte ich mich leicht. "Junger Herr, weit gereist sind auch viele Händler. Das allein ist kein Verdienst, mit dem es sich geziemte, sich zu schmücken. Euer Meister würde nur seine Zeit mit mir verschwenden."
Noch einmal verneigte sich der junge Mann. "Eure Bescheidenheit ehrt Euch, Yún Yiù, doch hat mein Meister vernommen, dass Ihr nicht als Händler, sondern als Gelehrter hierher gereist seid. Er wäre geehrt, wenn Ihr Euch mit ihm austauschen würdet. Ich muss Euch deshalb bitten, die Einladung meines Meisters anzunehmen."
Nun erhob ich mich aus meinem Stuhl und richtete meine Kleidung. "Da ich Euch nicht überzeugen konnte, Eures Meisters unwürdig zu sein und ich weder Euch, noch Euren Meister, beschämen möchte, werde ich seiner Einladung folgen."
Der junge Mann verneigte sich noch einmal und deutete mir, ihn zu begleiten. Nachdem ich meinen Tee bezahlt hatte, verließen wir zusammen die Taberna.