Kein Wunder, dass Matidia im Moment so unordentlich gekleidet war, denn sie war ja gerade erst aufgestanden. Und befand sich hier an einem Ort, den sie tatsächlich für den Moment als ihr Zuhause bezeichnete, auch wenn dies ja, trotz allem, irgendwie nur vorübergehend sein sollte. Dafür verweilte sie zugegeben schon recht lange in Germania und fühlte sich hier auch ziemlich wohl.
Natürlich war das hier keine Feier, der Kommentar war richtig, sogar in der Hinsicht, dass Mogontiacum es sicherlich nicht mit Rom aufnehmen konnte, was es selbstredend aber auch nicht versuchte. Dennoch passte ihr der Einwand nicht, und ihre feinen Augenbrauen verengten sich ein wenig mehr. "Dann verlegt eben ... das was ihr hier macht.", murmelte sie grummelnd, zupfte ihre Tunika zurecht und rieb sich indessen mit einem nackten Fuß über die andere Wade, da es tatsächlich ein wenig frisch wurde, so abseits der Liege.
Als Scato die Sache dann förmlich aufklärte, verharrte sie in der Bewegung, eine Haarsträhne, welche sie notdürftig hinter ein Ohr zurück schieben wollte, in der Hand, starrte ihren Bruder mit großen Augen an und ihr Unterkiefer klappte hinab, was ihrer Erscheinung den letzten Rest an römischer Anmut nahm. Möglich, dass sie hier irgendwelchen Erwartungen nicht entsprach, aber sie war eben auch eine unbeaufsichtigte junge Frau, die hier in der letzten Zeit mehr oder weniger hatte tun und lassen können, was sie wollte. Es hatte nicht immer ihre besten Verhaltensweisen hervorgebracht.
"Tacitus?", wiederholte sie und schaute kurz zu Scato, der sich aber wohl keinen Scherz erlaubt hatte. Dann sah sie wieder zu ihrem Bruder, den anderen Mann, Stilo, ignorierte sie unhöflich, aber vielleicht verständlicherweise. "Du bist hier?"
Damit hatte sie nicht gerechnet, und plötzlich wurde ihr wieder bewusst, wie einsam und verlassen sie sich hier auch schon gefühlt hatte, wie alleine sie mit ihrer immer noch siechenden Mutter gewesen war, und wie sehr sie sich an eine ihr bekanntere Umgebung gewünscht hatte, oder zu jemandem, den sie kannte oder gar vertraute. Ja, sie hatte Scato, der wirklich viel getan hatte, und natürlich auch andere Bekanntschaften und mehr, aber das hier, ihr Bruder, war etwas anderes. Natürlich hatte sie ihn lange - ewig - nicht mehr gesehen, sie wusste nicht, wie er als erwachsener so war, und war somit vielleicht auch eigentlich ein Fremder, aber er war ihr Fleisch und Blut und versprach ein Gefühl von Sicherheit, welches sie vermisst hatte. Natürlich konnte sie das sehr gut überspielen, aber gerade bekam diese sorgsam aufgebaute Mauer um ihr Inneres ein paar Risse.
Ohne abzuwarten oder zu zögern eilte sie, erneut höchst undamenhaft, auf den Bärtigen zu, und schlang ungefragt ihre Arme um ihn um sich an ihn zu drücken. Tacitus war schon immer ein Mann des Geistes gewesen, darum war er ja auch nach Alexandria gegangen, während Matidia ihrem Herzen folgte, eventuell manchmal etwas zu sehr, weil sie es sich eben leisten konnte. Seine recht kühlen Worte eben unterstrichen das, aber der jungen Frau, die in diesem Moment wieder deutlich mehr wie ein Mädchen aussah, war das egal, denn in ihren Augen standen Tränen und sie genoss die brüderliche Nähe. "Danke.", sagte sie leise mit belegter Stimme nah an seinem Ohr.