Die ersten Worte des Mannes ließen vermuten, dass er nicht aus Germanien stammte, er wirkte deutlich wie ein Römer, wenn auch nicht wie einer, der aus der ewigen Stadt selbst kam. Letztlich war auch klar ersichtlich, was er getan hatte und warum, er hatte, das meinte er wohl, gesehen, wie sie fror und ihr ein Tuch oder so etwas in der Art um die Schultern gelegt. Das war im Grunde löblich, da würde sie ihm recht geben, aber er hatte sie eben nicht zuerst gefragt oder auch nur kurz auf seine Anwesenheit hingewiesen, und die junge Frau war gerne Herrin der Lage.
Das empörte Funkeln ihrer Augen schwankte zwischen einer gewissen ziellosen Bockigkeit, weil sie nicht bereit war, zuzugeben dass der Mann und Camelia eventuell doch nicht so falsch lagen, einer bemühten Unnahbarkeit und einem Anflug von Unsicherheit, da der Mann mit dem Schal so groß und beeindruckend auf sie wirkte. Wenn er mit dem Feuer spielen wollte, hatte er sich auf jeden Fall die Richtige ausgesucht! Sie konnte sich nur ausmalen, dass es sich vermutlich um einen Soldaten handelte, darauf ließ auch die Narbe im Gesicht wirken, welche seine Erscheinung aber eher noch unterstrich. Ob sie sich unter anderen Umständen zweimal nach ihm umgedreht hätte, wie sie das gerne einmal bei anderen Männern tat, die ihr gefielen? Unwahrscheinlich, aber nun hatte er natürlich ihre Aufmerksamkeit. Und dass er eigentlich nur die Intention gehabt hatte, für ihr Wohlergehen zu sorgen, schrieb sie ihm insgeheim ebenfalls gut. So wollte sie ja im Grunde auch behandelt werden!
Dass sie sich mit ihrer eigentlich ablehnenden Körperhaltung ihm eventuell sogar noch ein wenig mehr präsentierte als sie wollte, kam ihr nicht in den Sinn. Stattdessen interessierte sie vielmehr, wie der Mann hieß. Ein Decurio also, die Vermutung war also richtig. Und ein Matinier, das war eine nicht minder wichtige Information. Er stammte also aus einer guten Familie, nur schienen seine Sitten durch den Dienst in der Armee ein wenig abgeschliffen. Oder vielleicht war das hier im Norden auch einfach so üblich, egal was er sagte? Die Nähe zu den Barbaren vielleicht? Matidia ließ ihren Blick einmal demonstrativ an ihm hinunter und wieder hinauf gleiten. “Salve, Publius Matinius Sabaco. Iunia Matidia. Aus Roma.” Sie hob eine fein gezupfte Braue. “Eine Warnung wäre dennoch nicht verkehrt gewesen. Ich danke für die Absicht, aber…” Sie rieb sich mit der freien Hand über einen Oberarm und hob das Näschen ein wenig mehr. “...ich bevorzuge feinere Stoffe.” Dennoch hielt sie den Blick auf den beeindruckenden Augen, die sie nicht so ganz los ließen. Da spielten feine Sitten manchmal eine ganz untergeordnete Rolle.