Der Wettstreit der Rhetoren - die Rückkehr der Redenschwinger

  • Gespannt darauf was als nächstes kommen würde, erwartete Iulia den nächsten Rhetor. Der auftretende Mann war ihr völlig unbekannt. Er begann zu sprechen und nach den Darbietungen von Iulius Caesoninus und Valerius Flaccus hatte sie größte Erwartungen an ihn. Doch leider wurde sie enttäuscht.
    Schon ab der Hälfte war für Iulia klar, dass dieser Kandidat mit den beiden vorigen nicht mithalten konnte. Seine Rede hatte nicht die Wortgewalt eines Caesoninus, aber auch die Technik eines Flaccus fehlte. Insgesamt kam ihr die Rede ein wenig "altbacken" vom Gefühl her vor. Wo sonst man außer in Rom auf großer Bühne Reden halten konnte? Ganz klar in Griechenland in den großen Poleis wie Sparta und Athen. Selbsterniedrigung, indem man sich selbst unnötigerweise als "unbekannten Mann" bezeichnete, ebenfalls ein Minuspunkt. Wenn man schon auf der Rostra am Forum Romanum war, hatte man ja die Chance genau diesen Umstand zu ändern und ihn nicht auch noch in die Breite zu treten! Apropo Forum Romanum, hatte der Kerl in seiner Rede gerade ernsthaft den ehrwürdigsten und ruhmreichsten Platz dieser Stadt beleidigt und als "unschön" abgestempelt? Das wurde ja immer besser! Die folgenden endlosen dankenswerten Aufzählungspunkte fand sie ehrlich gesagt ein wenig ermüdend, was nicht alles toll an ihnen, den Römern war und wer nicht schon alles an ihre Tür geklopft hatte (also von den "Bösen" jetzt).


    "Die Worte meiner Rede werden schnell verhallen"
    Oh ja, das war ein wahres Wort, mein Freund, dachte sie sich. Das Beste kam dann natürlich noch am Schluss, als der Redner jetzt schon einmal den Tod aller heute hier anwesenden Zuhörer rhetorisch vorweg nahm. Egal ob ihr Typen da seid oder nicht, ob ihr alle längst Staub seid, Roma wird trotzdem groß sein, denn dazu braucht es euch nicht. Schöne Aussage.
    Ganz klar die schwächste der drei bisherigen Reden. Doch wie sah das wohl der Rest der Familie? Interessiert beugte sie sich zu Iulia Graecina hinüber und fragte sie: "He du! Sag mal, welche Reden haben dir bislang am besten und am schlechtesten gefallen?"

  • Die Rede des Valerius Flaccus fiel gut aus. Der Redner hatte Applaus verdient, auch wenn er nicht Menecrates' Sympathie besaß. Momentan lag er vorn. Ob der nächste Kandidat die Möglichkeit besaß, sich an die Spitze zu setzen, konnte der Claudier vorab nicht einmal vage einschätzen, weil er Quintilius Luscus nicht kannte. Alleine diese Tatsache erhöhte die Spannung.
    Der Anfang des Vortrags packte Menecrates noch nicht, aber Quintilius steigerte sich. Als der Ausruf 'Roma Victrix!' erklang, berührte er sogar das Herz des alten Soldaten. Für Menecrates stand fest, selbst wenn er einmal nicht mehr aktiv im Militärdienst stand, würde sein Herz immer in diesem Takt schlagen. Ein wenig nachdenklich verfolgte er den Rest der Rede. Sie war gut, ohne Zweifel. Sie berührte ihn auf eine andere Weise als die des Valeriers und leicht würde es nicht fallen, eine der beiden zu favorisieren, weil sie unterschiedliche Stärken besaßen. Menecrates ließ beide in sich nachhallen, wenngleich die Letzte allein vom Ablauf her präsenter als die Vorangegangene war. Er spendete Applaus, während die Gedanken kreisten.
    Er konnte sich die Versonnenheit leisten, weil er nicht für den weiteren Ablauf verantwortlich war und so lange keine Aufforderungen erklangen, gab er sich den Abwägungen hin.

  • Je länger ich hier stand desto mehr zog mich das ganze Roma-Gerede in seinen Bann und ich applaudierte schon ganz automatisch. Tja, diese Männer standen vermutlich auch nicht ohne Grund hier. Das war die Zukunft Roms, die Zukunft der Schönredner. Wären das Wahlreden hätte ich nach oben gerufen was den Waisen und Obdachlosen die schönen Plätze und Bauwerke nutzten von und aus denen man sie immer vertrieb. Auch aus den Säulengängen mit den Lehrern.
    Aber es waren keine Wahlreden. Und ja, ich musste ja auch irgendwie zugeben dass viele es schon gut hatten in Rom. Inklusive mir. Aber trotzdem! Es könnte alles noch viel gerechter sein!

  • [Blockierte Grafik: http://www.niome.de/netstuff/IR/nsc/redner.jpg] | Calpetanus


    "Vielen Dank, Servius Quintilius Luscus, dies ist dein Applaus!"
    drängte Calpetanus sich wieder in den Vordergrund der Rednerbühne, ließ dem Redner jedoch noch seinen gebührenden Applaus, ehedem er ihm bestätigend zunickte und zur Treppe hinab wies.


    Sodann wandte er sich wieder dem Publikum zu.
    "Das war schon die Hälfte unser Kandidaten! Oder erst? Wie auch immer, hochverehrtes Publikum, ihr sollt nicht lange warten, denn es geht schon weiter mit unserem nächsten Redner: Titus Decimus Scapula! Bühne frei und Applaus auch für ihn!"

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Auch der nächste Redner, Quintilius Luscus, hatte einen wortgewaltigen Auftritt, zugleich war seine Rede... weniger pompös hätte ich gesagt, feinsinniger als die vorherigen.
    "...nicht nur vor den Mauern..." murmelte ich leise, mehr zu mir selbst, als er von den ausgestandenen Bürgerkriegen sprach. Wie schnell war die letzte Schändung des Pomeriums in allgemeine Vergessenheit geraten.
    Kunstvoll beschwor er zuletzt das Ewige und das Vergängliche. Dies rührte mich auf eine melancholische Weise an, so dass ich, nachdem er verstummt war, selbst einen Augenblick still stand, bevor ich bewegt und lange Applaus spendete.


    Harte Konkurrenz für Scapula, der nun seinen großen Auftritt hatte. Ich war wirklich gespannt darauf und stimmte lautstark in den Begrüßungsapplaus ein, als er die Rostra betrat. Auch die strategisch übers Forum verteilten Klienten machten sich schon mal warm.




  • Als nächstes folgte Quintilius Luscus, ein dem Decimer völlig unbekannter aber nichtsdestotrotz guter Redner. Scapula war noch lange nicht wieder auf dem aktuellen Stand über all jene von Rang und Namen – oder Interesse - in Rom und das würde sicherlich noch ein Weilchen dauern. Quintilius würde es wohl auf die Liste derer schaffen, die man sich merken sollte. Angespannt ließ er sich zu einem angemessenen Applaus hinreißen. Jetzt würde es ernst, als nächstes war er an der Reihe. Tief einatmen. Tief ausatmen. Der Applaus der Menge verebbte wieder und Calpetanus kündigte ihn an. Tief einatmen. Tief ausatmen und dann mit bestimmten Schritten zur Rostra.


    Oben angekommen blickte er euphorisch zum Publikum, sog die Menge in sich auf. Ein wahnsinniges Gefühl den der Applaus schon jetzt in einem auslöste. Kein Wunder, dass es so viele immer und immer wieder auf die Rednerbühne zog – wer einmal vom Kuchen probierte, kam schwerlich davon wieder los. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe sich die Menge wieder beruhigte. Scapula wartete noch einen kleinen Moment ab, dann legte er los:


    “Salve, ihr Bürger Roms! Ich frage euch: Liebt ihr Rom? Liebt ihr sie, die urbs aeterna?“ Er begann mit einer… eher rhetorischen Frage. Die Klienten seiner Familie, Freunde und Verwandte begannen zustimmend zu rufen und zu nicken, unbekannte Umstehende pflichteten bei. “Ich sehe das Nicken und höre eure Zustimmung und ja, wie kann man diese Stadt nicht lieben? Ist sie nicht die großartigste aller Städte? Was aber genau macht sie so großartig? Was macht Rom so besonders?“


    Begann Scapula seine Rede zentral auf der Bühne, bewegte er sich nun mit sicheren Schritten erst zur rechten und dann zur linken Seite der Bühne. Stets darauf bedacht, so viele der Menge mit seinen Worten und auch seinem Blick zu erfassen. Der Abschluss dieser Choreographie würde jedesmal in der Mitte sein und von einer gewichtigen Pause untermalt.


    "Lasst mich euch von Rom erzählen, aber bedenkt: Das ist nur ein Teil des Bildes, so wie jeder meiner Mitbewerber ihrerseits nur einen Ausschnitt gezeigt hat oder zeigen wird. Wie könnte man nur imstande sein, die Größe und Erhabenheit dieser Stadt vollständig zu fassen? Muss man nicht ebenso erhaben sein wie Rom selbst? Nun denn:
    Über die Schönheit Roms wurde schon viel geschrieben – und ja, Rom ist eine wunderschöne Stadt! Was könnte man da noch hinzufügen? Aber auch: Ist die reine Schönheit einer Stadt ein hinreichendes Maß für dessen Großartigkeit? Ich bin viele Jahre gereist und sah viele wunderschöne Städte, nicht zuletzt in Alexandria habe ich einige Zeit verbracht. Schönheit kann man dort an vielen Orten finden doch ist diese Stadt in Bezug auf Bedeutung, Größe und Ruhm weit entfernt von Rom. Die Schönheit alleine ist bei weitem nicht ausreichend um zu beschreiben, was Rom zu besonders, so großartig, so bedeutsam macht."


    Da war sie, die gewichtige Pause. Sie würde allerdings nicht so lange sein, denn der Decimer wollte seine Zuhörer nicht mit zu vielen Fragen und Unklarheiten zurück lassen.


    "Von den vielen Merkmalen Roms, sticht für mich eines ganz besonders hervor: Rom ist. Rom steht. Und nicht nur das. Rom wächst!"


    Decimus Scapula stand zentral auf der Bühne und ließ einen Moment verstreichen, in der er die Menge aufmerksam begutachtete. Er hatte keine Ahnung, was er aus ihr lesen sollte, also fuhr er fort und begann dabei wieder seinen Tanz von einer zur anderen Seite der Bühne.


    “Ist diese Tatsache alleine nicht ein untrügliches Zeichen für Roms Größe? Was ist dieser Stadt schon alles widerfahren? Marodierende Barbaren, verheerende Feuer und spaltende Bürgerkriege – immer wieder sehen wir uns konfrontiert mit Bedrohungen von außen und von innen und doch steht Rom noch immer, wird größer und größer. Unaufhaltsam. Wo andere Städte, andere Reiche zerfallen oder zumindest stillstehen, hat uns jedes Hindernis, jede Bedrohung nur noch größer macht. Rom ist das Zentrum einer Zivilisation, die ihresgleichen sucht und es wird nicht fallen. Rom wird standhaft sein und überdauern, denn wir haben etwas Entscheidendes, was anderen fehlt: Euch!"


    Ein weiteres Mal war seine Runde beendet, sein letztes Wort unterstrich er mit einer einladenden Handbewegung in die Menge. Diese Rede war nicht nur Rom, sondern auch seinen Bürgern gewidmet. Bürgern, wie sie hier und heute vor Ort waren, dessen Aufmerksamkeit er genoss und die ihn mit diesem donnernden Applaus auf die Bühne geholt hatten.


    “Beruht denn alles was eine Stadt ausmacht nicht auf seinen Bewohnern? Wer wenn nicht wir sorgen mit unserem Denken, unserem Handeln und unserer Liebe für diese Stadt dafür, dass Rom jeden Tag aufs Neue die großartigste aller Städte ist? Wer wenn nicht wir sorgen dafür, dass der römische Geist bis in den hintersten Winkel der Welt getragen wird? Wir alle leisten unseren Beitrag, um den Ruhm der Ewigen zu mehren.“


    Scapula würde keine weitere kontrollierte Runde über die Bühne drehen. Nein, sporadisch würde er sich einzelne Menschen aus der Menge herauspicken und sie direkt ansprechen – oder zumindest so tun. Es war eine kleine Kunst in der Masse einen ganz bestimmten, niemanden und alle zusammen gleichzeitig zu adressieren:


    “Sei es der Töpfer, der jeden morgen seine Handwerkskunst zum Besten gibt; der Bäcker, der seinen Teil zur Versorgung Roms beiträgt; der Urbaner, der im inneren der Stadtmauern für Recht und Ordnung sorgt; der Priester, dessen Ratschläge und kultischen Hilfestellungen in jeder Hinsicht unerlässlich sind; der Senator, der die Geschicke dieses Reiches lenkt und nicht zuletzt der Imperator Aquilius selbst, der über alles sein wachendes Auge hat und seine schützende Hand legt."

    Die letzte Ansprache galt nicht der Menge vor ihm, sondern der Richterbank. Genauer gesagt der Augusta, die dem Imperator von allen Anwesenden natürlich am nächsten kam. Wenn es in einer Rede um die Bürger Roms ging, durfte der Imperator nicht fehlen. Zum einen war er essentieller Bestandteil, zum anderen könnte die Rede ohne Erwähnung auch leicht... anders aufgefasst werden. Das wollte Scapula vermeiden. Ohne große Unterbrechung fuhr er fort. Nun folgte der Schluss, eine kurze Zusammenfassung des Gesagten und ein Appell an alle Zuhörer:


    “Lasst mich euch sagen: Eine Stadt ist nur so groß wie seine Bürger – was Rom so besonders macht ist für mich nur allzu offensichtlich: Es hat die großartigsten! Lasst uns also weiterhin dafür sorgen, dass Rom weiterhin sein wird.“


    Damit beendete Scapula seine Rede mit einem wohlwollenden Lächeln zum Publikum und einem leichten Nicken zur Richterbank. Er vertraute seinen Anheizern, dass sie genügend Stimmung machten und verließ die Rostra in Richtung seiner Familie.

  • Ja! Alle liebten wir Rom. Ja! Die Stadt konnte man gar nicht nicht lieben! Ja! Sie war die großartigste der Städte.
    Ich grinste beifällig in mich hinein, als mein Vetter so kundig die Menge in seinen Bann schlug. Schlag auf Schlag ging es weiter, und nach den nachdenklichen Worten seines Vorredners leuchtete die schöne patriotische Begeisterung in Scapulas Rede um so heller. Nur bei dem Exkurs zu Alexandria wurde mir kurz etwas bang für ihn – denn ja, Alexandria schlug, rein ästhetisch gesehen, unser Rom um Längen, und das hörte kein stolzer Stadtrömer gern - aber er kriegte die Kurve mit einem klassischen Dreiklang und verortete die gepriesene Größe in uns, den Bürgern Roms.
    Ich nickte energisch. Er sprach mir aus der Seele. Prägnant und wahr. Es lag an jedem Bürger, seinen Beitrag zu leisten.
    "Genau so ist es!" rief ich und stimmte überschwänglich in den donnernden Applaus ein. Der Claqueure hätte es gar nicht bedurft. Schade dass sich keiner getraut hatte, mit mir zu wetten, ich sah Scapula ganz vorne, Kopf an Kopf mit dem Valerier.


    :app::app::app::app::app:


    Wie einen siegreichen Gladiator empfing unser Trupp den zurückkehrenden Scapula.
    "Großartig, Vetter! Du hast uns alle Ehre gemacht."




  • Rom wächst. Von wegen. Rom wucherte. Und in Rom wucherte die Sünde wie eine bösartige Krebszelle. Sie fraß sich durch die ach so schöne Stadt in Form von Hochmut und Machtstreben. Da oben saß sie auf ihren Richterstühlen und suhlte sich in der Begeisterung der verblendeten Masse.


    Marodierende Barbaren, verheerende Feuer und spaltende Bürgerkriege waren dieser Stadt widerfahren. Sicher, aber das größte Übel kann doch aus ihrem Innersten. Die Gleichgültigkeit mit der die oberen Tausend runter schauten auf die einfachen Menschen. Die Unmenschlichkeit mit der sie Sklaven traktieren und sie wie Vieh behandelten. Die Prasserei und Prahlsucht, nicht nur bei ihren Gelagen sondern auch in den Augen vieler Frauen auf dem Markt. Nicht zuletzt der Kadavergehorsam mit dem sie ihren falschen Götzen dienten und dabei nur die bereicherten die sowieso zu viel hatten. Und doch hatte der Redner recht. Rom wurde trotzdem immer größer oder eben gerade deswegen. Wie die wuchernde Geschwulst.


    Er versuchte noch die Bürger zu bauchpinseln. Aber ich wollte mich nicht zu dieser großartigen Wucherung zählen. Nein, ich wollte die Geschwulst in der Wucherung sein. Ich wollte sie aufbrechen und heilen. Ich wollte mein Rom zu einem besseren Rom machen. Zu einem der Nächstenliebe und Bescheidenheit, ohne Sünde.


    Ich glotzte etwas abwesend zur Bühne hoch bevor ich mechanisch in das Klatschen einstimmte.

  • [Blockierte Grafik: http://www.niome.de/netstuff/IR/nsc/redner.jpg] | Calpetanus


    Noch während die Zuschauer applaudierten zog sich Calpetanus am Geländer der Treppe wieder auf die Rostra und verschnaufte nur kurz.
    "Dieser Applaus gebührt dir, Titus Decimus Scapula! Vielen Dank für deine Rede!"


    Der Wettbewerb war näher an seinem Ende denn seinem Beginn, doch noch erwarteten die Menge zwei weitere Beiträge, welche das Potential hatten die bisherigen Favoriten der Richter, aber auch der Menge auf die hinteren Plätze zurückzuweisen.
    "Als nächster Kandidat, werte Zuhörer, erwartet euch Norius Carbo! Einen donnernden Applaus für den Mann aus dem Norden!"

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Zitat

    Original von Quintilia Valentina


    Voller Erwartung hafteten meine Augen an Domina Valentina. Aber wenn ich darauf gehofft hatte, recht zeitnah eine Antwort zu bekommen, dann war ich in dieser Hinsicht schief gewickelt. Gekonnt ignorierte sie mich und hörte stattdessen den Redenschwingern zu. Mich interessierte es nicht die Bohne, was diese Wichtigtuer von sich gaben. Na ja, die einzige Ausnahme war natürlich Dominus Scapula.
    Dann kam mir mein eigener Dominus noch in die Quere. Huch, woher kam der denn? Na ganz egal, er hatte es irgendwie doch noch geschafft, zu dem Wettbewerb zu kommen. Nun becircte er seine Verlobte. Doch alldem zum Trotz, wandte sie sich nun doch mir zu. Sie hörte sich an, worum ich sie bat. Allerdings wurde mir bei ihrer Antwort ziemlich schnell klar, wie naiv ich gewesen war. Natürlich gab sie mir nicht ihr Wort, Silas helfen zu wollen. Aber wenigstens wollte sie ihn anhören, wenn er wieder da war. Wenn er denn jemals wieder kommen sollte. Vielleicht war es ja besser, wenn er niemals gefunden wurde. Dann war Silas frei. Vielleicht hatte er es ja in ein fremdes Land geschafft, fernab von Rom, wo niemand ihn je wieder habhaft werden konnte. ‚Ja, Silas, hoffentlich hast du noch ein schönes Leben‘, dachte ich und konnte es nicht verhindern, dass mir eine einzelne Träne über die Backe lief. Boa, jetzt bloß nicht losflennen, ermahnte ich mich. Dann nickte ich Domina Valentina zu und lächelte. Wahrscheinlich hatte sie selbst gemerkt, dass ihre Antwort für mich nicht der Brüller gewesen war. Das war dann wohl auch der Grund, weshalb sie mir eine der letzten Erdbeeren schenkte. „Danke, Domina!“, sagte ich brav, nahm die Erdbeere und biss genüsslich hinein. Wahnsinn, diese Süße… dieser Geschmack! Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Schließlich bekam man nicht alle Tage so etwas Leckeres geschenkt.

  • Carbo hatte wie versteinert hinter der Rostra gestanden und einem Redner nach dem anderen gelauscht. Oh Mann, die waren alle so gut!
    Er spürte schon, wie ihm in der Magengegend schön langsam so richtig schlecht wurde.
    Ein Glück nur, dass ihm in seiner Nervosität nicht das ganze Ausmaß der Szenerie bewusst wurde. Gleich würde er auf die Rostra steigen, jenes altehrwürdige Objekt menschlicher Handwerkskunst, und von dort zum Volke Roms sprechen, genau an jener Stelle, wo früher einst schon so große Namen wie Lucius Appuleius Saturninus, oder Marcus Tullius Cicero die römischen Bürger mit ihrer Wortgewalt beeindruckt hatten. Denn wäre es so, nicht einmal die Götter hätten es verhindern können, dass Carbo sofort auf der Stelle in Ohnmacht fiel.


    Er erschrack auch so schon heftig genug, als er plötzlich von oben herab Calpetanus' Ankündigung seiner Person vernahm. Carbo schluckte, fuhr sich noch einmal durch die Haare und begann dann die erste Stufe emporzusteigen. Es war ihm, als würde jede Stufe immer höher und immer schwerer zu erklimmen sein, als die letzte, doch nach einer gefühlten Ewigkeit (real waren es nur einige kurze Momente) stand er endlich oben auf der Rednertribüne. Aberhunderte von Augenpaaren waren auf ihn gerichtet. Vor so vielen Menschen hatte Carbo noch nie gesprochen. Einen Moment stand er einfach nur da und blickte wie ein gelähmtes Rehkitz in die Masse unter sich. Schon wollte er ansetzen zu sprechen, doch der Anfangssatz war ihm entglitten. Noch einmal schluckte der Junge und sah kurz zu Boden, ehe er aufblickte und zu sprechen begann, so laut und deutlich wie er es im Moment schaffte:


    "Ihr Bürger Roms,


    ich bin heute hier, um euch zu berichten, wie Rom auf jemanden wirkt, der nicht so ist wie ihr. Ich spreche von Menschen, die anders als ihr erzogen wurden, die zu anderen Göttern als ihr beten und was das wichtigste ist, die nicht die römischen Bürgerrechte inne haben. Von Peregrini."


    Carbo stand einfach nur da und sprach seine ehrlich gemeinten Worte. Ohne künstliche Betonung, oder große Gesten. Wieso sollte er auch, er hatte nie von einem Rhetor all diese Feinheiten gelernt. Wenn er Pech hatte, würden ihm die Leute das negativ ankreiden, mit ein wenig Glück jedoch würde das seiner Rede zugute kommen und seine Einfachheit und Bescheidenheit unterstreichen und bestärken, mal sehen. Unverändert sprach er weiter, dabei ruhig auf seinem Platz stehend und einmal dahin und mal dorthin in die Menge blickend und fallweise die Hände für kleinere Gesten einsetzend.


    "Mein Name ist Norius Carbo, Bediensteter des imperialen Cursus Publicus und schon mein ganzes Leben lang bin ich einer dieser Peregrini. Lasst mich euch davon erzählen, wo ich herkomme und wie ich aufwuchs, damit ihr die Schönheit und die Strahlkraft Roms umso mehr erkennt, ihr, die ihr das volle Bürgerrecht genießt.
    Geboren bin ich in Noricum als Nachfahre einer Linie großer norischer Häuptlinge und erzogen wurde ich von einem Griechen. Keiner der genannten hatte jemals von sich behaupten können Römer zu sein und ich denke das hat sie auch nicht weiter gestört. Ich aber, sah das schon als Kind anders. Schon in jungen Jahren wusste ich, dass Rom allein die Zukunft ist und allein der Umstand, dass ich heute überhaupt hier vor euch stehe und zu euch spreche, ist Rom geschuldet. Ich verdanke so viel diesem wunderbaren Ort. Rom gab mir in Germania Superior Essen und Obdach neben einer guten Arbeit und später bekam ich sogar als bloßer Peregrinus die Chance mich im fairen Wahlwettstreit, ganz nach römischer Tradition für ein Amt als Magister Vici durchzusetzen und damit den Grundstein für eine politische Karriere in der Provinz zu legen.
    Ja und hier in Rom selbst hat mich der Dienst im Cursus Publicus wohlhabend gemacht. Ich verdiene ein solides Einkommen und muss keine Not mehr fürchten. Alles was ich heute habe und alles was ich heute bin verdanke ich Rom!


    Rom alleine hat dafür gesorgt, dass es mir an nichts fehlt und dass ich sicher von Gallien nach Italien reisen kann, ohne fürchten zu müssen in die Fänge mordlustiger Barbaren zu fallen. Dank Rom gibt es Frieden in der Welt und jeder erhält von ihr das Geschenk der Zivilisation, sowohl die Römer selbst, als auch wir Peregrini und das ist gut so!


    Denkt euch nur einmal für einen kurzen Augenblick eine Welt in der es Rom nicht gibt. Was das für ein Ort wäre und wie die Menschen dort leben müssten. Wolltet ihr in so einer Welt leben? Ich sage euch, Bürger, ich nicht! Rom ist die Zukunft und der Quell allen Gutens und Fortschrittlichen und ich werde weiter daran arbeiten und nicht ruhen, ehe auch ich das Bürgerrecht erhalte und zu euch gehöre.
    Rom ist das irdische Elysium und wird nicht eher fallen, als auch der Rest der Welt zu Grunde geht!
    "


    Hatte er alles gesagt? Carbo war sich nicht sicher. Er hatte alles gesagt, was ihm sagenswert erschien, so blickte er noch einmal kurz in die Menge und deutete kurz eine Verbeugung an, ehe er sich umdrehte und die Treppen der Rostra wieder hinabschritt. Noch immer konnte sein Geist nicht fassen was gerade passiert war, doch später dann am Abend würde er -unabhängig vom Ausgang des Wettbewerbs- ein riesiges Gefühl des Stolzes in sich spüren und zur Feier des Ereignisses mächtig in der Taverna Apicia anstoßen. Er, Norius Carbo hatte in Rom am Forum Romanum von der Rostra aus zum römischen Volk herab gesprochen! Welcher andere seiner Bekannten in Mogontiacum konnte das von sich behaupten? Die Wege der Götter waren meistens wirklich unergründlich. Ob sich wohl jetzt dadurch auch mehr Römer seinen Namen gemerkt hatten? Er würde das wohl bei seiner Arbeit sehen in den kommenden Tagen.

  • Nach dem totalen Reinfall des Luscus folgte der nächste Redner, einer von den Decimern. Iulia kannte ihn nicht und sah ihn heute zum ersten Mal. Was er wohl auf dem Kasten haben mochte?
    Jedenfalls begann er zu sprechen und so lauschte sie interessiert. Diese Rede gefiel ihr wieder besser, auch fiel ihr auf, dass Decimus Scapula das gleiche rhetorische Stilmittel wie ihr Vetter verwendete, als er drei Eigenschaften für Rom direkt hintereinander verwendete. Auch das direkte Ansprechen der Zuhörer war ein Pluspunkt. Zwei oder drei Mal ließ er zwar Satzenden bzw. Hauptwörter weg, was den Stil etwas minderte, jedoch alles in allem eine ordentliche Rede. Autsch, was war das jedoch am Schluss? Ganz schlimme Wortwiederholung mit „weiterhin“. Iulia klatschte wie die anderen Zuseher jedoch auch. Dann kam ein ganz besonders exotischer Teilnehmer, ein Nichtrömer!
    Anscheinend war der Kerl sehr nervös, denn er rückte nicht sofort mit der Sprache heraus. Dann aber klappte es. Der Peregrinus berichtete von seinem bisherigen Leben und was er darin nicht alles Rom zu verdanken hatte. Eine für sie doch sehr ungewöhnliche Weise Rom zu preisen, aber andererseits war es doch wieder irgendwo passend. Diese Rede stimmte sie auf jeden Fall nachdenklich über die gesagten Worte und über ihren eigenen Status als Römerin und ihre Beziehung zu Rom. Vieles was für sie immer selbstverständlich da gewesen war, hatten Menschen ohne Bürgerrecht nicht, nur bedachte man das im Alltag nicht. Norius Carbos Rede jedoch hatte ihr diesen Aspekt wieder in Erinnerung gerufen. Genauso wie bei Scapula klatschte sie auch hier natürlich hinterher.

  • Menecrates linste zuweilen nach rechts und nach links. Keiner der anderen Preisrichter ließ sich eine persönliche Vorentscheidung anmerken. Daher bemühte sich der Praefectus, jedem Redner den weitestgehend gleichen Applaus zu spenden, um auch sein Urteil nicht im Ansatz erkennen zu lassen.
    Ein neuer Redner trat an. Menecrates fragte sich, ob denn überhaupt eine Gleichbewertung möglich war, wenn die Richter beim ersten Kandidaten frisch und unvorbereitet waren, bei den folgenden das Abwägen zu den bereits gehörten Vorträgen nicht ganz abstellen konnten und schlussendlich irgendwann vielleicht an Konzentration verloren. Hin wie her, es galt das Beste daraus zu machen.

  • [Blockierte Grafik: http://www.niome.de/netstuff/IR/nsc/redner.jpg] | Calpetanus


    Calpetanus trat zu Norius Carbo und nickte ihm freundlich zu. Sein Beitrag hatte sich auf jeden Fall von den anderen abgegrenzt.
    "Applaus für Norius Carbo! Auch dir vielen Dank für deine Rede!"


    Der letzte Beitrag kam ebenfalls von einem Peregrinus, dass es noch einmal spannend würde werden, wie dieser Rom würde würdigen.
    "Beinahe sind wir am Ende der Reden angelangt, aber nur beinahe. Denn noch erwartet uns der letzte Kandidat! Dafür, dass er so lange ausharren musste, einen extra Applaus für Philo von Amastris!"

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • So sehr sie sich auch bemühte einen guten Blick auf die Bühne zu haben, sie kannte diesen Quintilier nicht. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Natürlich klatschte sie nach seiner Rede. Das war Ehrensache. Vielleicht fand der Mann dort oben ja später einmal den Weg in ihre Casa, dann konnte man sich unterhalten. Jetzt aber ging er erst einmal von der Bühne und der Redner weswegen sie eigentlich hier waren, trat vor.
    Mit einem Seitenblick sah Valentina nochmal zu Grian. Es tat ihr irgendwie leid, dass sie ihr nichts besseres sagen konnte. Aber es war nunmal so. Sie wusste ja nicht warum dieser Silas vermisst wurde. Sie hatte es aber ernst gemeint, dass sie ihn anhören würde und das war momentan alles was sie anbieten konnte.
    Valentina atmete tief durch, weil ihr wieder einmal klar wurde, dass ihr so oft die Hände gebunden waren und wandte sich wieder an Casca. Er schien immer noch etwas abwesend zu sein und so strich sie ihm mit der Hand über den Handrücken. Sie lehnte sich an ihn und hörte sich die Rede von Scapula. Nach so vielen Reden schwirrte ihr langsam der Kopf, doch sie klatschte pflichtschuldig, als Serapio neben ihr regelrecht ausrastete. Ihr Hände taten weh, als sie wieder aufhörte und der nächste Redner auftrat. Valentina legte ihren Kopf auf Cascas Schulter. Langsam wurde es wirklich langatmig diese Reden. Tapfer hörte sie zu, dachte nebenbei aber darüber nach, wie sie Casca wieder ein bisschen aufmuntern konnte.
    Wieder klatschte sie und leider gab der Redner bekannt, dass er noch jemanden gab, der gleich auftreten würde. Hörbar stieß sie die Luft aus und ergab sich in das Schicksal einer weiteren Rede.

  • Macer war mit dem Beitrag seines Klienten sehr zufrieden und hatte kräftig applaudiert, verbarg aber auch seine Freude an den anderen Reden nicht. Weil das Tjema vorgegeben war, waren sie sich natürlich alle recht ähnlich, aber auch darüber hinaus fand Macer allerlei wiederholt vorkommende Stilmittel, sowohl im Text als auch in der Gestik. Es würde für die Jury sicher nicht leicht sein, sich auf einen Gewinner zu einigen, dachte er sich und war froh, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen. Aber vielleicht kam ja mit sem sechsten Redner noch einer, der alle in den Schatten stellte und die Entscheidung damit doch wieder einfach machte. Macer wollte jedenfalls allen mit derselben Aufmerksamkeit zuhören und machte sich daher keine weiteren Gedanken über einen möglichen Sieger, während der letzte Redner aufgerufen wurde.


    Sein Klient Servius Quintilius Luscus hatte dagegen nach seinem Beitrag erst einmal eine Weile tief durchatmen müssen, um nach dem aufregenden und anstrengenden Moment auf der Rostra wieder ruhig und entspannt zu werden. Würde man ihn fragen, konnte er wohl nicht einmal mehr genau sagen, wieviel Applaus es nach seinem Beitrag war oder wer nach ihm aufgerufen wurde. Diesen Beitrag hatte er völlig verpasst und auch den nächsten eher halbherzig mitbekommen. Erst jetzt war er wieder locker, hatte einen Schluck getrunken und konnte sich rechtzeitig zum Abschluss wieder darauf konzentrieren, was die anderen Teilnehmer auf der Bühne ablieferten.

  • Die grüne Palla über den Kopf gezogen, so steht Philotima in der Menge der Zuhörer. Ein Bruder hat in ihrem Auftrag den Redner Philo von Amastris bei diesem Wettbewerb angemeldet. Auch alles weitere ist vorbereitet. Als der vermeintliche Philo an der Reihe ist, besteigt die Flavia ohne Zögern die Rostra.
    Sie schlägt das Tuch zurück. Ihre Stimme ist klar. Getragen von der Macht der ihr anvertrauten Botschaft und im geübten Duktus der Predigerin erklingt Philotimas Rede auf dem Forum Romanum:


    "Gibt es im weiten Erdenkreis ein Reich, das sich messen kann mit der Macht des ewigen Rom?
    Hat es jemals eine Stadt gegeben, deren Pracht der Herrin auf den sieben Hügeln gleichkam?
    Wird es jemals ein Reich geben, das an Vorzüglichkeit an das unsere heranreicht?
    Welch ein Wunder ist Roma!"
    , ruft Philotima aus, das Gesicht gen Himmel gehoben, aufrecht und vom Licht bestahlt, mit raumgreifender Geste und dem Anschein mitreißender Euphorie.
    "Die Welt staunt, geblendet vom Glanz der Ewigen. Aus allen Ländern reisen die Menschen herbei, die Wunderbare mit eigenen Augen zu sehen. Von Huldigungen überfließen ihre Altäre und stetig strömt das Gold der Provinzen heran, die Strahlende noch gleißender zu machen!"


    Ein Augenblick der Stille folgt. Die Flavia läßt ihren Blick über die Menge schweifen. Sieht die auf dem Forum versammelten Menschen. Die bessere Gesellschaft Roms. Die Würdenträger auf der Tribüne. Die Kaiserin selbst.
    Ein Bruch geht durch ihre Rede.


    "Ist es das, was ihr erneut hören wollt?", fragt sie eindringlich. "Ihr wackeren Männer und Frauen Roms, hohe Staatenlenker, ehrwürdige Augusta? Sind es weitere Worthülsen, nach denen euch der Sinn steht? Leere Phrasen, blumige Ornamente und rhetorischer Glitterkram?! Honig ums Maul?!
    Ihr, wir, alle Menschen der Stadt wissen es, ja das ganze Weltreich weiß es:
    Roma ist verdorben bis ins Mark."


    Anklagend erhebt die Prophetin die Hand gegen die Menge, fixiert Senatoren, vornehme Damen, besonders prachtvoll gekleidete Gestalten. Ein fanatischer Glanz, oder ist es ein gerechter Zorn, liegt in ihren Augen, als sie noch lauter wiederholt:
    "Bis ins Mark verdorben und verrottet!
    Woher rührt denn eure Macht? Aus Blut und Mord!
    Was liegt unter eurem falschen Glanz? Das Elend der Geknechteten!
    Und was finden wir, wenn einmal die Tünche der Vorzüglichkeit abgewaschen ist? Das Laster, das euch von innen zerfrisst!
    Ja, da steht ihr, überfressen und aufgeputzt in eitlem Purpur und mit goldenen Ringen, hier um den wortgewandtesten Schmeichler zu küren.
    In dieser Stadt gibt es Kinder, die haben nichts zu essen! Kinder, deren Eltern keine Bürger sind, Kinder bei denen man die Rippen zählen kann, und die ohne Schuhe sind, wenn der Winter kommt.
    Von dem, was einer eurer Purpurstreifen kostet, da würde eine ganze Familie ein Jahr lang satt!
    Ihr residiert in lichten Villen und kennt nicht das Elend der Armen, zusammengepfercht in den düsteren Verschlägen den Insulae, stets vom Einsturz und Feuer bedroht. Oder gar das derer, die ganz ohne Obdach, alt und krank auf den Straßen dieser Stadt dahinsiechen! Wie Vieh haltet ihr eure Sklaven, lasst sie schuften, bis sie daran sterben, nur damit ihr immer noch reicher werdet. Bis zum letzten Blutstropfen presst ihr die Provinzen aus, mordet ganze Völker, wenn sie nicht vor Roma in die Knie gehen!
    Und doch spürt ihr in euch die Leere. Ihr sucht sie zu füllen mit noch größerer Raffgier, mit Luxussucht, mit Intrigen und Lüsternheit und hohlen, immer noch grausameren Spektakeln. Allein zu eurem Zeitvertreib lasst ihr Menschen in der Arena einander totschlagen.
    Ihr stolzen Söhne und Töchter Romas, die ihr euch die Elite der Welt dünkt... ihr seid das größte Übel der Welt!"


    Tief atmet Philotima ein. Bis hierhin war es eine Brandrede. Nach dem nächsten Satz gibt es kein zurück mehr. Nein. Ein zurück gab es nie, seitdem der Ruf sie ereilt hat.
    "Vor Götzenbildern sucht ihr das Schicksal zu bestechen. Schachern glaubt ihr zu können, um euer Leben und Tod. Doch ich sage euch: umsonst steigt euer Weihrauch zum Himmel, umsonst fließt der Opfertiere Blut, ihr Fleisch und eure Gaben machen nur eure Priester immer reicher und fetter. Machtlos sind eure falschen Götzen. Sie werden euch nicht beschützen können, wenn der Sturm kommt!"


    Die Arme hebt sie zum Himmel, vermeint, das dräuende Unwetter bereits zu erblicken, und beschwört mit blitzenden Augen dessen Macht:
    "Denn der Sturm erhebt sich! Schon bald, Männer und Frauen vom Rom, schon bald wird er diese Stadt hinwegfegen. Vom Antlitz der Erde wird er sie tilgen! Wie die stolzen Mauern von Ilion, wie die Türme von Babylon, wanken und fallen wird diese Stadt und dieses Reich, und auftun wird sich das Erdreich, ausspeien die Legion aus der Tiefe, Larven und Lemuren werden sich gütlich tun an eurem Fleisch, und verdammt werdet ihr sein!
    Verdammt werdet ihr sein auf ewig!
    Wenn ihr nicht umkehrt, und das jetzt, solange ihr noch könnt.
    Werft ab den falschen Prunk, legt ab den eitlen Purpur und die Fesseln eures Goldes jetzt und hier! Geht in euch und sucht Läuterung! Schwört ab dem Laster! Gebt euren Reichtum den Armen, lasst eure Sklaven frei, seid gütig zueinander, öffnet eure Häuser und eure Herzen! Tut Buße für eure Sünden, und der HERR wird euch erretten, denn die Gnade des HERRN ist unergründlich. SEIN Reich wird kommen, und es ist nicht von dieser Welt. Wie Sand im Stundenglas ist euer irdisches Leben, Männer und Frauen von Rom... hört ihr, wie eure letzte Zeit verrinnt?
    Doch eure Seelen sind ewig. Rettet euch vor der Verdammnis, Brüder und Schwestern. Rettet eure Seelen!"


    Also spricht die Prophetin. Darauf wendet sie sich ab. Gemessenen Schrittes steigt sie hinab von der Rostra. Schlägt ihr Tuch übers Haar und taucht ein in die Menschenmenge. Um, ebenso plötzlich wie sie aufgetaucht, ist im entstehenden Tumult in der Masse zu verschwinden.

  • Äußerliche stoisch saß Gracchus auf der Tribüne der Richter, doch in seinem Innersten erfreute er sich wieder und wieder an den Reden, welche auf der Rostra dargeboten wurde. Die jungen Talente Roms überboten sich an Lobpreisung, ebenso wie an Finesse und Tiefgang ihrer Reden. Kurzum - der Flavier hatte größtes Vergnügen an diesem Tage, welches bereitwillig alles andere ihn vergessen ließ, und schärfte vor dem letzten Redner er noch einmal seine Aufmerksamkeit. Dass mit einem Male eine Frau sich auf der Rostra präsentierte, wurde ihm erst gewahr als sie ihre Stimme erhob und er nicht nur den Worten, sondern auch ihrer Präsenz Beachtung bot. Ein wenig derangiert blickt er nach rechts und nach links, insbesondere auch zur Augusta hin. Wer hatte dies erlaubt, wer hatte die Frau zugelassen? Immerhin begann sie mit einer durchaus passablen Rede, dass er einen Augenblick fasziniert war von ihrer Redegewandtheit, abgelenkt war von Ihrer Person und beinahe vergaß, dass ihr Auftritt nicht statthaft war. Sodann jedoch wandelte sich ihre Ansprache, mit einem Male sprach regelrechter Zorn aus ihr und sie begann Rom und seine Bewohner zu beleidigen. Noch immer verwirrt blickte der Flavier zu Calpetanus, denn jener war durchaus bekannt dafür, sich seine eigenen Scherze im Ablauf des Programmes zu erlauben, doch dieser stand nur mit staunend, offenem Mund und weit geöffneten Augen vor dem Aufgang zur Rednertribüne. Wie eine Flutwelle schwappte die Anklage der Frau über die versammelte Menge hinweg, welche gebannt zu ihr empor starrte und nicht recht zu wissen schien, wie dieser Beitrag einzuordnen sei. Erst als sie begann die Götter zu verunglimpfen, ging ein Ruck durch Gracchus. Wer auch immer sich dies hatte ausgedacht, dies war zu viel des Guten!
    "Calpetanus, beende diese Rede"
    , zischte er diesem zu. Doch der dicke maitre de plaisir blickte noch immer wie ein Schaf zum Schlachter und rührte sich keinen Fingerbreit.
    "Calpetanus!"
    Auch unter den Zuschauern begann sich Entsetzen und Unmut zu regen, und als Philotima die gesamte Menge verdammte, schlug Gracchus mit der Faust auf den schmalen Tisch vor den Richtern und erhob sich.
    "Genug!"
    donnerte er, doch Philotima ließ sich nicht beirren, erhob ihre Stimme weiter und brandete an gegen alle Widrigkeiten. Hilfesuchend blickte der Flavier sich um, ein solcher Zwischenfall war nicht vorgesehen, und darob auch keine Vorbereitungen dafür getroffen. Zwei Soldaten indes standen hinter der kleinen Tribüne der Richter, um die Prominenz darauf zu schützen, die Gracchus nun anherrschte:
    "Holt diese Verrückte ver..dammt noch eins von der Bühne! Sofort!"
    Aufgebracht drehte er sich um zurück zur Rostra, wo nun Worte über den HERRN fielen, Worte, welche in Gracchus das Blut der Rage in Wallung brachten, mehr noch als jede Beleidigung Roms.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Wow! Fantastisch! Das hatte eingeschlagen. Um mich waren die Leute schon am murmeln und tuscheln und dann kam auch Bewegung in die Richterloge. Ich wartete nur noch auf Philotimas letztes Wort dann war mein Zeitpunkt gekommen.
    Ich drehte mich um und schrie laut auf "Hey, stop!" Ich begann mich durch die Menge zu quetschen, möglichst nah an der Rostra vorbei. Und dabei hatte ich ziemlich viel Masse zum Quetschen.
    "Haltet den Dieb! Haltet den Dieb, er hat meinen Geldbeutel geklaut!" Als würde ich einen Dieb verfolgen schob ich Menschen beiseite und drängte mich durch. Dabei fuchtelte ich wild mit meinen Armen herum und wies rüber zum anderen Ende des Forum Romanum. Natürlich so dermaßen auffällig dass die Menschen um mich auch anfingen herum zu nörgeln.
    "He, passt doch auf!"
    "Was, wo?"
    "Ach herrje!"
    Ich schrie immer weiter so laut ich konnte: "Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!"


    Als ich am Rand des Forums ankam war hoffentlich genug Zeit vergangen dass Philotima verschwinden konnte. Außer mir waren natürlich noch mehr Brüder und Schwestern unseres Glaubens über das Forum und angrenzende Straßen verteilt um dabei zu helfen. Sie ließen Philotima in ihrer Mitte verschwinden. Sie stellten sich jedem wie zufällig in den Weg der versuchte sie zu verfolgen. Und einige Schwestern zogen eine grüne Palla über den Kopf so dass es dem Suchenden schwer sein würde die richtige zu entdecken.


    Ich setzte mich erschöpft und resigniert auf eine Treppenstufe und tat so als könnte ich einfach nicht mehr hinter dem Dieb hinterher kommen. Na ja, wirklich viel tun musste ich dafür nicht. Ich kam ja selber schon sehr schnell außer Atem. Ich schnaufte und jammerte noch ein bisschen leise vor mich hin.
    "Mein ganzes Geld, mein ganzes Geld. So ein Elend!"

  • Caesoninus hörte die weiteren Reden an. Sie gefielen ihm ganz gut, bis die letzte dann an der Reih war. Eine Frau hatte die Rostra betreten. Das konnte ja nicht gut ausgehen. Der Anfang ihrer Rede war ganz passael, er hörte ihr genauso wie alle anderen zu. Dann jedoch schwang der Ton ihrer Worte ins Negative um.


    Eine beleidigte Furie, die Rom und alles wa es ausmachte anklagte. Eigentlich schon Grund genug sie von dort herunterzuholenl, doch als dann die Sprache auf "Götzen", "kommender Sturm" und "HERR" kam, machte es Klick in seinem Kopf. Hey! Das war genau das, was auf dem geschändeten Tempel geschmiert worden war! Zeit, kraft seines Amtes als Vigintivir einzuschreiten!


    "Diese Frau ist die Täterin! Nehmt sie fest! Nehmt sie fest!" begann er zu rufen. Ganz klar, SIE gehörte zur Gruppe, die die Tat begangen hatten! SIE war es! Er begann sich nach vorne zu drängeln, um sie höchstpersönlich zu verhaften und ins Tullianum zu stoßen, aber er kam nicht ganz so schnell voran, wie ihm lieb war angesichts der dichten Menschenmenge. "Lasst mich durch! Ich bin Tresvir Capitales! Diese Frau ist eine Verbrecherin! Nehmt sie fest!" rief er immer wieder.
    Doch zu spät. Als er endlich an der Rostra ankam, war sie schon weg.


    So also lief er zu Flavius Gracchus und der Augusta und Claudius Menecrates, um ihnen den Sachverhalt aufzuklären, während seine Augen ständig die Menge nach der Täterin absuchten. "Verzeiht diesen Zwischenfall, aber Senator Claudius Menecrates, ich erbitte kraft meines Amtes umgehend deine Beihilfe mit den Urbanern bei der Ergreifung dieser Frau. Sie hat durch ihre Worte deutlich gemacht, dass sie zu genau der gleichen Gruppe gehört, die kürzlich erst den Tempel des vergöttlichten Claudius geschändet haben! Sie muss umgehend verhaftet und verurteilt werden!"


    Mist! So genau auch Caesoninus in die Menge spähte, er konnte sie einfach nicht ausmachen. Das würde wieder Papierkram für ihn geben.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!