Triclinium | Prandium cum familiariis

  • Das Willkommen Manius Minors im Kreise seiner Familie war knapp ausgefallen, was nicht allein der Erschöpfung des jüngeren Gracchen ob des knapp zurückliegenden Opium-Entzuges sowie der unerquicklichen Reise war geschuldet, sondern ebenso seiner Abscheu vor der aurelischen Natter, die sogleich ihm war entgegen geeilt, um ihn zu erinnern, wer nunmehr die Herrschaft in diesem Hause in Händen hielt. Am Morgen genehmigte Manius Minor sich, noch immer bewegt von jener Konfrontation, daher zunächst ein ausgedehntes Bad und beschloss, das familiäre Stelldichein auf das Prandium zu prokrastinieren, was indessen mit den Pflichten Manius Maiors war kollidiert, sodass der jüngere zunächst seinen Freund Lucretius Carus hatte aufgesucht, der sogleich ihn zur Cena hatte bei sich behalten, was letztlich darin resultierte, dass die Zusammenkunft der Familiaren der Villa Flavia Felix später seinen Lauf nahm als ursprünglich geplant.


    Nun jedoch lagen Minor und Cornelia Philonica auf ihren Klinen und erwarteten seinen Vater, seine Tante und leider ebenso Aurelia Prisca, die zweifellos auch ihre Brut würde mit sich bringen, was bei Philonica bereits einige Vorfreude evozierte.

  • Gracchus' Laune war nicht die beste als er das Triclinium betrat, hatte er zuvor doch eine Unterredung mit Aburius Megellus, dem Magister Quindecimvirorum, in Hinblick auf die Causa erhöhter Christianer-Aktivität - ein Thema, welches seiner Laune selten zuträglich war, zumindest sofern nicht die Hinrichtung einiger Christianer an dessen Ende stand. Indes suchte er diese Angelegenheit aus seinen Sinnen zu vertreiben, bot die Familie ihm doch zumeist erfreulichere Zerstreuung.

    "Salvete, ihr beiden. Nun, wie war eurer erster Tag zuhause bisherig?"

    Ein wenig träge ließ er sich auf seinen angestammten Klinenplatz sinken.

  • Als sein Vater eintrat, richtete Minor sich ein wenig auf seiner Kline auf und salutierte artig:

    "Salve, Vater."

    Dem Timbre in seiner Stimme wie den Bewegungen seines Leibes zufolge (die Mimik vermochte der jüngere Flavius ob der geringen Distanz nicht recht zu entziffern) war Manius Maior ein wenig missgelaunt oder fatiguiert, doch hatte der vergnügliche Abend bei seinem Freunde zumindest Manius Minor ein wenig entspannt, sodass freundlich er erwiderte:

    "Er war durchaus erquicklich: Lucretius hat mich gestern zur Cena geladen und mir eingehend berichtet, welche Novitäten es in der Urbs gibt und was er derzeitig zu tun gedenkt. Wie er mir berichtete, gedenkt er im nächsten Jahr für das Aedilat zu kandidieren - was denkst du, womöglich sollten wir als Gespann antreten?"

    Jener Gedanke war ihm erst im Nachgang der gestrigen Unterhaltung gekommen, dass dies durchaus eine vergnügliche Kooperation versprach, welche zweifelsohne auch im Sinne seines Vaters würde sein. Da Lucretius das Amt des Aedilis Plebis avisierte, er selbst hingegen selbstredend den curulischen Stuhl ins Auge fasste, würden sie auch keinerlei Konkurrenz sich leisten, was womöglich ihre Freundschaft getrübt hätte.

    "Ich war gestern bei meinem Bruder. Auch er freut sich sehr, dass wir wieder dauerhaft hier sind."
    fügte Philonica an und wirkte auch selbst überaus entlastet bei jener Perspektive.


    "Was bewegt dich, Vater? Du wirkst ein wenig...enerviert?"
    , erkundigte sich der jüngere Gracchus sodann doch immediat.

  • Der ältere Gracchus nahm einen Schluck verdünnten Wein, den ein belangloser Sklave ihm in sein Glas hatte eingeschenkt, während er Minor zuhörte und zu dessen Gedanke bezüglich einer Kandidatur langsam nickte.
    "Dies wäre zweifelsohne ein taktisch kluger Schritt, Lucretius hat sich bereits einige Gesinnungsfreunde im Senat gemacht."
    Auch Gracchus hielt den Freund seines Sohnes für einen tauglichen und patenten Senator, dessen Unterstützung er sich konnte gut vorstellen - insbesondere selbstredend, so dies Minor zum Vorteile würde gereichen.
    "Was indes wirst du in deiner Rede zur Kandidatur ant..worten auf die Frage, wie du deine Zeit im Senat bisherig für Rom genutzt hast?"
    Ob seiner Verstimmung geriet die Couleur dieser Frage weitaus vorwurfsvoller als er dies beabsichtigte. Letztendlich wollte er seinen Sohn beschützen und ihn darob auf jede mögliche Frage, welche auf eine Blamage abzielte, vorbereitet wissen, doch in diesem Augenblicke schwelte noch in ihm der Verdruss über die Christianer im Allgemeinen und ihr Einwirken auf seine Familie, welchem er anlastete, dass er der einzige Sohn seines Vaters war, der in Rom seine Pflicht erfüllte. Dass Minor seine eigenen Eskapaden hatte durchlebt, welche ihn anfänglich von seiner Pflichterfüllung hatten abgehalten, und sich nach der Erhebung in den Senat kaum dort hatte eingebracht, hatte zwar nicht das geringste mit den Christianern zu tun, verstärkte indes das Gefühl, dass der restlichen Familie wenig an ihrer Pflichterfüllung gelegen war, respektive den Verdruss darüber, dass seine Vettern und deren Nachkommen sich dieser Pflichterfüllung hatten entziehen können ganz ohne ein schlechtes Gewissen, während er niemals den Mut dazu hatte aufbringen können - oder wollen. Als weiterer Bestandteil dieses Gefühlskomplexes addierte sich, dass er nun seinen Sohn eben in jene Richtung weiter drängte, in welche das Schicksal - inklusive des Einwirkens der Christianer - ihn hatte gedrängt, respektive er sich selbst hatte gedrängt, und von der er nicht sicher war, dass dies die beste Richtung für Minor war, ob dessen neuerlich dies ihm ein schlechtes Gewissen evozierte, da er sich fragte, ob er dies tat zu Minors Wohl, zum Wohle Roms, oder nur zu seinem eigenen Vorteile, dass er sich eben aus dieser Pflichterfüllung würde zurück ziehen können.

    "Dein Onkel wird zweifelsohne ebenfalls sehr erfreut über eure Rückkehr sein"
    , richtete er weitaus sanftere Worte an Philonica, um sich einen Augenblick abzulenken. Gegenteilig zu ihm hatte Scapula die beiden zwar ebenfalls in Rom vermisst, war aber der Ansicht gewesen, dass ihnen ein wenig Zeit zusammen auf dem Lande durchaus würde gut tun, da dies eine feste Grundlage würde schaffen können für eine gemeinsame Strategie in Rom. Gracchus hingegen vertrat die Ansicht, dass eine solche Grundlage nur durch deutliche Worte würde geschaffen werden können, und dies ebenso in Rom möglich war. Er nahm noch einen Schluck Wein, atmete tief ein und langsam wieder aus, ehedem er sich seinem Sohn wieder zuwandte.

    "Die Christianer enervieren mich! Sie sind wie ein Geschwür im Leibe dieser Stadt, und ein jedes Mal wenn ich sie beinahe ver..gessen, respektive erfolgreich aus meiner Aufmerksamkeit verdrängt habe, fressen sie sich um so marternder durch Roms Wohlergehen!"
    Mit jeden Wort wurde seine Indignation neuerlich größer, dass er sich letztlich gar zu einer Vermaledeiung ließ hinreißen:
    "Im tiefsten Winkel des Tartarus sollen sie elendig ver..enden, allesamt!"

  • Erfreute den jüngeren Flavius zunächst die positive Äußerung seines Vaters, traf die sodann folgende kritische Nachfrage umso stärker, entsprach sie doch eben jener Frage, die wie er imaginierte die Unsterblichen ihm würden stellen, sollte er jetzt in diesem Augenblicke den Tod finden, und welche beflissentlich er beiseite geschoben hatte, da er doch ahnte, keine saturierende Replik ersinnen zu können. In der Tat war er ja neuerlich über das gleiche Laster gestrauchelt, hatte aufs Neue dem Morpheussaft gefrönt, anstatt sich des Vermächtnisses seiner Maiores anzunehmen und damit seiner Abstammung würdig zu erweisen, was zweifelsohne die Ira Deorum insonderheit gegen ihn hatte entfacht.

    Mochten die Götter sich indessen nicht täuschen lassen, so war dies den Senatoren gegenüber zweifelsohne leichter, da doch die erwartete Mediokrität an Engagement eines quaestorialen Senatoren nicht sonderlich hoch war. Würde ihm hier gewiss etwas in den Sinn kommen, war es nun, in jener konkreten paternalen Konfrontation nicht einfach, eine Replik zu improvisieren, weshalb er erstlich den Mund öffnete, sodann wieder schloss und eine Weile nachsinnend schwieg, ehe endlich er hervorbrachte:

    "Nun, ich denke... womöglich wäre es zu vertreten, nach dem Ende meiner Quaestur und der Eheschließung für eine Weile sich dem eigenen Hause gewidmet zu haben. Der Kaiser selbst vermachte mir ja das Land, das nun ich bebaut hatte."


    Die gute Laune Manius Minor drohte somit ein wenig zu sinken, ehe die Erwähnung der Christianer zumindest ihn ein wenig kalmierte, dass nicht er selbst oder die Einflüsterungen der aurelischen Natter Manius Maior hatten missgestimmt. Auch während des Consulates von Claudius Menecrates war jene iudaeische Sekte ihm untergekommen, von der doch neben vagen Gerüchten er niemals sonderlich viel hatte vernommen.

    "Was ist mit ihnen geschehen? Gab es einen neuen Skandal?"

    , fragte er daher, um an dem Missbehagen seines Vaters demonstrativ Anteil zu nehmen und nicht weiteren Unmut auf sich zu ziehen, zumal dies augenscheinlich eine Frage der Pax Deorum repräsentierte, dessen er privatim insonderheit bedurfte.

  • Der Vater sann kurz über die Verbrämung der Absenz seines Sohnes nach und musste insgeheim konsentieren, denn kein Senator würde Minor rügen können, sich seinem Grund und Besitz gewidmet zu haben. Allfällig würde der ältere Gracchus dem noch ein wenig mehr Gewicht verleihen können durch eine Proposition seinerseits, welche er zwar nie hatte ausgesprochen, die indes weitere Senatoren zum Schweigen würde bringen. Er schürzte kurz die Lippen, ehedem er - ein wenig gütlicher gesinnt vorschlug:

    "So du es annehmen möchtest, könnte dies zudem auf ein Anraten meinerseits geschehen sein."

    Zwar entsprach dies nicht der Wahrheit, doch die Familie kam Gracchus seit langem noch vor der Wahrheit.

    "Für deinen Wahlkampf, wie auch das Aedilat, steht dir selbstredend die Geldtruhe offen, ich möchte nur über deine Pläne unterri'htet sein."

    Das Aedilat war immerhin eines der teuersten Ämter überhaupt, und mit den Spielen, welche darin ausgerichtet wurden, hatte so mancher Senator sich beinahe - oder gänzlich - ruiniert. Solcherlei Zukunft war für die Flavia zwar keine Gefahr, doch Verschwendung und Protz war ebenso nichts, was die Familie goutierte. In Hinblick auf die Christianer schüttelte Gracchus den Kopf.

    "Die Christianer an sich, respektive ihre Duldung, sind ein einziger Skandal! Nach der öffentli'hen Schmähung während des Redewettbewerbes"

    , von welcher der Vater dem Sohne aufgebracht in einem Brief hatte berichtet,

    "haben sie ihre Schandtaten nicht wieder in Öffentlichkeit begangen. Doch es geht das Gerücht, sie könnten für den Tod des lulius Caesoninus ver..antwortlich sein. Darüber hinaus sind sie viel zu umtriebig und eine beständige Störung des Lebens in der Stadt, wiewohl der pax deorum. Ich werde den Augustus bitten, das Decretum Christianorum zu verschärfen, um die re'htliche Handhabe gegen dieses Pack zu verbessern."

    Er musterte Minor, stets hin- und hergerissen zwischen dem Vertrauen, welches er in seinen Sohn mochte setzen und welches dieser bisherig durchaus letztlich zu nutzen hatte gewusst, und dem Zögern in Gedanken an die Eskapaden und Enttäuschungen seines Werdeganges.

    "Ich habe mit Marcius Salassus, Decimus Serapio und Valerius Flaccus eine entsprechende Empfehlung ausgearbeitet. Allfällig möchtest du einen Blick darauf werfen?"

  • "Ich danke dir und werde selbstredend dich informieren!"

    , erwiderte der jüngere Flavius ob der beiden großherzigen Offerten, wobei letztere er stillschweigend hatte angenommen, da doch eben dies der Sinn des flavischen Vermögens war, der Familia zu erlauben, ihre öffentlichen Pflichten und Ämter würdig auszuüben.


    Sodann lauschte er dem Räsonnieren über die Problematik der Christen, welche augenscheinlich seinen Vater in unerwartetem Maße echauffierten, obschon er selbst nicht recht zu beurteilen imstande war, ob dies eine adäquate Emotionalität bei diesem Sujet repräsentierte. Trefflich vermochte er sich noch zu entsinnen, dass Tiberius Verus, jener düstere Offizier der Cohortes Praetoriae, welcher wider den Erfordernissen seines Standes das Leben eines Miles gregarius hatte gewählt, bei der Untersuchung des Sklavenaufstandes beständig sich hatte bemüht, die Christen als Sündenböcke zu installieren, was damals bereits seinen Argwohn hatte erweckt. Dass nun auch sein Vater diesem Furor war erlegen, war indessen schon eher geeignet, seine arglose Haltung gegenüber jener iudaeischen Sekte auf den Prüfstand zu stellen. In der Tat erinnerte er sich nun auch an das Schreiben seines Vaters, in dem er sich erzürnt über die Disturbierung seines Rhetorenwettstreites hatte geäußert, als jene verwirrte Christin die Rostra hatte aufgesucht, um den Römern im Herzen ihrer Stadt die Leviten zu lesen. Dies war in der Tat ein Affront und da er nun bedachte, dass eben die Negation der Unsterblichen eben einen Kern ihres Kultes darstellte, erkannte er gewisse Parallelen zu seinem eigenen Abweg in die Lehren der Epikureer, welche, wie die Götter ihm ja unmissverständlich hatten ausrichten lassen, die Ira Deorum aufs heftigste entfachten.

    "Gern werde ich einen Blick darauf riskieren und dir meine Eindrücke mitteilen."
    Das Essen begann und die Sklaven trugen frisches Brot sowie einige köstliche Pasten auf, wie sie für das kleine Mittagsmahl adäquat waren. In dieser Situation war selbstredend nicht daran zu denken, eine Tabula mit Gesetzestexten zu studieren, weshalb er diese Thematik zunächst prokrastinierte.

    "Augenscheinlich ist diese Sekte in letzter Zeit besonders aktiv. Gibt es genauere Hinweise, warum ausgerechnet Iulius Caesoninus ihnen zum Opfer fiel?"

  • Gracchus schüttelte den Kopf.

    "Die Ermittlungen sind nicht publik, allfällig sind sie noch nicht abgeschlossen. Indes ist es durchaus mögli'h, dass dies wahllos geschah. Wer weiß, was in diesen deliriösen Geistern vor sich geht..."

    Im Grunde tangierten den Flavier die Beweggründe der Christianer nicht. Sie waren Verbrecher, nur das zählte. Er nahm einige Oliven, tunkte sie in eine bittere Sauce und verspeiste sie mit mehr Genuss als das Thema ihm bereitete.

  • Der jüngere Flavius runzelte die Stirn und für einen Augenschlag erwog er, ob seine eigene Erfahrung mit deliriösem Geist, welche jüngst er wieder hatte aufgefrischt, ihm diesbezüglich irgendeine Option zum Nachvollzug jener fanatischen Narren gestattete, doch verwarf rasch er diesen abwegigen Gedanken, sondern kommentierte lediglich:

    "Womöglich ging es tatsächlich schlicht darum, Wirrniss zu stiften."Womöglich sollte er sich, so es mit dem Aedilat würde gelingen, besonders vorsehen, um nicht ebenfalls durch jene Götterfeinde vorzeitig der Strafe eben jener geschmähten Götter anheim zu fallen. Ob dies vor dem Richterstuhl seiner Ahnen als mildernder Umstand würde ästimiert werden?


    "Wird Aurelia auch zu uns stoßen? Ich hatte gehofft, die Zwillinge in Augenschein zu nehmen?"

    , wechselte Philonica schlagartig das Sujet, woraufhin ihrem Gatten der Bissen mit einer scharfen Sauce im Halse stecken blieb und ihn zu vehementem Husten animierte. Erst nach einigem Prusten und Räuspern vermochte Minor sich zu kalmieren.

    Vermutlich war lediglich es ein misslungener Versuch gewesen, das Gespräch in weniger unerquickliche Bahnen zu lenken und wer sollte es der Cornelia verdenken, dass sie im Hause sich nach mehr weiblicher Gesellschaft sehnte?

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