Officium | MFGM et GSR - De re publica

  • Ziel eines Tirocinium fori war es, einen jungen Mann in die Subtilitäten des öffentlichen Lebens zu initiieren und eine profunde Kenntnis der Mechanik der Res publica zu verschaffen, wozu selbstredend die Zeit das Wahlkampfes sich insbesondere eignete. Aus diesem Grunde ließ Manius Minor kurz nach dem Einzug Ravillas nach selbigem schicken, um in seinem Officium mit dem Erörtern jener Fragen zu beginnen und zugleich zu erfahren, wie der Spross cappadokischer Priester und römischer Kriegsmannen ihm mochte vonnutzen sein.


    "Guten Morgen, Seius!"

    , salutierte er den Jüngling, als dieser das Officium betrat, welches in römischer Weise lediglich mit zwei Klinen (auf deren prächtigerer der flavische Senator hatte Platz genommen), einem Regal voller Buchrollen sowie einem Schreibpult (an dem Patrokolos, Minors Leibsklave war platziert) eingerichtet war.

    "Nimm Platz! Ich hoffe, deine Kammer behagt dir und du kannst wohl darin ruhen?"

  • "Guten Morgen, teurer Flavius! Ich residiere vorzüglich im mir zur Verfügung gestellten Cubiculum."


    Der Aufforderung folgend machte Ravilla es sich auf der Kline bequem. Da es sich um einen privateren Rahmen handelte, war er weniger auffällig zurechtgemacht als beim Gang in die Öffentlichkeit oder zum Anlass eines Treffens unter mehr als vier Augen, wobei jene der Sklaven selbstverständlich nicht mitgerechnet wurden. So trug Ravilla heute seine blütenweiße Toga, nur dezent nach Jasmin duftend. Nachdem Anaxis die Falten der Gewandung mit geschickten Fingern vorteilhaft um den Leib seines Herrn arrangiert hatte, nahm er am Fußende der Kline Aufstellung, wo er schweigend seiner weiteren Verwendung harrte.

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    Tiro fori - Manius Flavius Gracchus Minor

  • "Sehr erfreulich!"

    , erwiderte der Flavius und präsentierte ein sublimes Lächeln. Der Privatheit seiner Räumlichkeiten und des Anlasses entsprechend trug er keine Toga, welche ja in ihrer Voluminität ein wenig günstiges Kleidungsstück für das alltägliche Sitzen, Liegen und Gehen darstellte, doch dass sein Tiro ihm den Respekt erwies, selbst im Hause im Staatskleid zu erscheinen, erfreute ihn selbstredend. Dennoch fühlte er sich geneigt, Ravilla zumindest die Option auf eine legerere Garderobe ebenfalls zu offerieren:

    "Soweit wir im Hause sind, ist es dir im Übrigen gestattet, auf die Toga zu verzichten."

    Weiter hielt Minor sich jedoch nicht mehr mit dergestalten Nihilitäten auf, sondern eröffnete sogleich das Feld:

    "Ich habe nach dir schicken lassen, um die Belange des Wahlkampfes mit dir zu erörtern. Wie du weißt, kandidiere ich für das Amt des Aedilis Curulis und arbeite derzeitig daran, Senatoren für meine Wahl zu gewinnen. Sind dir denn die Mechanismen dieses Wahlkampfes bekannt?"
    Einen Augenblick erwog er, bei dieser Frage zu verharren, doch da ein simples "Ja" oder "Nein" doch eine mäßige Aussagekraft besaß, nachdem jene Selbst-Ästimierung ja allzu sehr im Auge des Betrachters lag, fügte er eine kleine "Prüfungsfrage" an:

    "Oder setzen wir anders an: Was würdest du mir raten, wie ich vorgehen sollte?"
    Selbstredend verfügte der Flavius längst über einen elaborierten Plan, welchen wie gewöhnlich er mit seinem Vater sowie einigen Vertrauten seit dem Tag seines Entschlusses, dieses Amt anzustreben, erarbeitet hatte. Dennoch ergab sich ja womöglich eine Inspiration und ganz sicher würde er so erfahren, wie der Seius politisch dachte!

  • "Spätestens in den wärmeren Tagen eine Wohltat, für die ich dir danken muss", sprach Ravilla, der indes an das Tragen der Toga so gewöhnt war, dass er sie nicht als störend empfand. Im Gegenteil trug sie aufgrund ihres respektablen Charakters dazu bei, dass ihr Träger sich in seiner Haut besonders wohlfühlte.


    "Die exakten Mechanismen der Wahl für die höheren Ämter sind mir noch fremd, jedoch hatte ich mir freilich einen Plan für meinen eigenen Wahlkampf zum Vigintivir zurechtgelegt. Versuchen wir doch, einiges davon auf den deinen umzumünzen. Zunächst wollen wir die grobe Richtung erörtern. Grundsätzlich stehen zwei Strategien des Wahlkampfes zur Auswahl. Erstens."


    Ravilla hob den Zeigefinger. "Überzeugungskraft durch Inhalt. Die Wähler respektive die Senatoren werden durch jene Argumente überzeugt, welche sie hören wollen. Inwieweit sie mit den tatsächlichen Plänen nach erfolgreicher Wahl deckungsgleich sind, ist dabei reine Ermessensfrage. Entscheidend sind ihre Stimmen, denn die edelsten Ambitionen nützen nichts, wenn sie nicht verwirklicht werden können. Zweitens."


    Er nahm den Mittelfinger dazu. "Überzeugungskraft durch Emotionen. Die Wähler werden an ihren Herzen gepackt, an ihrer Hoffnung, ihrem Gewissen, ihrem Glauben und ihren Ängsten. Cicero vernichtete Catilina nicht, indem er dessen Verfehlungen sachlich gegen mögliche Vorzüge abwog, sondern indem er die niedersten Instinkte der Zuhörer reizte: Zorn, Angst, Ekel und Verachtung. Bis Catilina am Ende als der einsamste Mensch der Welt seinem Freitod entgegenging.


    Der perfekte Wahlkampf, den wir als Ideal annehmen wollen, spricht Kopf und Herz in gleichem Maße an und sorgt dafür, dass der Wähler gar nicht anders kann als dir, mein lieber Flavius, freudig zuzustimmen. Und sollten beide Strategien aus diesen und jenen Gründen nicht fruchten, so sollte der praktisch denkende Mann stets noch ein paar materielle Argumente parat haben in Form von Geld, schönen Mädchen oder Knaben, teuren Geschenken und nicht zuletzt in Form von wirksamen Drohungen."

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    Tiro fori - Manius Flavius Gracchus Minor

  • Der Flavius lauschte aufmerksam dem jungen Seius und lächelte milde, als jener mit größtem Verve seine Argumente platzierte und dabei geschickt offenbarte, dass er über hinreichend klassische Bildung, aber auch jugendlichen Idealismus verfügte, welchen er selbst (wohl ob des Umstandes, dass er die wahre, bisweilen hässliche Fratze der Politik am Exempel seines Vaters gleichsam mit der Muttermilch hatte aufgesogen) niemals hatte zu entwickeln vermocht.

    "Nun, wie ich sehe, kennst du deinen Cicero und die Philosophen vortrefflich und ich freue mich bereits jetzt darauf, deinen Reden zu lauschen!"

    , bemerkte er und präsentierte erneut ein diesmal offeneres Strahlen.

    "Womöglich könntest du uns bei der nächsten Gelegenheit zu einem Gastmahl eine Kostprobe geben!"

    Dass Jünglinge bei derarten Gesellschaften ihre rhetorischen Talente zum Besten gaben, war immerhin durchaus möglich und sorgte insonderheit bei der Commissatio nach dem eigentlichen Essen bisweilen für heitere Zerstreuung. Dass Ravilla hierfür ein herausragender Kandidat war, lag bereits jetzt auf der Hand.


    Dennoch war er genötigt, die aufstrebenden Gedanken des Jünglings ein wenig zu bremsen, weshalb nun er mit der Schulter zuckte und eine reserviertere Mimik offenbarte.

    "Deplorablerweise entbehren viel zu viele Senatoren viel zu sehr jener ethischen Ideale und der Begeisterung für kluge Köpfe und gute Ideen.

    Ehe sie geneigt sind, deinen Reden auch nur zu lauschen, werden sie gänzlich andere Fragen stellen:

    Wer ist dieser Mann?

    Kennen wir ihn oder zumindest seine Familie?

    Verfügt er über bedeutsame Fürsprecher und Kontakte?

    Besitzt er jene Gravitas und Dignitas, derer es bedarf, um ein öffentliches Amt zu bekleiden?

    Aber selbstredend auch jener letzte Punkt, den du bereits nanntest: Inwiefern werde ich von jener Wahl profitieren? Unterstützt sein Patron bei der nächsten Gelegenheit meinen Klienten? Verspricht seine Wahl, dass meine Belange verfolgt oder die meiner Feinde vereitelt werden?


    Sodann erst werden Fragen folgen wie:

    Ist er kapabel, das angestrebte Amt zu bekleiden?

    Welchen Anliegen will er sich widmen und ist dies die richtige Wahl?

    Sind seine Reden glaubwürdig?"

    Ein Seufzen entfleuchte Gracchus Minor, als jene unrühmliche, doch realistische Beschreibung der römischen Politik er hatte vorgetragen. Zweifelsohne war dies einer jener Aspekte, aus welchen heraus er einst sich den Lehren Epikurs hatte zugewandt, die das öffentliche Leben mit jener glänzenden Fassade hoher Tugenden und staatstragender Parolen und dem maroden Innenleben partikularer Interessen und ignoranter Seilschaften als unwahr verachteten.

    "Versuchen wir es also noch einmal von einem grundlegenderen Ansatz her: Wie würdest du meine Lage einschätzen? Und welche Maßnahmen würdest du empfehlen, um mich in jener Situiertheit zum Erfolg zu führen?"

  • "Sollte die Gelegenheit sich bieten, wäre es mir eine Freude, dieser Einladung zu folgen."


    Ein solches Gastmahl würde dafür sorgen, dass Ravilla die Nobilitas samt Anhang kennenlernte. In einer Gesellschaft, in welcher Kontakte das Alpha und das Omega darstellten, wäre Ravilla ein Narr, würde er diese Gelegenheit nicht beim Schopfe greifen.


    "Die große Vergangenheit der flavischen Ahnen ist hinreichend bezeugt. Dein ehrenwerter Vater amtiert in heutiger Zeit als Pontifex. Er wäre nie zu einem solchen berufen worden, würde es den Flaviern an respektablen Kontakten und Fürsprechern mangeln. Selbiges gilt für seinen Sohn, weshalb die ersten Fragen ohne jeden Zweifel positiv zu beantworten sind. In Anbetracht der altehrwürdigen Tradition der Flavier darf man auch davon ausgehen, dass für eine Bezeugung traditioneller Werte wie Gravitas und Dignitas gesorgt wurde. Ansonsten werden wir Gelegenheiten suchen und Situationen schaffen, in denen sie gezielt vertieft werden.


    Ich gehe summa summarum also davon aus, dass die gesellschaftlichen und politischen Grundvoraussetzungen für die Kandidatur in deinem Falle stimmen und wir uns auf den inhaltlichen und strategischen Aspekt deines Wahlkampfs fokussieren können. Was den Inhalt betrifft, so bitte ich dich zunächst um eine Erläuterung deiner Intentionen und alsdann werde ich dir einen passenden Vorschlag zur Umsetzung offerieren."

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    Tiro fori - Manius Flavius Gracchus Minor

  • Der Flavius lächelte, als Ravilla nach seinen überaus korrekten Ausführungen zur Einschätzung seiner Situation aufs Neue auf Intentionen und Agenden zu sprechen kam.

    "Nun, Seius, was meine Intentionen betrifft, kann ich diese rasch umreißen: Ich wünsche mein Amt ordentlich zu absolvieren, selbstredend Spiele zu veranstalten und sonst den Gepflogenheiten meiner Vorgänger zu folgen. Ein spezifisches Anliegen verfolge ich nicht, außer dem, eine Rangstufe im Senat aufzusteigen und womöglich mich für neue Ämter und Würden zu qualifizieren."

    Die Zeiten des politisierten Cursus Honorum, in denen ambitionierte Politiker wie die legendären Gracchen oder ein Cato Censorius ihre Programme hatten verfolgt, in denen Kampfabstimmungen über Bodenreformen und politische Initiativen den Senat hatten bestimmt, waren lange vergangen. Selbstredend erhob sich hier und dort noch immer die ein oder andere Debatte, fochten rivalisierende Seilschaften um Einfluss und das Ohr des Kaisers. Doch die Ämter des Cursus Honorum spielten hierfür (deplorablerweise?) kaum mehr eine Rolle, sie waren zu drögen Verwaltungsämtern verkommen, lediglich erhellt durch die Gunst diverser Auftritte bei Spielen oder Sacrae publicae.

    "Was also würdest du mir also hinsichtlich Inhalten und Strategie raten?"

    Er lächelte erwartungsvoll, wohl wissend, dass er seinen Tiro fori womöglich ein wenig aus der Reserve lockte mit seiner Negation des seischen Ansatzes.

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