Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Während Laevina und Caenis sich über Frauendinge unterhielten, beobachtete ich hier und dort die Gäste. Es schien mir, als ob halb Rom geladen worden war. Ein Becher Wein später schien es dann endlich auch soweit zu sein. Der Bräutigam kündigte das Opfer an, und mich interessierte, wie es wohl laufen würde. Der Ablauf und die rituellen Worte waren von vornherein zwar festgelegt, doch schien Balbus nervös, und ich hoffte für die beiden, dass aus dieser Nervosität kein Fehler resultieren würde.


    Mein Blick traf Durus, der nahe des Bräutigams stand, vermutlich um eingreifen zu können oder um ein wenig Ruhe zu spenden. Das Opfer an sich verlief komplikationslos, wenngleich auch ein wenig einfach, wie ich fand. Die Worte waren leicht abgewandelt worden, ob aus Versehen oder mit Absicht war mir allerdings nicht klar. Ein haruspex begutachtete anschließend die vitalia, und auch wenn viele der Gäste sich weiterhin unterhielten, war dies doch ein entscheidender Moment für das junge Paar.

    Der Morgen war bereits weit fortgeschritten, als ich Siv hatte holen lassen. Mit den anderen hatte ich bereits hinreichend gesprochen, nun standen nurmehr sie und Fhionn aus. Ich war einsilbig und wortkarg, aber Siv besaß die Geistesgegenwärtigkeit, nur auf meine Fragen zu antworten und kein anderes Thema anzuschneiden. Siv bestätigte mir ohne es zu wissen, Merit-Amuns Behauptung, sie habe der im Keller eingesperrten Siv Essen und Wasser gebracht, ohne dass Matho es bemerkt hatte. Ich erfuhr von diversen anderen Begebenheiten auf Hin- und Rückreise, wobei auf der Rückreise wesentlich mehr Zwischenfälle stattgefunden haben mussten denn auf der Hinreise, bei der Ursus schließlich dabeigewesen war. Sivs Worte waren glaubhaft und lösten schlussendlich die letzte Blockade in meinem Kopf, die noch verhindert hatte, dass ich Matho als unschuldig betrachtete. So viele Münder konnten nicht die gleichen Lügen lügen. Den Zufall gab es nicht, der unabhängig voneinander immer wieder dieselbe Wahrheit zu Tage förderte. Ich entließ Siv letztendlich und gestattete mir ein paar Minuten Ruhe, ehe ich Fhionn holen ließ. Letztendlich machte ich mir nun Vorwürfe, dieses abgekarterte Spiel nicht eher durchschaut zu haben. Schlussendlich ließ ich nach Fhionn schicken, erhob mich und trat ans Fenster meines officium. Mit dem Rücken zur Tür wartete ich, bis Brix Fhionn hergebracht haben würde.

    Die Luft entwich mir leise ob der plötzlichen Umarmung, die ich nach einem Bruchteil von Sekunden auch herzlich erwiderte. "Ja, es ist schön, dich wieder hier zu haben. Willkommen zu Hause", entgegnete ich schmunzelnd und ließ die Arme wieder sinken. Ihr helles Lachen erinnerte mich erneut an Prisca. Im nächsten Moment allerdings sah ich sie entrüstet an. "Autsch. Das war schmerzhaft", gab ich trocken zurück, konnte jedoch ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. So alt war ich schließlich noch gar nicht. "Gehen wir ein Stück? Oder möchtest du lieber hinein?" fragte ich sie. Um die Uhrzeit war es sehr kühl hier draußen, aber gegen einen kleinen Spaziergang war gewiss nichts einzuwenden.


    Auf ihre Erklärung hin nickte ich. "Verständlich. Aber das wird morgen Abend sicher ganz anders sein. Da bist du dann froh, dass du endlich in die Federn kannst. Hast du außer Manius noch jemanden angetroffen heute? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Laevina war mit Tilla in der Stadt", erzählte ich. "Ich war heute Abend bei den Tiberiern eingeladen. Es ist etwas später geworden, und ich habe auf dem Weg ins Bett noch beim Hausaltar vorbeigesehen. Deswegen geistere ich hier noch herum", erklärte ich und lächelte Severa an, bis ich lachen musste ob ihrer inbrünstigen Verwünschung des Landlebens. "Ach naja. Manchmal ist es schon ganz angenehm, aber mehr als ein paar Wochen würde ich es wohl auch nicht aushalten", gab ich zu und zwinkerte. "Was hat deine Mutter gesagt? Sie ist doch sicher traurig, dass du zurück nach Rom wolltest?"


    Kurz darauf musste ich feststellen, dass solche Neuigkeiten schneller die Runde machten, als es einem bisweilen lieb sein konnte. Erstaunt blickte ich Severa von der Seite her an. Sie wusste also schon von der Verlobung. Das ging wirklich schnell hier im Haus, dachte ich mir. "Ja, stimmt", sagte ich. "Vorgestern haben wir es eintragen lassen. Du wirst sie sicher bald kennenlernen. Aber wo wir gerade bei erfreulicheren Themen sind - du wirst doch nicht so schnell wieder abreisen, nehme ich an?" Zumindest hatte ich das aus dem Fluch über das Landleben herausgefiltert.

    Mit einem Gesicht, als hätte ich eben in etwas Saures gebissen, bedachte ich Orestes' Worte. "Versteh mich nicht falsch, es ist gut, dass du mit mir darüber redest." Andere unterließen dies generell, dachte ich bitter, und kamen nicht einmal danach, geschweige denn wie Orestes, bevor sie etwas in Angriff nahmen. Ich wischte die Gedanken fort. Sie sollten nicht das Verhältnis zu Orestes trüben. "Gut. Das machen wir." Damit nahm ich seinen Vorschlag an, das Thema zu vertagen. Und er hatte recht, denn es war besser, wenn wir erst weitersprachen, wenn wir bei Durus gewesen waren und vielleicht Konkreteres erfahren hatten. Seine Worte indes ließen mich schon wieder schmunzeln. "Mein Schatten? Ich bitte dich, das bist du nicht. Und ich bin mir sicher, dass auch die anderen Gäste das nicht so sehen werden. Worum es gehen wird, kann ich dir nicht en Detail sagen, aber dass es politischer Natur sein wird, nehme ich stark an. Allerdings waren auch bei früheren Gastmählern manchmal Frauen dabei, und wenn es mehrere sind, finden sie auch untereinander ein Gesprächsthema", erwiderte ich.

    "Nnnnein", erwiderte ich mit einem wölfischen Grinsen auf den Zügen auf die Frage hin, ob ich wirklich nichts verraten wollte. "Das ist doch der Sinn einer Überraschung", erklärte ich und feixte noch einmal breiter, nicht nur ihres Schmollen wegens. Als wir die Becher wieder senken ließen, rief irgendwo entfernt ein Nachtvogel. Ich wandte mich wieder Celerina zu und hob in Skepsis eine Braue. Dass Aristides verliebt war, mochte ich nicht so recht glauben. Sicherlich schätzte er seine Frau und gewiss kam er gut mit ihr aus, was bei Epicharis' Gemüt allerdings auch nicht schwer war, mutmaßte ich. Vermutlich war es ihm so ergangen wie mir, dachte ich und blickte erneut Celerina von der Seite her an. "Das ist gut für sie", erwiderte ich und überlegte laut weiter. "Da wirst du sicherlich in einem Jahr zum zweiten Mal Tante sein."


    Der Wein war gut temperiert und sehr angenehm für den Gaumen, wie ich fand, und ein herannahender Sklaven mit seinem Tablett machte die kulinarischen Freuden nun komplett, indem er es in Griffweite von uns stellte, mich fragend ansah und als ich nickte, sich hernach wieder zurückzog. Das Nicken war vereinbart gewesen und das Zeichen für die Schauspieler, mit ihrem Werk zu beginnen. Ein schwarz gewandeter Mime bezog nun Posten am Rande der Bühne, mitten auf ihr nahmen mehrere Schausteller in Rüstungen Aufstellung. Gespannt sah ich hinunter in das Theaterrund. Dort war nun ein Mann zu sehen, der ein großes Messer bei sich trug, und versuchte, so zu schleichen, dass die Wachen ihn nicht hörten. Gleichzeitig erklang die Stimme des Erzählers, der wohl der schwarze Mann an der Seite war. Er war in seiner Kleidung kaum auszumachen, sodass es wirkte, als sei die Stimme körperlos.
    Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
    Damon, den Dolch im Gewande.

    Doch es gelang ihm nicht, und in einem kurzen Handgemenge auf der Bühne, wurde Damon zu Boden gestoßen und mit Seilen gefesselt.
    Ihn schlugen die Häscher in Bande.
    Kurz darauf erschien ein prächtig gekleideter Schauspieler, der mit unübersehbarer Würde an den nun gefesselten am Boden herantrat. Eine herrische Geste bedeutete den Häschern, den Eindringling aufzurichten, was sie grob taten.
    »Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!«
    Entgegnet ihm finster der Wüterich.

    Die Stimme des Mannes klang fordernd und rauh, doch verschüchterte das Damon nicht. Er reckte dem Edlen das Kinn und erklärte souverän den Grund seiner Anwesenheit.
    »Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
    »Das sollst du am Kreuze bereuen.«

    Der Tyrann schnaubte aufgebracht und hob schon die Hand, um den Wachen ebendies zu befehlen oder um Damon gar zu schlagen. Doch auch hier ließ er sich nicht einschüchtern.
    »Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
    Und bitte nicht um mein Leben:
    Doch willst du Gnade mir geben,
    Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
    Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
    Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
    Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«


    Ich hob die Brauen und betrachtete das Spektakel auf der Bühne. Der Mann hatte Schneid, so viel stand fest. Nun sah man den Monarchen in nachdenklicher Pose, die Hand am Kinn, und dann grinsend.
    Da lächelt der König mit arger List
    Und spricht nach kurzem Bedenken:
    »Drei Tage will ich dir schenken;
    Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
    Eh' du zurück mir gegeben bist,
    So muß er statt deiner erblassen,
    Doch dir ist die Strafe erlassen.«

    Ich beschloss, dass es nun genug war mit dem Lob. Der junge Mann würde sonst vermutlich seinen Kopf nicht mehr aus den Wolken heraus bekommen oder seine Ausbildung vernachlässigen, weil er dachte, mit dem Zeichnen schon zurande zu kommen. Nach einer erneuten Betrachtung legte ich die schöne Zeichnung also auf den Tisch und besah mir stattdessen Louan noch einmal genauer. Wenngleich sich sein Kleidungsstil, bedingt durch qualitativ hochwertigere Kleidung, was im Grunde bedeutete, dass er nicht mehr zerschlissen herumlief, deutlich gebessert hatte, so war, wie ich fand, durchaus noch ein Besuch beim Barbier nötig. Sofern er nicht den alltäglichen Besuch dessen hier im Hause wahrnehmen wollte.


    "Ja, das wäre schon eine richtige Bereicherung", sagte ich wahrheitsgemäß. "Ah, da fällt mir etwas ein." Ich schob den Stuhl zurück und stand auf, um zu meinem Schreibtisch hinüber zu gehen. Eine aufgezogene Schublade später hielt ich ein schmales Ledersäckchen in der Hand und löste dessen Verschlussriemen. "Ich hatte dir eine Belohnung versprochen", sagte ich im Näherkommen und zählte sechs Münzen ab, die ich in einem kurzen Turm vor Louan auf der Tischplatte platzierte. "Vermutlich hast du nichts dagegen, wenn sie höher ausfällt als beabsichtigt, ich denke, die Beschaffenart deiner Zeichnung rechtfertigt das durchaus", erklärte ich breit schmunzelnd und zog die Lederriemen wieder zu.


    Sim-Off:

    WiSim

    [Blockierte Grafik: http://img129.imageshack.us/img129/8084/wagenlenkerer4.png] | Modicus Pansa


    Die Nüstern der zwei weißen Pferde blähten sich erwartungsvoll, als Modicus die Zügel auf ihren Rücken klatschen ließ. Sein Körper pumpte Adrenalin wie schon lange nicht mehr, seine Hände zitterten und er konnte kaum vor sich selbst verbergen, dass er Angst hatte. Er gedachte gehässig seinen Kollegen, die ihm zum Metzger des Monats gewählt hatten. Dann machte das Gespann auch schon einen so plötzlichen Satz nach vorn, dass er alles um sich herum vergaß und Mühe hatte, in der Kanzel stehen zu bleiben. Aus den Augenwinkeln sah er, wie einer der beiden Decimer einen ziemlich guten Start hinbekam und direkt mit dem Venetafahrer vorbei zog. Modicus selbst war kurz Dritter, dann Vierter, und als ihn ein Brot - ein Brot? - noch vor der ersten Kurve einholte, lieferte er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit diesem TemPANIus-Wagen. Ein paar Mal schlingerte die bigae gefährlich nahe an seiner eigenen, doch noch passierte nichts. Innerlich starb Modicus tausend Tode. Tausendundeinen, wenn man die Kurve mitrechnete. Jetzt war der Bäcker auch noch eine halbe Pferdelänge vor ihm!


    Modicus wandte sich um und sah nach hinten. Irgendwo lieferten sich der andere Decimus und der Kerl in dem Grünen Wagen ein...verdammt, das war gar kein Kerl! Wer ließ denn sein Weib einen Wagen lenken! Da sah man es wieder. Frauen konnten keine Rennenfahren, das war seit Jahren bewiesene Tatsache. Abgesehen davon, dass es sich rein gar nicht schickte. Wer würde so ein Mannweib denn wollen? Über diesen Skandal derart durcheinander gebracht, vergaß Modicus kurzzeitig, seine Pferde anzustacheln, weswegen der Bäcker die zweite Kurve mit einer halben Wagenlänge Vorsprung erreichte. "He du Mehlnase! Platz da vorne, jetzt komm ich!" brüllte er gegen das Sausen der Geschwindigkeit an und gab den Pferden noch einmal neu Zunder.


    Caius Optimus war am Ende der ersten Runde immer noch erster. Verdammte Blaue, die hatten sicher getrickst. Decimus Serapio kam direkt dahinter, quasi Holz-an-Holz, dann kam eine Wagenlänge gar nichts und dann rollte dort die Nummer Drei dahin. Vierter und Fünfter waren dieser Bäcker und Modicus, wobei es schien, als könnten sich die beiden nicht entscheiden, wer nun vierter und wer der fünfte war. Vorletzer war Decimus Crasssus, und gar nicht mehr so weit entfernt hinter ihm lenkte die Frau ihren grünen Wagen unerbitterlich.

    Modestus kannte ich noch aus meinen Magistratszeiten in Mantua. Kurzzeitig hatte ich seine Karriere aus den Augen verloren, was mit Sicherheit auch letzlich daran lag, dass er nach Spanien geschickt worden war. Nun sollte er also ein offiziell ein Mann der Religion werden. Da er ein guter Bekannter war und ich seine Arbeit stets geschätzt hatte, mir darüberhinaus durchaus vorstellen konnte, dass er auch in diesem neuen Bereich gewissenhaft arbeiten würde, stimmte ich für seine Aufnahme.


    :dafuer:

    Nicht jeder hatte ein so freundliches Wort für Cossius gehabt wie die beiden Decimusse - oder hieß es Decimeen? - ...Decimer. Am Ende des Anmeldevorgangs jedenfalls war der kleine, drahtige Mann ganz schön geschlaucht, dabei hatte das Rennen noch nicht einmal begonnen. Allerdings waren nun zumindest die Fahrer samt ihrer Wagen kontrolliert worden, und bis auf den einen Witzbold hatte auch niemand mehr versucht, sich an Cossius und seinen Kollegen vorbeizumogeln. So waren es statt der gemeldeten acht Fahrer nur sieben, die ihre Wagen an den Start lenkten.


    Der kleine Italiener verscheuchte mit ungeduldigem Winken seine Helfer, die auf ihrem Rückzug den Tisch gleich mitnahmen, und begab sich dann zum Start. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur standen Pferde Seite an Seite, warteten die Wagen mit ihren Fahrern darauf, dass es endlich losging. In Ermangelung eines Kaisers, der das Starttuch hätte fallen lassen können - geladen hatte man ihn, doch wie vermutet worden war, hatte ein förmlicher Brief eine Absage als Ehrengast enthalten - war dem flamen dialis diese Würde zugetragen worden. Der Gesündesten einer war auch er zwar nicht, doch hatte er es sich nicht nehmen lassen, an diesem Tage das Tuch fallen zu lassen. Ein Opfer würde es erst nach dem Rennen geben, denn das Opfertier würde schließlich erst durch den Siger bestimmt werden.


    Cossius bezog also seinen Platz zwischen zwei weiteren Richtern in der Mitte des Ovals, durch dessen Mitte man dicke, mit bunten Bändern geschmückte Poller in einer Reihe entlang aufgestellt hatte, um das sonst freie Marsfeld in eine provisorische Circusarena zu verwandeln. Cossius winkte einem ganz bestimmten Jemand auf der mittleren Tribüne zu, einem weißgewandeten Jungen, der daraufhin nickte und sich dem flamen zuwandte, der sich seinerseits nun erhob. Auf dieses Zeichen hin - alles war eine wohleinstudierte Choreographie - sorgen einige Fanfarenstöße für ein wenig mehr Ruhe auf dem Feld. Der flamen dialis - der im Übrigen direkt neben dem ein wenig eingeschnappten flamen martialis saß - hob die Hand. Passenderweise bauschte ein Windhauch das weiße Tuch in seiner Hand. Er ließ diese Geste kurz wirken und öffnete dann die Finger. Das Tuch fiel...und fiel....und fiel.....und kam letztenendes sanft auf dem Sand des Marsfeldes an....

    Ein Blcik hin zum Kaiser zeigte mir, dass er zumindest diesmal eindeutig als wach zu bezeichnen war, nicht wie kurz zuvor. Flüchtiger Ärger über das Desinteresse während der Abstimmung stieg in mir auf, doch lenkte ich Blick und Ärger wieder auf den Fabier, der mich aus glühenden Augen ansah. Ohne mit der Wimper zu zucken, dafür aber mit eiserner Miene, erwiderte ich diesen Blick. Meine Worte hatten die entsprechende Wirkung gehabt, wer nicht entsetzt den rex anstarrte, tuschelte mit seinem Nachbarn über diese bodenlose Frechheit. Den beiden ponticifes links des Fabiers indes stand plötzlich Schweiß auf der Stirn, und einer von beiden konnte auch mit häufigem Blinzeln nicht über das nervöse Zucken seines Augenlids hinwegtäuschen.


    Tiberius Durus' Stimme zerschnitt die Spannung im Raum wie ein frisch gewetztes Messer eine überreife Birne. Ich sah ihn an. Eigentlich hätte ich diese Frage von jemand anderem erwartet, doch bereits vom Beginn dieser Anhörung an hatte ich meine Erwartungen diesbezüglich ohnehin herunterschrauben müssen. So hielt sich meine Verwunderung tatsächlich in Grenzen. "Tiberius Durus, selbstverständlich habe ich Abschriften anfertigen lassen, rein zur Sicherheit, doch wollen wir einmal ehrlich sein - welches Gericht würde schon die Abschrift einer Fälschung als Beweis anerkennen? Aus diesem Grunde habe ich noch während meiner Amtszeit beantragt, betreffende Originaldokumente im Staatsarchiv zu verwahren und die laufenden Aufzeichnungen in die Abschriften einzupflegen. Meine Nachforschungen in den Büchern der Staatskasse indes waren nie ein Geheimnis. Es würde mich daher nicht verwundern, wenn in den Büchern des aerarium Saturni ganz plötzlich sämtliche Hinweise auf Eigenwirtschaft des rex fehlten. In den Originalen allerdings sollten sich gewisse Transaktion zurückverfolgen lassen bis zum sechsten Tag vor den Kalenden des April vor drei Jahren, anderthalb Jahre nachdem Gnaeus Fabius Antistes zum rex sacrorum ernannt worden war." Nun widmete ich mich wieder dem Fabier, der mich vermutlich sofort niedergestreckt hätte, wenn er nur ein gladius bei sich gehabt hätte. Dass zuvor kein anderer quaestor diesen Schwindel aufgedeckt hatte, mochte vielleicht daran liegen, dass meine Vorgänger nicht so tief in der Materie des Götterkultes steckten wie ich selbst. Ihnen jedenfalls war kein Vorwurf zu machen.


    "Das ist nicht alles", fuhr ich fort, als erneut empörtes Gemurmel begann. Ich sah nun die beiden Herren zur Linken des Fabius an, der granatapfelrot im Gesicht war. "Vor etwa acht Monaten gesellten sich zwei weitere Namen hinzu. Faustus Pomonius Cinna und Lucius Finelius Felix." Wie die beiden Herren hießen, die nun furchterfüllt zum Kaiser blickten.

    Es war dem jugendlichen Gesicht durchaus anzusehen, dass die Wochenfrist wohl mit größter Ungeduld verstreichen würde, doch schneller mahlten die Mühlen der Bürokratie nun wirklich nicht, eher langsamer. Ich lächelte die Decima nachsichtig an - sie würde es schon aushalten.


    "Danke mir nicht dafür, verehrte Decima", erwiderte ich, leicht amüsiert über den Überschwang, der ihrer Stimme anhaftete. "Ich bin mir sicher, dass wir uns in Bälde wiedersehen werden. Vale", verabschiedete ich sie alsdann und sah ihr kurz nach, erst dann verließ auch ich den bezogenen Posten und begab mich zurück in mein officium, um auf den nächsten Anwärter oder das nächste Sorgenkind zu warten.

    Zunächst hatte ich mir bei dem entfernten Tröten nichts gedacht. Sicher nur Kinder, die ihre Rennbahnartikel ausprobierten. Doch dann, als sich das Tröten ungleich lauter wiederholte, gar durch die domus schallte, hob ich doch den Kopf und starrte irritiert durch die halb offene Tür vorbei ins atrium. In just diesem Moment setzte die Lautstarke und einseitige Konversation ein. Und...waren das tatsächlich Trommeln?


    Ich erhob mich und ging nachsehen. Was war das für ein Lärm? Unzählige Menschen plapperten durcheinander, geraede in diesem Moment trompetete ein Elefant - ein Elefant?! - und dann lief mir der Schreiber entgegen, der die Tür geöffnet hatte. "Aurelius, der...der ist...er hat... Elefant... Columnus! Der ist größenwahnsinnig geworden! Plemplem! Total meschugge!" Und damit hastete er an mir vorbei, um diese Neuigkeit im Haus zu verbreiten. Ich selbst zog die Brauen nach oben und ging mit energischen Schritten nach vorn zur Tür. "Columnus?" fragte ich, fassungslos ob des Spektakels, das sich mir bot. Pfauenfedernbehangene Betthäschen tanzten um einen Elefanten herum, auf dem Caius Columnus saß. Ein schmächtiger Junge mit klaffender Zahnlücke trug ein Schild. Große Augen lasen Zeile um Zeile und zweifelten bei jedem Absatz mehr am Verstand des subauctor. "Erpel von Tarraco?"

    Schweigend betrachtete ich die junge Dame, bevor, während und nachdem sie ihren Eid geleistet hatte. Sie schien mit Inbrunst dabei zu sein, etwas, das ich sehr schätzte. Die Wortes des Eides waren ihr deutlich und flüssig über die Lippen gekommen. Erst, als die junge Frau den Kopf wandte, kam ich selbst ebenfalls in Bewegung, indem ich nickte. "Willkommen im cultus deorum, Decima Flava. Was nun noch aussteht, ist deine offizielle Ernennung und die Zuteilung zu einem Priester. Über beides wirst du postalisch informiert werden, sobald der rex sacrorum dem Gesuch stattgegeben hat. Das dauert im Schnitt eine Woche. Wenn du nun keine weiteren Fragen mehr hast, wären wir fertig." Ein Lächeln folgte auf die Worte.

    Ich riss mich zusammen. Selbst ich hörte aus meiner eigenen Stimme jenen feinen Unterton heraus. Das war inakzeptabel. Schließlich hätte ich es auch weitaus schlimmer treffen können. Celerina recht ansehnlich, hatte eine durchaus angemessene Familie - vielleicht die für mich angemessenste überhaupt derzeit - und sie teilte meine Freude an der Botanik. Ich sollte mich glücklich schätzen statt mich zu zwingen, freundlich zu sein. Ihr Kompliment meinen Geschmack betreffend erleichterte mir dies ein wenig, und ich lächelte zurück. "Nein, heute wird außer uns niemand die Augen auf die Bühne richten", bestätigte ich ihr. Schließlich hatte ich dafür gesorgt, oder eher sorgen lassen.


    Neben Celerina setzte ich mich auf die gemütlichen Kissen, schon huschten Sklaven heran, welche die Dame fragten, was sie zu trinken wünschte. Nachdem die Flavierin dahingehend versorgt worden war, reichte man mir einen Becher mit stark verdünntem Wein und zog sich dann zurück. "Es war mein Fehler, ich hätte dich nicht besuchen dürfen", erwiderte ich recht überzeugend, auch wenn ich schließlich wusste, dass es zu einem nicht geringen Teil auch Celerinas Fauxpas gewesen war. Dennoch, es war anständig, die Schuld auf mich zu nehmen, und auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, was Gracchus nun von mir dachte, erschien es mir gar nicht so schlimm, der Schuldige zu sein. Mit einer lockeren Handgeste wischte ich das Thema dann fort, es war nicht für Belang für diesen Abend. Jedoch musste ich schmunzeln, als Celerina mich nach dem Stück fragte. "Das, meine Liebe, wirst du von mir nicht erfahren. Es wäre keine Überraschung mehr, wenn ich dir von vorn herein erzählte, welchem Spektakel wie beiwohnen, nicht wahr?" Ein Grinsen folgte. Wenn Celerina nur halb so neugierig war wie meine Cousinen und Nichten, würde sie nun kurz vor dem Platzen stehen. Ich hob den Becher. "Auf einen schönen Abend", sagte ich, ließ einige Spritzer zu Boden tropfen und trank dann einen Schluck. "Wie lebt sich Epicharis bei euch ein?" fragte ich die Flavierin alsdann.

    Die mit Absicht gewählten Worte waren die rechten gewesen. Eine mögliche Störung des wichtigen und nicht minder empfindlichen Gleichgewichts mit den Göttern war etwas, das man nicht einfach ignorieren konnte. Dass der rex sacrorum nicht gerade begeistert war über die Bitte, ein weiteres Anliegen vorzutragen, sporte mich umso mehr an. Flüchtig ging ein weiterer Blick zum Kaiser hin, der nach wie vor auf mich desinteressiert wirkte - bemerkte denn niemand sonst diesen skandalösen Umstand? Auch Gracchus warf ich einen Blick zu, der jedoch ungleich länger und bedeutsamer war. Er würde gewiss wissen, warum ich gerade ihn so ansah. Dann räusperte ich mich.


    "Gestattet mir, ein wenig weiter auszuholen, um das ganze Ausmaß hinlänglich zu erklären. Vielleicht erinnern sich einige von euch noch an meine letzte Amtszeit, die ich als quaestor urbanus hier in Rom abgeleistet habe. Wie jeder weiß, gehört zu den Aufgaben des urbanen quaestor nebst der Kontrolle des aerarium Saturni auch die der Bücher diverser Einrichtungen. Hierbei entdeckte ich eine Unstimmigkeit, scheinbar eine Lappalie. Es handelte sich um Gelder, die der Staatskasse entnommen und dem cultus gut geschrieben wurden. Zu Zeiten, in denen die im Buch aufgeführten Feiertage bereits längst verstrichen waren. All dies hätte ein Versehen sein können, doch ich forschte nach, und was ich entdeckte, glaubte ich nicht. Die Gelder, die transferiert worden waren, flossen über diverse Umwege in ein und dieselbe Tasche. Dein Name, Fabius Antistes, zeichnet verantwortlich hierfür." Das war vorerst genug Information, und auch, wenn dies nur zwei Drittel der ganzen Geschichte waren, so wollte ich den Anwesenden Zeit geben, diese Dinge zu verdauen, ehe ich fortfuhr. Wütend hatte ich die Hand ausgestreckt und deutete auf den Fabier, wie ich ein Mitglied des cultus, wie ich ein collinischer Salier, und doch so unverfroren, wie ich selbst niemals hätte sein können.

    Mit der jungen Decima im Schlepptau gelangte ich alsbald in dem kleinen Raum an, in welchem sie ihren ius iurandum leisten würde. Die kleine Steintafel neben dem Altar hing dort wie eh und je, die Worte des religiösen Eides waren so deutlich wie stets zu lesen. Da der Himmel draußen wolkenverhangen war, tanzten diesmal keine kleinen Stäubchen im Sonnenlicht. Dafür glommen diverse Ölkerzen und tauchten den Raum in ein warmes Licht. "Da wären wir. Nun ist es an dir", sagte ich zu ihr und wies auf den freien Platz direkt vor dem aufgestellten Altar, der kleine Abbilder der wichtigsten Gottheiten Raum bot.

    "Sehr gut", gab ich zurück und erhob mich dann, als Flava bekundete, keine weiteren Fragen zu haben. "Dann, würde ich vorschlagen, gehen wir hinunter, damit du deinen Eid schwören kannst. Alles andere ist nur noch Formsache, anschließend." Ich lächelte ihr aufmunternd zu und deutete zur Tür hin, die ich vor ihr öffnete und schloss, nachdem auch ich hinausgetreten war. Draußen auf dem Flur schlug ich den Weg zum Heiligtum ein.