Beiträge von Manius Flavius Gracchus Minor

    Eben noch erhaschte Manius Minor einen Blick auf Claudius Menecrates, der augenscheinlich ebenfalls war erschienen, um seiner Rede zu lauschen, da tauchte bereits mit Decimus Serapio ein weiterer Unterstützer vor ihm auf und drückte ihm die Hand.

    "Ich danke dir für dein Vertrauen, Decimus!"

    , erwiderte er und präsentierte ein genantes Lächeln. Just während er den noch immer recht ansehnlichen Prätorianer fixierte, musste er daran zurückdenken, dass sein Vater einst hatte postuliert, er habe ihn nach der palmarischen Verschwörung in Mantua allein zurückgelassen, um eben diesen Serapio, damalig Praefectus Praetorio, auf die Seite der Verschwörer zu ziehen. Stets hatte er den Vorsatz gehabt, sich bei diesem über den Wahrheitsgehalt jener Schutzbehauptung zu erkundigen, wozu sich indessen niemals die Gelegenheit hatte ergeben, was selbstredend bei diesem Zusammentreffen nicht anders war, sodass nach einem ungewöhnlich langen, wortlosen und versonnenen Blick Gracchus Minor repetierte:

    "Ich danke dir!"

    Das war nun in der Tat einleuchtend, dass ein zukünftiger Aedil die Kandidaturen für potentielle Mitarbeiterpositionen beobachtete. Dies hätte mir eigentlich nicht entgehen dürfen, denn ich war ja aus einem ähnlichen Grund hier, bloss für den Chef und nicht für mich selbst. Dann kam ein Themenwechsel, den ich so nicht erwartet hatte.

    Nein, ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Die Berufung in die Reihen der Senatoren wäre in der Tat schön. Darauf habe ich seit dem Tode meines Vaters hingearbeitet, denn diesen Platz hat mein Vater für mich schon hart erarbeitet. Sicherlich werde ich nach einer etwaigen Erhebung heiraten. Die Verlobung haben wir vor wenigen Tagen vorgenommen und eingetragen.

    Warum mit der Heirat gewartet wurde, das war sicherlich auch Flavius klar. Es war einfach ein ziemlich grosser Unterschied, ob man einen kleinen Quaestor heiratete, oder einen Senator.

    Und dann möchte ich mich zuerst einigen Gesetzen zuwenden, die mir nicht den Eindruck machen, als würden sie das abbilden, was gelebt wird oder sinnvoll ist.

    "Oh, dann gratuliere ich dir auch herzlich zu deiner Verlobung! Wer ist denn die Erkorene?"

    , bemerkte der Flavius auf Florus' Hinweis auf die vollendete Brautschau, wobei er nicht zweifelte, dass es sich um eine adäquate Partie für einen aufstrebenden Jungsenator würde handeln, er jedoch durch die Nennung des Namens verhoffte, den Jüngling besser einem der größeren Verwandtschaftsverbündnisse des Senats zuordnen zu können.


    Indessen erweckten selbstredend auch die projektierten Gesetzesinitiativen seine Appetenz, da es doch gerade für einen Quaestorius nicht eben gewöhnlich erschien, direkt derartige Debatten im Senat anzustoßen.

    "Welche Gesetze im Besonderen erscheinen dir denn als inadäquat?"

    , fragte er daher durchaus auch aus inhaltlichem Interesse.

    Wenige Reden hatte Manius Minor bisherig vor dem Senat gehalten und ausnahmslos waren es Kandidaturreden gewesen, was für einen Pedarius im Range eines Quaestorius nicht weiter mochte verwunderlich erscheinen. Als an diesem Tage er jedoch den Aufruf des Consul vernahm und sodann den langen Weg von den Hinterbänken der Quaestorier vor zum Podest der Consuln zurücklegte, fasste er den Beschluss, zukünftig größeres Engagement zu beweisen und häufiger sich, wo dies geeignet erschien, das Wort zu ergreifen.


    Zunächst galt es jedoch eine weitere Kandidaturrede zu absolvieren:

    "Patres conscripti!"

    , hob Gracchus Minor also mit jener altehrwürdigen Anrede, welche für gewöhnlich den Senatoren wurde zuteil, an und unternahm sogleich eine kurze Pause, um die Appetenz der Väter zu erhöhen.

    "Eine Pflanze mag im Schutz der anderen gedeihen, doch irgendwann ist sie genötigt, selbst ans Sonnenlicht zu treten, um ihre Zweige gen Himmel zu recken."

    Florale Motive hatten die Wahlkampf-Reden des Flavius von Anbeginn an durchzogen, weshalb auch jetzt er hatte beschieden, diesem selbst gewählten Tradition getreulich sich zu zeigen.

    "Meine Familie wie auch ich bin euch wohlbekannt, selbst wenn ich in den vergangenen Jahren war genötigt, im Auftrag meines Vaters familiaren Obliegenheiten fern von Rom nachzukommen, sodass mir nicht allzu häufig seit meiner gnädigen Erwählung in eure Reihen war gestattet, unter euch zu sitzen."

    Wieder (doch diesmal ungeplant) stockte er, da er doch sich trefflich entsann, dass sein Vater eben diese Absenz zu klären direkt nach seiner Rückkehr aus Ostia hatte zu bedenken gegeben und selbst offeriert hatte, die Verantwortung dafür auf sich zu nehmen. Zweifelsohne mochte diesem oder jenem Senator, welcher über Güter nahe Ostia verfügte oder dort regelmäßig zu Gast war, bekannt sein, dass Manius Minor dort eine Villa Urbana hatte errichtet und bewohnt hatte, ebenso jedoch womöglich, dass dortig er ein recht zurückgezogenes Leben hatte geführt und bei diesem oder jenem Gastmahle in der Nachbarschaft auch ganz offen dem Opium hatte zugesprochen, womit die kritischen Geistern unter ihnen mochten argwöhnen, dass nicht die Pflicht der Güterverwaltung, sondern vielmehr Sucht und Müßiggang ihn fern der Urbs hatten weilen lassen. Dieses Risiko indessen galt es zu akzeptieren, da doch keine andere Rechtfertigung wäre plausibler oder exkusabler wäre gewesen, selbst wenn zumindest die Unsterblichen wussten, dass neuerlich er hatte versucht, seinem Schicksal zu entrinnen.

    "Nun jedoch bin ich zurückgekehrt und verhoffe, meinen Dienst für die Res Publica wieder aufnehmen und intensivieren zu können, wie es sich für einen Spross meines Geschlechtes geziemt: Seit jeher tragen die Söhne der Gens Flavia Sorge für dieses vortrefflichste aller Gemeinwesen: Mein Vater diente ihm als Consul und bis zum heutigen Tage als Pontifex, meine Großeltern verteidigten diese Stadt gegen innere und äußere Feinde als Feldherren, ebenso sind zahlreiche meiner Oheime euch durch ihren Dienst in diesen Hallen wohlbekannt und ihre Statuen und Ehreninschriften säumen unsere Plätze."

    Jene Nobilität der Flavia zu betonen war Minor erforderlich erschienen, nachdem nun bereits geraume Zeit keiner seines Hauses mehr die Toga candida hatte angelegt und somit gerade den jüngeren Homines Novi nicht recht mochte bewusst sein, welche Seniorität dem Namen Flavia auch lange nach dem Ende der flavischen Kaiserdynastie in diesem Gemeinwesen anhaftete.

    "Ich selbst durfte im Schatten dieser Giganten heranreifen, durfte mich an ihren Verdiensten emporranken gleich dem Efeu, um von ihrer Kraft zu profitieren und selbst jene Kraft zu entwickeln, die ich dann erneut dem guten Boden unserer Res Publica, welche uns alle nährt, zurückgeben durfte: Als Triumvir Auro Argento Aere flando feriundo sorgte ich mich um die Münze der Stadt, als Tribunus der Legio II Germanica erwarb ich militärische Kenntnisse und erwarb Meriten durch eine diplomatische Mission bei den Chatten, die mit einer Ehreninschrift in Mogontiacum wurde honoriert. Schließlich hatte ich die Ehre, Herius Claudius Menecrates als Quaestor Consulum zu dienen und ihm dabei zu verhelfen, wegen des uns allen wohlbekannten, erschröcklichen Aufstandes der Sklaven Gerechtigkeit zu üben sowie seine uns trefflich in Erinnerung gebliebenen Spiele zu realisieren."

    Neuerlich pausierte er und blickte mit einem freundlichen Lächeln in Richtung des Platzes, wo Claudius Menecrates für gewöhnlich die Senatssitzungen zu verfolgen pflegte.

    "In all diesen Ämtern durfte ich von großen, erfahrenen wie angesehenen Consularen lernen und ihnen zur Hand gehen, angefangen bei meinem eigenen Vater Manius Flavius Gracchus über Titus Duccius Vala bis hin zu Herius Claudius Menecrates. In ihrem Schatten durfte ich gedeihen wie eine Pflanze, die sich um mächtige Bäume rankt und an ihnen emporklimmt. Ich gewann Erfahrungen in der Administration, im Cultus Deorum, in der Organisation der Ludi wie auch in der Ökonomie und der Iurisprudenz.


    Doch nun, Patres conscripti, wünsche ich im Amt des Aedilis Curulis diese Qualitäten neuerlich einzusetzen und dabei stärker auf eigenen Beinen zu stehen. Nun nicht mehr immediat einem älteren Magistraten zugeordnet, möchte ich selbst aus dem Schatten jener uralten Gewächse treten, um selbst Verantwortung für unser Gemeinwesen zu tragen. Das Aedilat erscheint hierbei als unprätentiöses Amt, welches noch des Imperium gebricht, doch umso ehrenvolleres, da doch es gleichsam den Gärtner repräsentiert, welcher die Urbs als guten Garten und Hort jedweder Energie unserer Res Publica hegt und pflegt. Im kommenden Jahr wünsche ich daher, die Märkte unseres Gemeinwesens zu regulieren. Ebenso sollen die Bauten in Ordnung gehalten werden, sollen Streitigkeiten zwischen Händlern und Bauern geschlichtet und für die Kornversorgung der Plebs Sorge getragen werden. Schließlich gelobe ich auch, dem Volk durch angemessene Spiele jene Rekreation zu verschaffen, derer es bedarf, um tüchtig am Erfolg unserer Stadt weiterzubauen. Wie ich selbst als Vigintivir lernen durfte, möchte auch ich nun aufstrebenden Jünglingen Leiter und Mentor sein und das Leben unserer Stadt auf meinem Posten koordinieren. Dabei gelobe ich ebenso, mit meinen Collegae aus Patriziat und Plebs zu kooperieren."

    Er blickte zu Lucretius Carus, seinem Freund, der im Anschluss wohl seine Kandidatur zum plebejischen Aedilat würde erklären.

    "Ich bitte euch daher, werte Patres conscripti, mir eure Stimme zu geben und zu erlauben, als Aedilis Curulis Verantwortung zu übernehmen für diese Stadt, wie vor mir schon meine Vorväter sie seit jeher als ihre Obliegenheit erachteten!"

    Er blickte in die Reihen und sein Blick ruhte kurz auf seinem Vater, der als Consular recht nahe bei ihm saß. Der Hauch eines Lächelns flog über seine Lippen, ehe wieder eher eine staatsmännisch-gewichtige Miene er aufsetzte und er mit einem letzten, fragenden Blick auf Curtilius Victor deutlich machte, dass nun er sich für etwaige Fragen parat sah.

    Das Lächeln seines Vaters verschwamm vor dem Auge Minors, doch die freundliche Wärme in der Stimme, die darauf abzielte ihm Entlastung und Zuversicht einzuflößen, verspürte er umso deutlicher. Trotz aller Distanzen und Desillusionen zwischen Manius Maior und Manius Minor schien an diesem kühlen Morgen auf dem Aventin jene durchaus wohlwollende, wenn nicht liebevolle Relation auf, die trotz aller Widrigkeiten Vater und Sohn ihr gänzliches bisheriges Leben hatte durchzogen, wie letzterem in dieser Situation gewahr wurde. Mochte der ältere Gracchus bisweilen ungeduldig, bisweilen aufbrausend und in ehelichen Obliegenheiten zuletzt irrig gehandelt haben und womöglich Gefahr laufen, sich zulasten des flavischen Hauses gänzlich übertölpeln zu lassen, so war er doch sein Vater und hatte auch in düsteren Stunden stets beigestanden. Selbst seinen Rückfall und seine Distanz in den vergangenen Tagen, die dem nachhaltigen Ärger über die ihn bedrohenden, doch dennoch offenkundig possierlichen Zwillinge war geschuldet gewesen, schien er ihm zu vergeben.

    "Ich... danke dir, Vater."

    , erwiderte er stammelnd, da plötzlich ihn eine heftige Welle an Emotion erfasste und gar seine Augen befeuchtete. Er seufzte tief, widerstand indessen dem Drang, seinen inzwischen ein wenig gealterten Vater im die Arme zu schließen, da dies doch unschicklich wäre gewesen.

    Niemals hatte Minor einen Gedanken dahingehend verschwendet, welche Obliegenheiten einen Quaestor Principis okkupierten oder welche Aspekte des Wahlkampfes das Interesse des Princeps selbst erweckten, selbst wenn selbstredend er niemals es gewagt hätte, coram publico ein kritisches Wort über den Kaiser zu verlieren. Doch da der Palatin nicht allein der oberste Dienstherr der Equites, sondern ebenso zahlreicher senatorischer Posten war, musste es nur schlüssig erscheinen, dass man bereits früh sich mühte, die Potentiale und Grenzen der hier auftretenden Nachwuchstalente genauestens zu verfolgen.

    "Nun, als Candidatus sollte man ja häufiger das Forum frequentieren und obendrein wäre es in diesem Falle ja sogar ein potentieller Mitarbeiter, so der Octavius das Rennen macht."

    Gracchus Minor wusste nicht, ob Gracchus Maior gewillt war, den Octavii ihr Engagement unter Palma bereits zu vergeben und bei der Wahl würde selbstredend er sich nach dessen Votum richten, doch würde am Ende nicht alles davon abhängen und Minor war pragmatisch genug, auch mit dem Sohn eines politischen Gegners zu kooperieren, wenn die Obligationen seines Amtes ihn dazu nötigten.

    "Hast du bereits erwogen, was du nach dem Ende deiner Amtszeit zu tun gedenkst? Zweifelsohne wird ja die Erhebung in den Senat anstehen."

    Das Jubilieren der Plebs zugunsten des Octavius amüsierte Senator Flavius ebenfalls ein wenig, da doch erst dies ihm die Kuriosität machte bewusst, dass jener Candidatus mit ihm nicht nur Praenomen, sondern auch Cognomen teilte und obendrein womöglich ihm würde zugeordnet sein, wenn sie beide bei den Wahlen reüssieren würden.

    Und wieder war ich auf dem Forum, "bewaffnet" mit meiner Tabula, um dem Kaiser später berichten zu können. Als die Rede endete und die Sprechchöre starteten, stand folgendes auf meiner Tabula.

    Sodann erblickte er neuerlich den annaeischen Quaestor, dessen Bekanntschaft kürzlich er erst hatte gemacht und der augenscheinlich recht emsig der Rede war gefolgt.

    "Salve, Annaeus! Wie mir scheint, verfolgst du eifrig die Kandidaturen dieses Jahres?"
    , benannte er das Augenscheinliche, um in ein freundliches Gespräch zu gelangen.

    In Sachen Kandidatur befand sich Manius Minor ebenfalls auf dem Forum und verfolgte die Reden jener Jünglinge, welche an dieser Stelle ihre rhetorisches Talent zu belegen sich mühten, was selbstredend für ihn selbst als Spross eines patrizischen, consularen Hauses nicht vonnöten war gewesen, sodass erst kürzlich er sein Debüt auf der Rostra hatte vollbracht. Einen Augenschlag spintisierte er darüber, ob es nicht ein wenig eigenartig musste erscheinen, die eigene Sohnschaft von einem Senator zu betonen, so als wäre dies ein unglaubliches Faktum, was doch ihn an jene alte Weisheit erinnerte, dass das, was besonders explizit als selbstverständlich zu deklarieren, nicht selten gerade das war, was jene Selbstverständlichkeit ließ missen. Indessen mochte dies lediglich der Nervosität geschuldet sein, die zweifelsohne auch einen Spross senatorischen Hauses musste erfassen.

    Als Candidatus oblag es Manius Minor, bisweilen sich auf dem Forum aufzuhalten, um mit diesem oder jenem Senator einen Plausch zu halten und auch sich bei den amtierenden Trägern des erstrebten Amtes sich über aktuelle Vorgänge zu informieren. In dieser Funktion befand sich der Flavius auch auf dem Platze, als Torquatus seine Kandidatur proklamierte. Selbstredend war ihm der Jüngling nicht unbekannt, da doch dieser in den vergangenen Monaten ein Tirocinium fori bei seinem Vater hatte absolviert, doch kam ihm in diesem Augenblick die Frage, ob jener Fabius eigentlich auch sich unter die Klientel seiner Familie hatte begeben. Deplorablerweise erwähnte der Redner dies ebensowenig wie weitere Details über seine Biographie, sodass der jüngere Gracche letztlich Patrokolos zur Rate zog, welcher selbstredend die Frage negierte.

    Dennoch spendete er höflichen Applaus, erwartungsfroh, ob hiesig mehr Fragen an den Candidatus würden adressiert werden.

    :app:

    Der Ianitor führte den Seius in das prachtvolle Anwesen, vorbei an den Büsten der flavischen Imperatoren im Atrium hinein in ein Officium, nicht jedoch in das Tablinium, wo wiederum nicht Manius Flavius Gracchus, sondern lediglich Manius Flavius Gracchus Minor ihn erwartete.

    "Salve, Seius, ich bin Manius Flavius Gracchus Minor. Mein Vater ist gerade außer Haus, wird jedoch in Kürze zurückkehren und verhoffentlich noch zu uns stoßen. Acanthus berichtete, dass Pontifex Valerius dir empfohlen hat, bei uns vorzusprechen. Worum handelt es sich denn?"

    Es war nicht selten, dass Manius Minor Manius Maior vertrat, wenn dieser nicht fähig oder nicht gewillt war, gewissen Obliegenheiten sich persönlich zu widmen, sodass der Senator routiniert jenen angekündigten, doch zeitlich nicht terminierten Besuch empfing. In der Tat erweckte indessen die extravagante Aufmachung des Gastes, dessen Name ihm derart ungeläufig war, durchaus seinen Vorwitz, selbst wenn er das Schreiben des Valerius nicht selbst hatte gelesen, obschon dieses seine Freude auf das Gespräch zweifelsohne noch gemehrt hätte.

    "Äußerst gerne!"

    erwiderte der Flavius leutselig, als Florus zukünftige Allianzen erwähnte, selbst wenn er selbstredend bisherig kaum eigenständig im Senat auftrat, sondern vielmehr ein Pediarius seines Vaters war.

    "Ich danke dir in jedem Falle für deine Unterstützung - im Senat oder anderswo!"

    beendete er dann das kurze Zwiegespräch, da bereits Cornelius Scapula, sein Schwiegeronkel, an ihn herantrat, welcher selbstredend eine weitaus höhere Priorität genoss als ein bisherig unbekannter Quaestor, der noch nicht einmal zu wählen befugt war. Dennoch fasste Minor den Beschluss, den Weg des Annaeus aufmerksam zu verfolgen und die erwähnten Kooperations-Optionen sorgsam zu erwägen. Womöglich würde er ihn beizeiten einmal zu einem Gastmahl laden, um ihn näher kennenzulernen...

    Nervöser als üblich blickte Manius Minor auf die Schale mit den Vitalia, welche Manius Maior wurden zur Inspektion gereicht. Zweifelsohne würde Ceres, respektive sämtliche Dei consentes an dieser Stelle ihr Votum verkündigen, so sie grundsätzlich missbilligten, dass jener pflichtvergessene Spross eines uralten Hauses seinen Cursus Honorum fortsetzte. Während der Pontifex also in jenem Gemisch aus Blut und weiteren Körpersäften die Leber wendete, malte sich sein Sohn aus, wie nun er sollte reagieren, falls sein Vater eine Obnuntatio proklamierte, ob dann das Opfer schlicht zu wiederholen wäre, ob er seine Kandidatur zurückziehen oder ein größeres Sühneopfer würde zu vollziehen haben. In jedem Falle würde er seinem getreuen Freund Lucretius Carus einiges zu gestehen haben...


    Erfreulicherweise währte die Leberschau jedoch nicht lange, sodass die Litatio Minor aus dem gramvollen Spintisieren riss.

    "Litatio!"

    nahm lautstark Carus das Votum des Pontifex auf und klopfte dem noch immer ein wenig nachdenklichen Flavius auf die Schulter. Er mühte sich ein scheues Lächeln ab und blickte zu seinem Vater hinüber. Ob dieser die Wahrheit hatte gesprochen? Oder war dies eine Farce wie jene zahllosen Litationes im öffentlichen Kult, die, wie er wusste, zur Annahme verdammt waren, da doch niemand unter den Pontifices oder Haruspices es wagte, dem Kaiser und seinen Amtsträgern die unerfreuliche Nachricht zu übergeben, die Götter nähmen ihre Gaben nicht an? Womöglich hatte sein Vater lediglich dieses Resultat verkündet, um die öffentliche Demütigung seines Sohnes zu verhindern, womöglich gar, um ihn nicht davon abzubringen, seinen Dienst für die Res Publica fortzusetzen, da er um seine epikureischen Umtriebe wusste!


    Während also Lucretius Carus sich wieder seinen Familiaren zuwandte, um auf die Vollendung des Schlachtvorgangs zu warten und sich seinen Anteil für das abendliche Festmahl mitzunehmen, trat Gracchus Minor zu Gracchus Maior heran und fragte mit gesenkter Stimme, damit die Umstehenden es nicht vernahmen:

    "Was hast du wahrhaftig gesehen? Eine Litatio?"

    Am diffizilsten für Manius Minor am Wahlkampf waren Szenerien wie jene, denen nun er ausgesetzt war: Aus nächster Nähe traten diverseste Personen an ihn heran, manche wohlbekannte Klienten aus der Familia Flavia Romae, manche potente Senatoren, manche indessen bedeutungslose Wichtigtuer, von welchen bei letzteren nicht zu viel Zeit war zu verlieren, anderen jedoch besonders intensive Zuwendung war zu schenken, um sie für ein Votum zu den eigenen Gunsten zu gewinnen. Angesichts seiner Hypermetropie nun verschwammen jedoch die Gesichter, lediglich die grobe Form der Schemen sowie der Klang der Stimmen vermochte dem Flavius eine Idee zu vermitteln, um wen es sich jeweils handelte, was dadurch war erschwert, dass er seit längerer Zeit Rom war fern geblieben, sodass sein Erinnerungsvermögen an die feinen Nuancen zwischen Vätern und Söhnen, aber auch schlicht ähnlichen Charakteren war getrübt. Überaus wertvoll war daher Patrokolos, welcher zugleich ihm als Nomenclator diente und schließlich bei einer Person, welche ohnedies er mitnichten hätte identifiziert, ein

    "Annaeus Florus Minor!"

    ins Ohr hauchte, woraufhin der jüngere Gracche ein freundliches Lächeln präsentierte und die dargebotene Hand ergriff:

    "Annaeus, ich glaube, wir hatten noch nicht persönlich das Vergnügen! Ich danke dir für deine Glückwünsche und gebe sogleich sie zurück anlässlich deiner Nachwahl zum Quaestor! Du scheinst wahrhaftig das Auge des Princeps auf dich gezogen zu haben!"
    Jene denkwürdige Session des Senates war ihm in lebhafter Erinnerung geblieben, war sie doch die erste seit seiner Rückkehr nach Roma gewesen. Und in der Tat hatte der Augustus in ungewöhnlicher Deutlichkeit seine Präferenz für die Ernennung jenes Jünglings geäußert, der vor seiner eigenen Erhebung in den Senat ihm noch gänzlich unbekannt war gewesen, dem aber augenscheinlich eine große Karriere war beschieden.

    Keine Fragen waren zu vernehmen, sodass eine Weile der Flavius fragend in die Menge blickte und zuletzt gewinnend die Rechte erhob, woraufhin sogleich der neuerliche Applaus der flavischen Klientel erscholl. Noch einen Augenschlag verweilte Minor und verließ sodann jene Bretter, welche in alter Zeit die Welt hatten bedeutet, und stieg in die Menge hinab, wo frenetisch jubilierende Parteigänger höheren Ranges ihm ihre Rechte darboten, um den strahlend weiß gewandeten Kandidaten zu berühren und ihre Unterstützung zu kommunizieren.


    Während die Hautevolee in der Menge um den Kandidaten sich scharte, eilten die gemeinen Klienten und Schaulustigen bereits zu den Ausgebern der Spenden. Auch Decimus Varenus weilte unter ihnen und als er so freundlich sich gerierte und sogar als Klient des großen Aelius Quarto sich offenbarte, erwiderte der Sklave:

    "Dann sollst du noch einen haben!"

    , was selbstredend dazu führte, dass weitere Taugenichtse, welche dies vernahmen, ebenfalls zu beteuern begannen, sie seien die Klienten oder Klientensklienten dieses oder jenes angesehenen Senators. Da indessen die Kassen der Flavia noch immer prall waren gefüllt und Manius Maior höchstselbst hatte angewiesen, bei der Unterstützung seines Sohnes nicht knausrig aufzutreten, vermochten die Spendengeber diese vermehrte Nachfrage einiger durchaus aufzufangen.

    Das Thema "sinnvolle oder erfüllende Zukunftsgestaltung" beschäftigte Menecrates erst unlängst, als sein Sekretär nach langer Reise zurück in die claudische Villa fand. Sie waren im Gespräch beide nicht auf eine Lösung gekommen, sondern bestenfalls auf Wege, die zu Lösungen führen könnten, über die sie sich in ihrer Abfolge aber nicht einmal einig geworden waren. Flüchtig erwischte sich der alte Claudier dabei, wie seine Phantasie ein durchaus rosiges Bild der Vergangenheit malte, in der er Praefectus und Flavius Aedil wäre. Er seufzte unmerklich und wischte energisch die unnützen Gedanken fort. Die Vergangenheit war bereits geschrieben.

    "Als Vergnügen hätte ich es angesehen", pflichtete Menecrates bei und schmunzelte - wohl wissend, dass verantwortungsvolle Ämter in den seltensten Fälle von Vergnügen gekennzeichnet waren. Er fügte daher an: "Eine angenehme und befruchtende Zusammenarbeit verlängert den Atem der Amtsinhaber, was nicht nur den Personen selbst, sondern vor allem dem Reich nutzt. Sie trägt die größten Früchte."

    Cornelias' Frage ließ Menecrates kurz wirken und quittierte sie zunächst mit einem: "Hm." Er befand sich noch immer im Stadium des Kräftesammelns, ein Amt würde ihn überfordern. Er schüttelte kurz den Kopf, bevor er antwortete. "Vorerst nicht, nein." Wieder dachte er kurz nach. "Gleichzeitig sollte man niemals nie sagen." Er lächelte, neigte den Kopf einmal zur Seite und fuhr fort, indem er zu Flavius blickte: "Vielleicht schaue ich einmal in der Amtsstube vorbei und lasse mich inspirieren. Vielleicht kann ich auch im Zuge des Wahlkampfes behilflich sein, sofern es mir möglich ist." Damit lag die Wahlunterstützung seitens des Claudiers offen. Wenn es bereits Pläne gab, lud Menecrates Blick dazu ein, sie zu äußern. Er führte ganz offensichtlich lieber "Dienstgespräche" als zu feiern. Etwas essen, würde er vielleicht.

    Als Balsam für seine Seele erschien Minor jenes Zwiegespräch mit dem greisen Claudius, dessen ehrliche Freude, ihn neuerlich zu sehen und dessen anerkennende Worte für seine Taten ihn doch beinahe geneigt machten zu glauben, dass er, wenn doch er mit seinen Taten einen Consular zufrieden hatte gestimmt, auch die Unsterblichen saturiert mochte haben.


    Hinsichtlich der zukünftigen Pläne schien seine Gattin hingegen (augenscheinlich wie nicht selten) ein eher heikles Sujet angesprochen zu haben, da Menecrates sich doch eher bedeckt hielt, sodass der jüngere Flavius ihm zur Seite sprang:

    "Nach deinen zahllosen Leistungen und Ämtern im Dienste der Res Publica ist es zweifellos auch angemessen, zunächst ein wenig zu verschnaufen und sich die Muße zu gönnen."

    Dann jedoch wandte der Gesprächspartner sich erneut seiner Kandidatur zu und während Philonica noch zu seinen letzten Worten nickte, errötete Minor beinahe ein wenig, als er erwiderte:

    "Es ehrt mich, dass du bereit bist, mich zu unterstützen und ich würde mich sehr freuen, wenn du diesem Umstand bei Gelegenheit Ausdruck verleihen würdest."
    Jede weitergehende Unterstützung wäre zweifelsohne zu viel, da doch Minor dem Alten nur wenig als Revanche hatte zu offerieren.

    "Gerne lade ich dich bei Gelegenheit aber einmal zum Essen ein, nicht wahr, Cornelia?"
    Er blickte fragend zu seiner Gattin, die augenscheinlich in diesem Augenblick ihren Blick ein wenig in die Menge hatte abgleiten lassen und aus fernliegenden Gedanken gerissen wurde.

    "Sehr gerne, ja!"

    Neben den Schergen seines Vaters entsandte auch Manius Minor selbst weitere Diener des Hauses, die ebenfalls freie Stellen mit mehr oder minder geistvollen Parolen dekorierten:


    LUDI OPULENTI PRO OPULENTO POPULO

    EDICTA SEVERA CONTRA SEVERA VITIA

    COMITIIS TRIBUTIS CONCLUSIO FLAVIUS GRACCHUS*



    PAR AEDILIUM:

    LUCRETIUS CARUS EX PLEBE PRO PLEBE

    FLAVIUS GRACCHUS EX NOBILITATE PRO POPULO*


    Sim-Off:

    * Reiche Spiele für das zahlreiche Volk
    Strenge Edikte gegen schwerwiegende Mängel
    In der Wahlversammlung das Ergebnis Flavius Gracchus


    ** Ein (gleichberechtigtes) Paar an Aedilen:
    Lucretius Carus aus dem Volk für das Volk
    Flavius Gracchus aus der Nobilitas für das Volk

    Vor dem Tempel, wo einige Familiaren und Freunde der Kandidaten (darunter selbstredend Manius Maior als exponiertester) partizipierten, hatten die flavischen Sklaven bereits ein Feuer auf dem Altar entfacht, andere warteten mit dem Schwein, das Lucretius Carus von einem seiner Güter hatte herbeigebracht. Nachdem die beiden Opferherren die Stufen des Heiligtums hinabgestiegen waren (was Gracchus Minor einige Erleichterung bescherte, da doch einen Fehltritt auf den Stufen er am meisten hatte gefürchtet, während nun wieder Patrokolos als sein allseitiges Auge an seiner Seite war), positionierten sie sich vor dem brennenden Altar. Zunächst galt es, das der Tradition gemäß ausstaffierte Opfertier zu inspizieren, was aufseiten des Flavius selbstredend eine Farce war, da er doch nicht einmal imstande war, die Stickereien auf dem Dorsule des Rüsseltieres zu identifizieren, sodass sich die "Arbeitsteilung" mit Lucretius Carus wiederum als hilfreich erwies. Also wartete Minor schlicht, bis sein Freund das Vieh hatte umrundet und der Ceres geweiht, ehe einer der Sklaven mit

    "Favete linguis!"

    die kultische Ruhe einforderte und ein weiterer mit Wasser die Menge besprengte, um auch die erforderliche Reinheit zu erwirken. Die beiden Opferherren indessen ließen sich die Hände gesondert waschen und während Minor das kühle Nass über die Finger rann, fragte er sich erneut, ob diese Rituale würden genügen, die Unreinheit seines neuerlichen Versagens, jenen Rückfall in die Sucht des Morpheussaftes, hinfortzuspülen und die Pax Deorum zwischen ihm und Ceres, seinen Ahnen und sämtlichen Unsterblichen wiederherzustellen.


    Bald indessen würden sie es zumindest ein Stückweit erfahren, denn nun fehlte nur die Darbringungsformel:

    "Dieses makellose Schwein sei dir gegeben für deinen Segen zu unserem Aedilat!"

    Bei der Präparation dieses Ritus hatte Lucretius Carus den amüsanten Vorschlag aufgebracht, das Rüsseltier mit dem Hinweis darzubringen, Ceres möge sie gleich einem Schwein auf der Trüffeljagd befähigen, Missetäter auf den Märkten aufzuspüren, doch hatte man selbstredend davon abgesehen, sodass Carus lediglich repetierte:

    "Dieses makellose Schwein sei dir gegeben für deinen Segen zu unserem Aedilat!"


    Es folgte der gewöhnliche Opferritus: Ein Schlächter eröffnete auf seine Frage hin die Kehle des quiekenden Tieres, Blut floss und wurde an den Altar gesprengt, ein weiterer Metzger brach den Leib des wohlgenährten Tieres auf und entnahm die Vitalia. All dem schenkte Manius Minor allerdings wenig Aufmerksamkeit, da noch immer ihn die Frage beschäftigte, ob überhaupt es eine gute Idee war gewesen, dieses Opfer öffentlich zu vollziehen, wo doch er keineswegs war sicher, dass die Unsterblichen seine Gabe anzunehmen gewillt waren. Gefährdete er damit nicht nicht allein sich, sondern ebenso die Wahl seines geschätzten Freundes, welcher zweifelsohne viel mehr als er selbst das Fortschreiten im Cursus Honorum hatte verdient?

    Da ich nun kandidiere: Wer zeichnet für die Ankündigung meiner Kandidaturrede im Senat verantwortlich? Da dort, wie ich verhoffe, auch dieser oder jener Senator mir wird Unterstützung erweisen und dies möglichst vor dem Wahltermine sollte geschehen, wäre es zweifelsohne gut, sie baldig zu präsentieren :)


    Ebenso wurde ich bereits via PN auf meine Wahlseite verwiesen, doch ist mir nach Klick auf den Link der Zutritt dorthin verwehrt. Ich vermute, hier sollte dann etwas zu sehen sein?

    Langsam pirschte Gracchus Minor sich an die Brüstung der Tribüne heran und blieb endlich stehen. Vor ihm standen zahllose Personen, einige vertraute Gesichter, aber augenscheinlich auch diverse Fremde, die neugierig zum Halten waren gekommen. Immerhin begrüßte ihn ein warmer Applaus, der seine Nervosität ein wenig senkte. Befangen strich er den Bausch seiner Toga candida entlang, dann erst erhob er die Stimme:

    "Quiriten!"

    , rief er die Menge an.

    "Mein Name ist Manius Flavius Gracchus, Sohn des Consulars Manius Flavius Gracchus, Enkel des ehemaligen Praefectus Urbi Titus Flavius Vespasianus. Seit Generationen dient unsere Familie dem Volke von Rom in verschiedenen Ämtern. Nachdem auch in diesen Weg angetreten habe, erhoffe ich nun, ebenfalls im kommenden Jahr meinen Weg fortzusetzen, um dieser Stadt und all ihren Bewohnern zum Nutzen zu gereichen."

    Zunächst hatte Manius Minor erwogen, an dieser Stelle auch den Dienst an den Göttern zu erwähnen, da doch sein Voranschreiten im Cursus Honorum primär der Furcht vor der Ira Deorum war geschuldet, welche seine geliebte Mutter ihm im Traume in Aussicht hatte gestellt. Indessen hatte Lucretius Carus ihm geraten, jene Passage zu streichen, da doch das Aedilat weniger kultische Obligationen umfasste, sodass nur gedankenverloren er einen Blick gen Himmel wandte, wo die Götter vom Olymp auf ihn herabsahen, um sodann fortzufahren:

    "Bisherig hatte ich die Ehre, der Res Publica in diversen Bereichen zu dienen: Als Tresvir Monetalis sorgte ich für die korrekte Prägung jener Münzen, in denen ihr euren gerechten Lohn erhaltet. Als Tribun führte ich eure Söhne und Brüder bei der ruhmreichen Legio II Germanica, die unser Imperium gegen die Horden der Barbaren schützen. Als Quaestor assistierte ich dem ehrenwerten Consul Herius Claudius Menecrates und unterstützte ihn bei der Ausrichtung der zahllosen Ludi, welche euch zweifellos in bester Erinnerung sind."

    Selbstredend hätte er noch weitere Meriten erwähnen können, doch da diese Rede volkstümlich und kurzweilig sein sollte, hatte er lediglich jene Aspekte erwählt, die ihm aus Perspektive der Plebs (eine Perspektive, welche einzunehmen ihm zweifelsohne nicht sonderlich leicht war gefallen) am relevantesten waren erschienen.

    "Nun möchte ich gemeinsam mit meinem geschätzten Freund Lucretius Carus das Aedilat ergreifen. Dieses Amt dient, wie ihr wisst, in besonderer Weise eurem alltäglichen Leben, welches zu erleichtern und zu bereichern ich im Falle meiner Wahl gelobe: So werde ich einen scharfen, doch gerechten Blick auf die Märkte dieser Stadt haben, aufdass Betrügern und Dieben das Handwerk gelegt wird und ihr die Früchte eurer Arbeit ungestört genießen könnt. Ich werde die Gewerbe beaufsichtigen und einschreiten, wo illegale Aktivitäten vorliegen, aufdass ihr vertrauen könnt, dass die Waren und Dienste, welche ihr mit eurem hart verdienten Geld erkauft, in jener Qualität vorliegen, die ihr erwartet."

    Dies stellte den weniger erquicklichen Teil der aedilischen Obliegenheiten dar, welche der Flavius eher zu delegieren erhoffte, obschon er selbstredend bewusst war, dass auch hier er seinen Eifer würde unter Beweis stellen müssen.

    "Insonderheit werde ich jedoch die Cura Ludorum ernst nehmen und besonders anlässlich der Megalesia Wagenrennen und Schauspiele veranstalten zu Ehren der großen Mutter und zur Freude für euch alle! Ich werde Sorge tragen, dass Pferderennen unter den Augen der Kybele stattfinden und die besten Aurigae sich messen! Ich werde Schauspieler beauftragen, euch die phrygischen Mären zu präsentieren und euch Zerstreuungen bieten, wie ihr sie an diesen Tagen gewohnt seid!"

    Dies war wohl die aedilische Pflicht, welcher die Plebs die größte Bedeutung zumaß, obschon sie doch theoretisch die verzichtbarste mochte sein.

    "Seit alters her tragen die Aedilen auch Sorge für die Versorgung unserer Stadt mit Getreide. In Erinnerung daran und als Vorgeschmack auf die Lustbarkeiten zu den Spielen biete ich euch heute kostenlose Getreidespenden, um euch zu sättigen! Jeder mag sich gütlich tun an Korn und Wein und seinem Patrone empfehlen, mich zum Aedil zu wählen - zum Nutzen unseres Staatswesens wie zu eurem besten!"

    Gewinnend erhob er die Rechte und sogleich erscholl der Applaus der flavischen Klientel, während Minor verweilte, um etwaige Fragen zu parieren.

    Manius Minor sog die kühle, weihrauchschwangere Luft der Cella ein und blickte kurz zu seinem Freund Lucretius Carus, dessen Mimik er aus dieser Distanz lediglich erahnen konnte.

    "Dann schreiten wir voran!"

    , erklärte er und der Flavius nahm an, dass er sein sanftmütiges Lächeln präsentierte.


    So begaben sie sich zu dem großen Kultbild der Göttin, welches weitaus älter war als das Bauwerk selbst und dennoch in leuchtenden Farben die Mutter aller Vegetation präsentierte, als sei erst gestern es errichtet worden. In ihrer Hand offerierte sie die Ähren, deren Spende zweifelsohne sie zur Favoritin der arbeitenden, vormals bäuerlichen Plebs hatte gemacht und die auch die beiden Kandidaten im Voropfer darzubringen gedachten.

    "O Ceres, Hüterin der Feldfrüchte und nährende Mutter unseres Staatswesens!"

    , begann Manius Minor das präparierte Gebet und Carus ergänzte:

    "O Ceres, Beschützerin der Plebs Urbana und Mutter des immerwährenden Wachstums!"

    "Du nährst unser Volk mit den Früchten der Erde, welche der Schweiß unseres Volkes zu unserer Speise verwandelt."

    "Du beschirmst unser Volk vor Hungersnot und Mangel, weshalb unser Volk dich ehrt und dir gerechte Gaben gibt."
    Nun war es an der Zeit, die Bitte zu formulieren und wieder schritt der Flavius voran:

    "Wir bitten dich: Erleuchte unseren Weg und verleihe uns deine Gunst, die wir uns um das Amt des Aedilis bewerben, um dein Haus zu beschirmen und dich mit Spielen zu ehren!"

    "Wir bitten dich: Erleuchte unseren Weg und verleihe uns deine Gunst, die wir uns um das Amt des Aedilis bewerben, um deine Gaben gerecht an das Volk zu verteilen!"
    Der nächste Schritt war die Darbringung der Gaben, wofür zwei Sklaven ihnen hinein gefolgt waren und nun, da sie vor dem Foculus standen, an ihre Seite wechselten und zunächst dem patrizischen Opferherrn die Patera mit Getreidekörnern zu reichen.
    "Wir geben dir dafür Korn, die Frucht deiner Erde, und geloben dir weitere Gaben, wenn du uns zu jenem Amte verhilfst!"

    Minor hielt die Patera mit ausgestreckten Armen vor sich und ließ die Körner einzeln auf die Kohlen purzeln, wo einige davonsprangen, manche jedoch liegen blieben und den Duft gebackenen Brotes verströmten.

    Sodann erhielt Licinius seine Gabe, von welcher der Flavius mit höchster Intention Abstand hatte genommen, da doch dies der Urstoff seiner Nemesis war gewesen, welche tunlichst er von jeder seiner Aktion gegenüber den Unsterblichen ferne hätte gehalten. Doch deplorablerweise hatte Carus jene Gabe, die für Ceres durchaus Tradition besaß, vorgeschlagen, und da Gracchus nicht recht hatte gewusst, wie er diese hätte ablehnen sollen, ohne seine mirakulösen Gesichte zu offenbaren und damit womöglich sich als Verfluchter zu erkennen zu geben, weshalb seine Scham letztlich hatte verhindert, jenes schändliche Kraut zu umgehen:

    "Wir geben dir dafür Mohn, aus deren Kapsel tausende Samen quellen, und geloben dir weitere Gaben, wenn du uns zu jenem Amte verhilfst!"

    Die feinen Mohnkörner wurden ebenfalls auf den Altar gestreut, von wo aus sie, ehe das Korn war verbrannt, jenen Minor höchst vertrauten bitteren, schweren Duft verströmten, der nicht selten bei den Gelagen der Myrmidonen zu schmecken war gewesen. Sogleich strömten Erinnerungsfetzen in Gracchus' Geist, tauchten vor ihm die dümmlich lächelnden Fratzen seiner damaligen Gesellen auf, die verworrenen Leiber liebreizender Tänzerinnen und Lustknaben, die weibischen Monturen jener Runde und die götterlästerlichen Ergüsse epikureischer Provenienz. All dies, was seine Mutter ihm als Gram und Objekt des Zornes aller Unsterblichen hatte offenbart, war fest verbunden mit jener Olfaktorik und rasch mühte er sich, das Voropfer zu einem Ende zu bringen und den Tempel mit seinem erinnerungsschwangeren Gerüchen zu fliehen.


    Also wandte er sich nach rechts, gefolgt von seinem Freunde, und ging, die Füße deutlich vom Boden hebend, um nicht doch an einer verborgenen Ritze zu straucheln, zurück in Richtung der Pforte und dann die Stufen des Tempels hinab auf den Vorplatz.