Beiträge von Manius Flavius Gracchus Minor

    Inmitten der Interrogation manövrierte sich Ravilla in einige Bedrängnis, als die beiden Gäste über seine Loci communes konkrete Positionen abverlangten. Da der jüngere Flavius fürchtete, sein Tiro fori hätte sich davon auf seinen Rat selbst hin davon distanziert, beschied er, ihm beizuspringen und erhob das Wort:

    "Was der gute Ravilla besagen möchte, ist der Umstand, dass Tradition eine gewisse Dynamik nicht exkludiert, dass sie gleichsam die Weitergabe eines Feuers, nicht das Bewahren einer Asche darstellt. Wir alle wissen ja, dass zum Schutze unserer Mores maiorum bisweilen neue Strukturen erforderlich sind, wenn die Situation sich wandelt, manches wiederum sie gar nicht tangiert. Welche Entscheidungen hier das Tagesgeschäft wird erfordern, können wir kaum ästimieren, denn insonderheit auf den ersten Schritten des Cursus Honorum geht es doch eher um persönliche Integrität denn um politische Visionen: Ein Tresvir capitalis sollte die Mores maiorum achten und ihnen gemäß ermitteln und urteilen, sie gleichsam auf die konkrete Situation adaptieren. Wenn er indessen erkennt, dass unser Recht einer Konkretion bedarf, um sie besser zu erfassen, so steht es ihm gut an, diesen Wandel anzustoßen."

    Das augenscheinlichste Exempel dessen war zweifelsohne die Einführung des Prinzipats durch Divus Augustus.

    "Und was Opportunismus und Treue betrifft: Seius Ravilla hat bereits eine Seite gewählt, indem er meinen Vater um sein Patronat bat. Damit exkludiert er zugleich die Unterstützung jener Kreise, die auf beständige Neuerungen setzen und die Mores maiorum mit Füßen treten, denn er wird kaum uns Treue erweisen können, wenn er zugleich sich zugleich unter die Fittiche derartiger Agitatoren begibt."

    Dies zumindest wollte Minor erwähnt wissen, nachdem Menecrates bereits abwinkte und damit dem jungen Seius die Gelegenheit nahm, nochmals sich aus seiner misslichen Lage zu manövrieren. Zwar wusste er, dass der Claudius sich durchaus zugänglich hatte präsentiert, doch die Worte mussten seinem vormaligen Tiro fori als Ablehnung erscheinen.

    Schweigend bot Manius Minor Manius Maior den erforderlichen Raum, seine familiären Komplikationen gedanklich zu ordnen, in der Stille hoffend, dass sie zugunsten der Flavia wie seiner eigenen Person würden sich wenden und seine Flüche nun endlich ihre Erfüllung würden finden.


    Als endlich er wieder den Blick hob, griff er indessen ein gänzlich anderes Sujet auf, sodass der jüngere Flavius zunächst irritiert dreinblickte, ehe er endlich seinerseits seine Gedanken hatte geordnet:

    "Ravilla war ein gelehriger Schüler, er verfügt durchaus über einiges Potential. Indessen steckt er wie viele Homines novi noch voller Flausen, vermeintlich großer Ideen. Hier und da gelang es mir wohl, seine Ambitionen ein wenig zu stutzen. Ebenso wird sein familiärer Rahmen womöglich ihm noch ein Hindernis sein, da mir doch scheint, dass die Familie zumindest in den westlichen Gefilden nicht mit übermäßigen Verbindungen gesegnet ist. Und schlussendlich stelle ich an ihm eine gewisse Sprunghaftigkeit fest, in Zukunft wird er noch in Beharrlichkeit und Kontinuität sich schulen müssen. Doch ist all dies wohl nichts, was nicht vielen Jünglingen zueigen ist, insofern bin ich sicher, dass er mit unserer Hilfe und einer Portion Frustrationstoleranz seinen Weg wird machen. Und so ihm dies gelingt, bin ich mir seiner Loyalität sicher."
    Dies zumindest sollte implizieren, dass die Investition in den Jüngling, dem man immerhin Obdach und einen Lehrmeister hatte geboten, nicht vergebens war.

    Mit einiger Spannung hatte auch der Aedil das Rennen verfolgt, hatte heimlich für Proteneas gefiebert und imaginiert, wie sein Onkel Aristides sich hätte ergötzt an dem Angriff seines ästimierten Favoriten in der fünften Runde. Obschon am Ende die Aurata triumphierte, empfand er doch Satisfaktion ob des Ausgangs jenes Rennens und er schenkte seinem Tiro fori einige freundliche Worte, ehe Sotion hinauf in die Loge kam, um sich seinen Siegespreis abzuholen:

    "Exzellent organisiert, mein lieber Ravilla! Nun sollst du mit mir den Lohn empfangen!"

    Minor erhob sich und gebot auch Ravilla mit einer Geste, an seiner Seite an die Brüstung zu treten, um sich dem Volke zu präsentieren. Obschon wenige den auffällig gekleideten Jüngling würden erkennen, so mochte einst ihn der ein oder andere Senator memorieren, wenn er die Toga candida hatte angelegt.


    "Sotion, ich gratuliere dir! Dein Gespann hätte selbst den Wagen des Sol Invictus überrundet, wie mir scheint. Die große Mutter wurde trefflich von dir unterhalten!"

    , begrüßte er den siegreichen Auriga und lächelte ihm zu. Als er ihm ebenso gebot, ins Licht zu treten, erscholl der Jubel der Menge und der Aedil ergriff den Arm des Fahrers und reckte ihn in die Höhe. Da Sotion des Magistraten um einen Kopf überragte, mochte dies für das Publikum ein wenig kurios aussehen, doch nahm der Flavius davon keinerlei Notiz, sondern wandte sich um und ließ sich von seinem Tiro fori den Lorbeerkranz reichen, um ihn dem nun tief gebeugten Auriga aufs Haupt zu setzen.

    "Ein Triumphator, wahrlich!"

    , bemerkte er dazu und reichte noch einen Palmzweig und einen Beutel mit dem Preisgeld. Zuletzt ließ er sich noch einen vergoldeten Modius anreichen.

    "Auch deine Pferde sollen ihren gerechten Lohn erhalten!"

    Sotion verabschiedete sich und verließ wieder die Loge, um die Ehrenrunde der Gespanne anzuführen. Minor blieb an der Brüstung stehen und blickte hinüber auf die Spina, wo noch immer die Kultstatue der Magna Mater thronte. Er verhoffte, mit jenen Festivitäten ihre Gnade gewonnen zu haben. Dies verhoffte er wahrlich.

    "In der Tat, mein guter Ravilla, und du wirst ohnehin zu lernen haben, wie man sich in derartiger Gesellschaft bewegt."

    , erwiderte der Flavius mit einem Lächeln. Er war gewiss, dass der Seius jene Herausforderung mit Bravour würde lösen, zumal er im vergangenen Jahr bereits diverse Gelegenheiten hatte gehabt, sich in der Hautvolee der Urbs zu bewegen, da er im Rahmen seines Tirocinium fori bereits an diversen Gastmählern und Audienzen partizipiert und stets eine gute Figur dargeboten hatte.

    "Ich bin sicher, dass du dies hervorragend wirst meistern!"

    Der jüngere der Flavii verfolgte mit Wohlwollen, wie der Klient seines Hauses sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit setzte und mit freundlichen Worten um die Sympathie aller Anwesenden warb. Dass der greise Menecrates mit seinem nüchtern-misstrauischen Naturell darauf ausgesprochen kritisch einstieg, war wenig erstaunlich, doch bisherig gelang es dem Seius durchaus, seine Worte adäquat zu wählen. Dass der Claudius dabei ein recht reduziertes Bild des Senates präsentierte, quittierte Minor mit einem sanften Lächeln, da jene Worte augenscheinlich waren gewählt, Ravilla aus der Reserve zu locken, und er war selbst gespannt, wie ihr Klient sich nun würde positionieren.

    Die finale Runde begann wie die vorigen: Sotion schoss über die Gerade und ließ all seine Konkurrenten Staub schlucken! Interessanter präsentierte sich der Kampf um Platz zwei, den Proteneas und Synnesis fortsetzten. Obwohl seinen Pferde bereits Schaum an die Nüstern trat, trieb Synnesis sie erbarmungslos an und versuchte gar ein Überholmanöver auf der Geraden! Immer wieder musste Proteneas nach links oder rechts ausscheren, um diesen Vorstößen den Weg abzuschneiden und manchmal so knapp, dass die Anhänger der Roten fürchteten, Synnesis' Hengste würden den feindlichen Auriga noch in den Rücken beißen, so nahe wie sie sich kamen! Allzugut hätte der Grüne die Unterstützung seines Factio-Kameraden gebrauchen können, um Proteneas in die Zange zu nehmen. Doch Braecus' Tiere schienen bereits erschöpft und fielen weiter hinter den beiden Spitzenreitern zurück.


    Nach der ersten Kehre kam er sogar so in Lusorix' Nähe, dass dieser glaubte, zum Abschluss noch seine Platzierung verbessern zu können. Unermüdlich ließ er die Peitsche knallen und jagte sein weißes Gefährt immer näher an den kläglichen Rest der "grünen Mauer" heran. Tatsächlich kam er in der zweiten Kehre endlich in Position: Mit aller Kraft lenkte er seine Quadriga nach links und schon schoben sich seine Pferde auf Braecus' Kopfhöhe!

    Doch der übermütige Angriff war nicht von Erfolg gekrönt: Zu hoch beschleunigt bemerkte Lusorix gerade noch rechtzeitig, dass er die Kurve so nicht schaffen würde und war gezwungen abrupt zu bremsen. Die Pferde wieherten in Panik, als die Brüstung immer näher kam, doch gerade noch rechtzeitig gelang es dem weißen Auriga abzudrehen. Erleichterung war auf den Gesichtern der Weißen zu sehen, doch Braecus hatte den Fehler genutzt und gewann kurz vor dem Ziel wieder Abstand zu seinem Verfolger.


    Tamos und Tanco waren Seit' an Seit' in die letzte Runde gestartet, doch bereits auf der Geraden gelang es Tamos wieder, eine halbe Pferdelänge Vorsprung zu gewinnen. Von der ungünstigeren Position auf der Außenbahn versuchte er nun ein Überholmanöver, als Tanco seine Tiere bremsen musste, um in der engen Kurve nicht aus der Bahn zu fliegen. Die Peitsche des goldenen Fahrers knallte, holte wieder aus und traf den Roten am Arm. Bis auf die Ränge konnte man den breiten, roten Striemen sehen und Tamos schien tatsächlich einen Moment abgelenkt. Diese Gelegenheit ließ sich Tanco nicht entgehen: Er trieb seine Tiere an und startete tatsächlich besser aus der Kurve. Der Rote fluchte und nahm seinerseits die Verfolgung auf, doch von dem erfolgreichen Manöver beseelt stürmten die Tiere des Goldenen voran. An der zweiten Kehre war dann das Rennen entschieden:



    Ungestört und mit leichten Abstand schoss der goldene Komet Sotion als erster über die Zielgerade, kurz darauf gefolgt von Proteneas und Synnesis. Auf den Rängen erscholl der Jubel der goldenen Fangemeinde, während nicht wenige Russata-Fans ihrem Unmut Luft machten. Dass danach noch Braecus und Lusorix ins Ziel fuhren und schließlich Tanco und Tamos kurz nacheinander die Linie passierten, ging beinahe unter.


    Athenodorus hatte zu diesem Zeitpunkt gerade die halbe Runde absolviert. Sein Leitpferd lahmte inzwischen sichtlich und der Auriga hatte offenbar erkannt, dass er auch durch unbarmherziges Antreiben der Tiere keine Verbesserung seiner Platzierung erhoffen konnte. Also trabte das weiße Gespann relativ gemütlich um die zweite Kehre und traf endlich ein, als Sotion bereits ausgelaufen war und gewendet hatte, um noch einmal an der Loge des Spielgebers vorbeizufahren.


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    Endstand nach Runde 7


    1. Sotion

    2. Proteneas

    3. Synnesis

    4. Braecus

    5. Lusorix

    6. Tanco

    7. Tamos

    8. Athenodorus


    Sim-Off:

    Was lange währt...

    Ehrliches Erstaunen zeigte sich im Antlitz des jüngeren Flavius, als er gewahr wurde, dass die aurelische Natter derzeitig nicht war imstande, ihn Gift an ihre Brut weiterzugeben, was einerseits ihn erfreute, andererseits ihm Anlass zum Rätseln bot. Noch trefflich entsann er sich seines Fluches, welchen er einst gegen die ungeliebte Stiefmutter hatte ausgestoßen, und womöglich hatte er die Magna Mater durch seine megalensischen Spiele dermaßen saturiert, dass sie nun endlich seinem Flehen war gefolgt. Andererseits erschien es ihm nahezu undenkbar, dass eine Mutter nicht gewillt war, ihr eigen Fleisch und Blut zu sehen, was den Gedanken nahelegte, dass sie, wie er es befürchtet hatte, der Liebe inkapabel war.


    Vor jenem Hintergrund erschien auch die Konsultation der Sibylla ambivalent, da sie seinem Vater auf der einen Seite den Fluch des Sohnes mochte entdecken, zum anderen die widernatürliche Lieblosigkeit seiner Gattin, welche ihn womöglich motivierte, sich aus jener toxischen Liasion zu erretten. Da die Weissagungen der Weisen indessen für gewöhnlich das Zukünftige und weniger das Vergangene betrafen, beschied er endlich, einen eindeutigen Rat zu erteilen:

    "Es wäre womöglich ein Weg, mehr zu erfahren, immerhin ist ein derartiges Betragen für eine Mutter höchst ungewöhnlich."

    Selbst wenn die meisten Mütter nobilitären Geblüts ihre Kinder der Obhut einer Amme anvertrauten, so empfanden doch die meisten dennoch warme Liebe für ihre Sprösslinge, zumindest solange diese sie nicht durch Defäkation oder penetrantes Schreien belästigten.

    Hatte sich Proteneas in der fünften Runde an Sotion herangearbeitet, gewann dieser schon auf der ersten Gerade darauf wieder an Vorsprung. Die Pferde schienen Neptuns persönlichem Gestüt zu entstammen, denn ihre Beschleunigung war geradezu göttlich. Dafür versuchte Synnesis, die zuvor verlorene Position zurückzugewinnen: Genau an derselben Stelle, an der Proteneas wenige Sekunden zuvor ihn überholt hatte, setzte auch er an und lenkte seine Pferde beiseite. Proteneas ließ den Angriff aber nicht unerwidert: Mit lauter Stimme trieb er seine Pferde in die Kurve und versperrte dem grünen Angreifer dem Weg, der dadurch immer weiter ausscheren musste.

    Ein Raunen ging durch die Menge, als die beiden Duellanten sich in der Kurve immer weiter in Richtung Außenabsperrung drängten - jetzt ein Fehler und beide würden die Brüstung touchieren, was zu einem grässlichen Unfall führen musste!


    Dann jedoch war die Kurve überwunden und Braecus nutzte den weiteren Weg, den die beiden vor ihm gewählt hatten, um aufzuschließen. Tatsächlich kam er seinem Rennstall-Kollegen auf der Gerade wieder näher.


    Die beiden hätten nun wohl wieder mühelos jeden Überholversuch blockieren können - nur unternahm niemand einen solchen: Zwar hielt Lusorix sich weiter mühelos an der Spitze des zweiten Feldes, mehr Bewegung kam jedoch hinter ihm auf: Tamos trieb auf der Gegengeraden seine Tiere nicht engagiert genug und sofort konnte Tanco aufschließen! An der zweiten Kehre kam es dann zum Kellerduell: Tamos scherte zu früh aus, um seinem Kontrahenten den Weg abzuschneiden, Tanco bremste kurz ab und schob sich dann rechts an dem roten Gespann vorbei. Die Menge raunte!


    Unglücklicherweise konnte der goldene Fahrer das geschickte Manöver, das ihn in die bessere Position gebracht hatte, nicht nutzen: So sehr er auch die Peitsche knallen ließ - die Pferde starteten nicht durch, sodass Tanco und Tamos Seite an Seite auf die Gerade einbogen und in die letzte Runde galoppierten.


    Athenodorus, der noch weiter zurückgefallen war, hatte inzwischen mit seinem Leitpferd zu kämpfen. Immer wieder rief er ihm aufmunternde Worte zu und wer genau hinsah, bemerkte auch, dass das Tier versuchte, im Lauf seinen rechten Huf zu schonen. Irgendetwas schien nicht zu stimmen! Trotzdem kämpfte der junge Fahrer (wenn auch auf verlorenem Posten) tapfer weiter.


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    Reihenfolge nach Runde 6


    1. Sotion

    2. Proteneas

    3. Synnesis

    4. Braecus

    5. Lusorix

    6. Tamos

    7. Tanco

    8. Athenodorus

    Beinahe amüsierte es den jüngeren der flavischen Senatoren, Zeuge des Auftritts des Klienten seiner Familia an jenem Tage zu werden, so unerwartet gerierte sich der Seius im Antlitz des Senates: Statt pfauengleicher Pracht trug er jenes altehrwürdige Kandidaten-Gewand, das der römischen Dignitas mehr entsprach als jede orientalische Robe, statt ausschweifender Worte und opulenter Ausführungen reichte er eine schlichte und überraschend kurze Rede dar, statt strotzendem Übermut, wie er ihn bisweilen an Ravilla hatte beobachtet, oder vergnüglicher Leichtigkeit demonstrierte er Demut. Manius Minor war nicht recht sicher, ob er hier einem Schauspiel beiwohnte oder seine ernstlichen Mahnungen hatten gefruchtet, doch am Ende war all dies letztlich gleich, da er doch um die Qualitäten seines einstigen Tiro fori wusste und somit verkünden konnte:

    "Ich kann das Votum meines Vaters lediglich bestätigen: Galeo Seius Ravilla zeigte an meiner Seite all dies, wessen ein Staatsmann bedarf, was nicht zuletzt jenen wird bewusst sein, welche meinen Spielen anlässlich der Megalesia beiwohnten, wo Seius insonderheit für die Wagenrennen verantwortlich zeichnete. Dies erscheint mir indessen wenig verwunderlich, da, wie er bereits darlegte, nicht allein das Blut eines bodenständigen römischen Geschlechtes, sondern zugleich das Blut eines Fürstenhauses in den Adern fließt, sodass er die Vorzüge römischer Dignitas und Simplicitas mit orientalischer Gelehrsamkeit und priesterlicher Pietas verbindet! Nicht allein als sein Lehrmeister, sondern auch als sein Freund kann ich diesen Jüngling dem Senate somit herzlich empfehlen!"
    Mit einem ermunternden Lächeln bedachte er den sichtlich nervösen Kandidaten, ehe er wieder Platz nahm, um weiteren Unterstützungs-Adressen oder kritischen Fragen seiner Collegae Raum zu geben.

    In diesen Zeiten gaben nicht allein die Aedilen Spiele, sondern ebenso Praetoren, Consuln und augenscheinlich jeder Magistrat, welcher sich dazu bemüßigt fühlte, und ob dies nun den Mores Maiorum entsprach, darüber schieden sich die Geister. Dass der Annaeus diese Form des Dienstes kategorisch exkludierte, ließ dennoch einige Schlüsse zu.

    "Nun, ich verhoffe zwar, dass die Annona imstande ist, das Volk zu nähren, doch sollte dies nicht der Fall sein, bin ich erpicht, Zeuge deiner Freigiebigkeit zu werden!"
    , erwiderte er somit nicht ohne Ironie in der Stimme, da er es doch als ausgeschlossen erachtete, dass der Kaiser nicht würde Sorge tragen, dass die Mäuler der Plebs zu stopfen.

    Nachdem auch Athenodorus als letzter der Aurigae neuerlich die Spina passiert hatte, senkte sich endlich das Haupt des fünften Delfins für die neue Runde. Beinahe hatte Sotion unterdessen die erste Wende erreicht, noch immer gefolgt von Synnesis. Dicht auf den Fersen war Proteneas, der die Kurve tatsächlich zum Überholmanöver nutzte: Unter lautem Gebrüll lenkte er sein Gespann nach links, um sich am Grünen vorbeizudrängen. Und tatsächlich: Als Synnesis bremste, um in der Kehre nicht abzuheben, schob sich das rote Gespann an ihm vorbei und setzte, kaum war die Gerade erreicht, zur Aufholjagd an: Proteneas ließ seine Peitsche knallen und schob seine Hengste Digitus um Digitus an den goldenen Spitzenreiter heran. Als die zweite Wende kam, hatte er tatsächlich die Staubwolke Sotions erreicht und nur das furchtsame Bremsen seines Leitpferdes verhinderte, dass er ein weiteres Überholmanöver wagen konnte. Trotzdem: Als sie die Startlinie passierten, war der rote dem goldenen Blitz noch immer gefährlich nahe!


    Synnesis war dagegen zurückgefallen. Gemeinsam mit Braecus bildete er nun wieder die Grüne Wand, die sich aber in der ersten Kurve beinahe selbst etwas ausbremste. Dahinter folgten weitgehend unverändert Lusorix, Tamos, Tanco und Athenodorus.


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    Reihenfolge nach Runde 5


    1. Sotion

    2. Proteneas

    3. Synnesis

    4. Braecus

    5. Lusorix

    6. Tamos

    7. Tanco

    8. Athenodorus

    Sim-Off:

    Da mein Tiro fori derzeitig selbst sich um eine Kandidatur zu mühen hat, vollende ich dieses nun bereits hinreichend prokrastinierte Rennen ;)

    Noch trefflich memorierte Manius Minor, dass auch er als Knabe seinem bewunderten Onkel Aristides hatte nachgeeifert, dass er das Spiel mit dem Gladius hatte geliebt und stets davon geträumt hatte, selbst als Feldherr im Triumphzuge durch Rom zu fahren. Doch hatte sich jene Faszination mit wachsender Adoleszenz verflüchtigt, waren schöngeistigere Okkupationen und weniger ennuyante Praktiken als das beständige Exerzieren des Leibes hinzugetreten, sodass er selbst als Tribun wohl ein eher erbärmliches Bild hatte präsentiert. Obschon mit Quintus sein Rivale, die Brut der Natter, heranwuchs, so vermochte er daher dennoch nicht, jenem Knäblein Hass entgegenzubringen, war er doch unschuldig an jener misslichen Lage.


    Als die Worte indessen auf die Aurelia zu sprechen kamen, horchte er auf, wenn auch nicht aus Sorge als vielmehr aus unerwarteter Freude über jene Entwicklung, die doch lediglich konnte heißen, dass die Natter sich in ihrem Neste doch weniger wohl entwickelte, als er dies hatte befürchtet. Müdigkeit mochte vielerlei Ursachen haben, sei es eine schleichende Krankheit, sei es ein Vorwand, um der ehelichen Beiwohnung zu echappieren, doch implizierte der Rückzug aus dem familiären wie von den ehelichen Konversationen doch eine insgesamt positive Entwicklung, worauf immer sie basierte.

    "Sie wird doch nicht erkrankt sein?"

    , erwiderte er endlich mit jedweder Sorge, die zu heucheln imstande war.

    "Ich hatte Notiz genommen, dass sie überaus häufig unpässlich ist, doch hatte ich vermutet, dass es die Last der Kinder ist, welche an ihr zehrt."

    In Wahrheit hatte er selbstredend geargwöhnt, dass seine Antipathie es gewesen war, die sie vom gemeinsamen Tische hatte vertrieben, da er doch nur bedingt einen Hehl daraus machte, dass er die Aurelia wenig schätzte, weshalb selbst Cornelia ihm das ein oder andere Mal Vorhaltungen hatte gemacht.

    Selbstredend war dem jüngeren Flavius bekannt, dass sein Vater eine gewisse Distanz zu dem jungen Annaeus pflegte, weshalb auch er getreulich davon Abstand nahm, sich allzu sehr zu exponieren, sondern vielmehr die Skepsis Manius Maiors zum Anlass zu nehmen, mit besonderer Sorgfalt die Qualitäten des Kandidaten zutage zu fördern:

    "Annaeus, es ehrt dich, dass du dich um das Tribunat des Volkes bemühst. Indessen frage ich mich: Wirst du die Interessen des Volkes auch mit deiner Freigiebigkeit vertreten und ihm dennoch Spiele offerieren?"
    Dies und die damit verbundenen Kosten waren es für gewöhnlich, was Emporkömmlinge vom Aedilat ließ abhorreszieren - exkludieren ließ sich jener Verdacht, nicht über hinreichende Finanzkraft zu verfügen, indessen leichtlich.

    Auch wenn mein Gemüt und Bestreben bescheidener war, so war ich nun nicht ganz auf den Kopf gefallen. Anscheinend wollte mir der Flavier die Hand reichen und ich rang auch kurz mit mir, das Angebot anzunehmen. Aber ich hatte nicht vor längere Zeit in Roma zu bleiben und wollte bald ohnehin in die Provinzen aufbrechen. Da konnte ich wohl kein guter Klient sein, der bei Wind und Wetter zur Salutatio erschien. Ein gutes Angebot war es aber allemal und könnte auf dem Weg zur Offizierslaufbahn helfen, wenn ich das denn anstrebte.


    "Da hast du natürlich recht, denn wir haben alle unseren Teil zum Ganzen beizutragen. Dein Rat und deine Hilfe wären von unschätzbarem Wert, verehrter Flavius. Ich wollte allerdings zum Herbst in Germania sein und dort überwintern, bevor ich wieder in die Urbs zurückkehre. Es wäre mir eine Freude, wenn ich dann einmal bei dir vorsprechen dürfte nach meiner Rückkehr." antwortete ich diplomatisch. Und vielleicht bekleidete bis dahin mein Bruder ja auch schon ein Amt.

    "Nun, tu wie dir beliebt, junger Seius! Ich werde dein Fortkommen indessen mit Wohlwollen verfolgen!"

    , erwiderte der Aedil, obschon es ihn selbstredend ein wenig kränkte, dass der Jüngling nicht sofort seine Offerte mit Dank akzeptierte. Womöglich hatte er bereits anderweitige Kontakte geknüpft, doch final konnte es einem patrizischen Senator aus der Nobilitas gleich sein, ob er einen Klienten mehr oder weniger zu seiner Familia zählte.


    Der Apparitor, dem die Kontrolle der Speisekammer hatte oblegen, kam in jenem Augenschlage zurück in den Gastraum und obschon die lucullischen Genüsse den Flavius mahnten, hier zu bleiben, so hatte er doch noch diverse Visiten für diesen Tag auf seinem Plan, weshalb er erklärte:

    "Dann lasst uns das fröhliche Treiben an diesem Orte nicht weiter disturbieren! Ich danke für die vorzügliche Gastfreundschaft und verhoffe, dass dem Etablissement weiterhin gute Geschäfte verbleiben!"
    Mit einem Lächeln an die Adresse des Inhabers sowie des Sklaven, welcher ihnen so formidabel hatte aufgetragen, erhob sich der Magistrat und bedeutete seiner Entourage zu gehen.

    "Hier ist alles in bester Ordnung, wie mir scheint!"

    , beschied er, da sein Scriba ihm keinerlei Anzeichen erweckte, als hätte er Irregularitäten entdeckt.

    "Valete bene!"


    Damit machte sich der Tross auf den Weg und auch Manius Minor schob sich durch die Tür hinaus ins Freie, um seiner weiteren Obliegenheiten zu harren. Dass er womöglich seine Speisen hätte bezahlen müssen, fasste er überhaupt nicht ins Auge, da er als Adliger es doch gewohnt war, überall als Zierde erachtet zu werden und daher stets eingeladen zu sein.

    Sim-Off:

    Ich schließe jene Kontrolle nun doch einmal, nachdem meine Amtszeit längst verstrichen ist ;)

    Die Reaktion Manius Maiors fiel gelassen aus, was Manius Minor ein wenig kalmierte, obschon sie ihn auch ein wenig verwunderte, da er doch (obschon ein Sohn dies hinsichtlich seiner eigenen Mutter für gewöhnlich lediglich bedingt zu ponderieren wusste) seine geliebte Mutter stets für überaus attraktiv hatte gehalten, ja mit ihrem ebenmäßigen Antlitz und ihrer schlanken Gestalt gar für eine Schönheit, die ex post betrachtet durchaus den meisten Männern zur Beiwohnung agreabel wäre erschienen. Da er nichts hinsichtlich der sexuellen Neigungen seines Vaters ahnte, beschied er, dass es wohl dessen mentaler Hyperkomplexität musste geschuldet sein, dass er hinsichtlich der Zeugung von Nachkommen - ihm und seiner Geschwister - Schwierigkeiten gehabt hatte. In seinem Fall lag der Casus indessen gänzlich anders, denn Cornelia Philonica mochte manche Vorzüge besitzen, doch zählte ein gefälliges Äußeres nicht dazu, ja sie stieß Minor geradehin ab, wenn er auch nur den Odeur aus ihrem Munde bedachte.


    Die Betäubung des Geistes lag insofern nahe, indessen fröstelte ihn bereits bei dem Gedanken, neuerlich den Opiumbecher zu ergreifen, fürchtete er doch wieder zu seinem Sklaven zu werden, sobald er von seinem bitter-süßen Saft kostete, während die Wirkung des Weines auf seine Libido ihm als überaus abträglich bekannt war.


    Ratlos blickte er daher in die Augen seines Vaters, ehe er sich zu einem Lächeln durchrang.

    "Ich danke dir für deinen Rat und werde es versuchen."

    , erwiderte er sodann und schwieg neuerlich verlegen.


    Um zu vermeiden, jenes unerquickliche Thema weiter zu vertiefen, wechselte endlich er unvermittelt das Sujet:

    "Indessen, wie geht es den Zwillingen und ihrer Mutter?"

    Obschon ihn nicht eben brüderliche Sorge hinsichtlich seiner Stief-Familie bewegte, so erschien es ihm doch wissenswert, welches Befinden sie derzeitig pflegten.

    Nicht wenig verspürte der Flavius Amusement ob des Umstandes, dass augenscheinlich es Menecrates ebenso schwer fiel wie ihm selbst, die Claudii in genere zu charakterisieren, weshalb neuerlich seine Mundwinkel sich zu einem nunmehr wissenden Lächeln formten, während der Praefectus über die elaborierte Sprache der Flavii Gracchi und schlussendlich über seine geliebte Mutter schwadronierte.


    Er hatte seine Mutter verehrt und verehrte sie noch immer, doch war er genötigt zu erkennen, dass mit den Jahren seine Reminiszenzen verblassten, zumal er ja noch ein Knabe war gewesen, als er sie verloren hatte. Trefflich waren ihm einzelne Sequenzen, liebevolle Worte oder auch manche Schelte in Erinnerung, doch hinsichtlich ihrer Interessen, ihrer Art der Rede oder allgemeiner Charakterzüge vermochte er wenig zu sagen, gänzlich zu schweigen von seiner übrigen claudischen Verwandtschaft, zu der Manius Maior seit dem Todes seiner Gattin eine distanzierte Relation hatte gepflegt. Dies mochte ein Grund sein, warum Menecrates‘ Sehnen sich niemals hatte erfüllt:

    "Nun, am fehlenden Liebreiz deiner Enkelinnen lag es in jedem Falle nicht."

    , erklärte er freundlich.

    "Doch ist zweifelsohne die enge Freundschaft meines Vaters mit Cornelius Scapula der Grund, warum kein anderes Haus jemals in Betracht gezogen wurde. Ich erinnere mich noch, wie mir als Knabe meine Verlobte war präsentiert worden, als ich selbst noch nicht verstand, was eine Ehe überhaupt sein mochte."

    Die Befürchtung Manius Minors konfirmierte sich, kaum hatte sie sich in seinem Geiste materialisiert. In Manius Maiors Stimme mischten sich Tadel mit Furcht, der zu erwidern er nichts parat hatte, was ihm als adäquat wäre erschienen: Würde er die nackte Wahrheit sagen, so antizipierte er bereits die altklugen Mahnungen, dieser oder jener Hilfsmittel sich zu bedienen und seine Pflicht zu erfüllen, doch was sollte er alternativ zusammenfabulieren?


    Sichtlich rang der jüngere Flavius um Wort, hob mehrfach an, ohne dass ein Wort seinen Lippen entfleuchte und erklärte endlich:

    "Es ist schlicht so, dass wir wenig Anziehung zueinander verspüren. Cornelia und ich… wir harmonieren nicht recht und ich… bin ihrer schlicht überdrüssig."


    Dies war im Prinzip der Kern jener unerquicklichen Wahrheit, doch nicht so leicht zu erwidern, da jene Problematik mitnichten einfach war zu lösen: Minor wünschte sich, dass er durch eines jener aphrodisierenden Mittel oder ein wenig Konzentration die missliche Lage wäre zu heilen, doch war es nicht so einfach. Und womöglich verhoffte er unbewusst, dass sein gemeinhin so weiser Vater ihm in diesem Falle tatsächlich mit einem nützlichen Ratschlag würde aufwarten können.

    So wie Manius Minor das so vergnügt darstellte, klang das alles so einfach. Für viele Bürger waren solch hehren Ziele aber unerreichbar ohne genügend Beziehungen und Geld. Land in Italia zu erwerben war nicht billig und einen mächtigen Patron zu ergattern nicht so leicht, wenn man nicht wie Ravilla unter einem glücklichen Stern geboren worden war. Da blieb oft einfach nur der Weg des einfachen Soldaten an dessen Ende hoffentlich Ruhm und eine Offizierslaufbahn standen.


    Ich richtete meinen Blick auf meinen Bruder wie angewiesen und so war Ravilla eben - ein absolutes Glückskind. Die Götter hielten ihre Hand über ihn - da konnte man schon ein wenig neidisch sein. "Eure Worte sind weise. Meine Gemüt ist allerdings einfach und meine natürlichen Gaben sind bescheidenerer Natur als die meines Bruders, edler Flavius. Er ist von edlem Charakter und ich freue mich sehr für seinen Erfolg. Ich verstehe wenig von Politik, aber ich hoffe, dass ich auch meinen bescheidenen Beitrag als römischer Bürger in der Zukunft leisten kann."

    Der Flavius schien einige Freude zu verspüren, in Ravillas Bruder gewissermaßen ein Konterbild von diesem zu erblicken.

    "Nicht jeder ist zur Politik geboren und dies ist allfällig erfreulich, denn wen sollten wir Politiker regieren und wer würde unseren Beschlüssen Geltung verschaffen, wenn alle unseresgleichen wären?"

    Der Aedil lächelte vergnügt und dachte unvermittelt an die Fabel des Menenius Agrippa.

    "Als Offizier wirst du zweifelsohne auch mit weniger Beredsamkeit einen großen Dienst für die Res publica leisten können! Scheue dich also nicht, um Hilfe zu bitten!"

    Dies war wohl eine recht unverblümte Offerte.

    Während Manius Maior eröffnete, dass durchaus sich einiger Stoff für ein Zwiegespräch der beiden Consulare bot, erschienen bereits die beiden weniger gewichtigen Partizipanten der Cena, von denen indessen der eine ihren Anlass bot.


    "Ich darf dir unseren Klienten Galeo Seius Ravilla vorstellen: Er stammt aus einem edlen Priestergeschlecht in Cappadocia und ich hatte die Freude, im vergangenen Jahr seine Dienste als Tiro fori in Anspruch nehmen zu dürfen! Nun strebt er selbst politische Ämter an, doch später mehr dazu."

    , initiierte er zunächst Ravilla gegenüber dem Claudius, ehe er sich dem weiteren Gast zuwandte:

    "Ave, Annaeus! Ich freue mich, dass du der Einladung unseres Klienten gefolgt bist - man hörte zuletzt ja nicht wenig von dir!"

    Konträr zu seinem Vater grämte sich Manius Minor weniger ob der legislativen Initiative des Annaeus, obschon auch jenen gegen diesen eher Vorwitz als wahrhaftiges Interesse an einer Liason bewegte.