Beiträge von Titus Iunius Priscus

    Priscus hatte sich den Schild noch in der Hand, einen Handfesten Knüppel im Gürtel und seine Waffen im Lager außerhalb des heiligen Bereiches des Pomeriums gelassen. Für heute hatte er sich die Erlaubnis geholt, nach seinem Wachdienst die iunische Casa zu besuchen, in der Hoffnung, dass er dort vielleicht ein paar seiner Verwandten traf, vornehmlich Seneca, von dem er noch nichts gehört hatte seit die Prätorianer bei Vicetia versprengt worden waren. Als er die letzte Gasse entlang ging, sah er schon einen Menschenauflauf dichtgedrängt vor der Casa stehen, Rufe wurden laut und vor der Türe konnte er einige Soldaten stehen sehen.


    Langsam näherte er sich dem Mob, rempelte einen Steinewerfer zur Seite und verpasste ihm einen Schlag in den Magen. Mit einem Ächzen ging der Mann zu Boden. Einige andere Pöbler blickten den Iunier überrascht an, Wut in den Augen. Doch als sie die zornigen Blicke von Priscus sahen, wagten sie es -noch- nicht, ihn anzugreifen. Mit seinem Schild in der Hand drängte sich Priscus durch den Auflauf, bis er bei den Soldaten angekommen war. Ein Optio befehligte die Männer, deren Schilde die Zeichen der Achten Legion trugen. Ein paar Steine kamen geschwirrt, trafen einen der Männer am Helm. Instinktiv duckte sich Priscus etwas, dann drehte er sich um. Wut hatte ihn gepackt, als er die Leute skandieren hörte, dass die Iunier Anhänger des Vesculariers seien.


    "Bei Dis, haltet eure Zungen im Zaum, bevor ich mich vergesse!!!" brüllte er gegen die Leute an. Die Vordersten sahen ihn erstaunt an, doch die meisten setzten ihre Rufe fort. "Ruhe!!," brüllte er wieder, diesmal mit allem was er hatte. "Ich bin Titus Iunius Priscus, Soldat der ruhmreichen Legio Prima im Heer des siegreichen Gaius Flaminius Cilo, Sieger von Vicetia!!!" Bei der Erwähnung seines nomen gentile wurden die Pfiffe und Schmähungen lauter, doch als er den Namen Cilos erwähnte, der sie befreit hatte, wurden die Stimmen leiser. "Dies ist die Casa meiner Gens, die ihr hier belagert und ihr droht den Bewohnern und damit auch mir!!" Er deutete auf seinen Oberarm, über den eine noch frisch verheilte Narbe lief, noch wulstig und rot. "Ich habe mein Leben in der Schlacht aufs Spiel gesetzt, um euch von dem Joch der Unterdrückung zu befreien und den Schergen des Fetten, wie ihr ihn nennt, Einhalt zu gebieten! Ich habe mein Blut vergossen, damit ihr von der Tyrannei befreit werdet. Ich habe den Schwur, den ich vor Mars und dem Adler abgelegt habe, immer gehalten, zum Wohle aller, damit ihr wieder ruhig schlafen könnte, ohne Angst vor Mord und Verfolgung zu haben!!!"


    Einige der Menschen sahen betreten zu Boden.Priscus starrte sie an. Dann fuhr er fort: "Und nun komme ich hier an diesen Ort, in der Hoffnung, meine Verwandten und Freunde zu finden, für die ich gekämpft habe. Aber an Stelle von Freude und Ausgelassenheit sehe ich hier einen Haufen Feiglinge und Tagediebe, die noch nicht genug Gewalt mit angesehen haben, die unschuldige Menschen bedrohen, die keine Schuld an den Umständen hier in Rom hatten! Ihr bedroht ihr Leben und ihre Ehre!"
    Mit gespielter Trauer ließ er den Kopf sinken, hob ihn wieder und fuhr fort: "Ich schäme mich für euch, ich schäme mich, dass ihr, für die ich mein Leben mit Freude gegeben hätte, hier zusammen gekommen seid, um eure Wohltäter zu schänden! Denn das ist die Gens der Iunier, sie war und ist stets bemüht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Meine Vorfahren vertrieben den letzten König aus Rom, den Tyrannen Tarquinius Superbus, bekämpften die Ungerechtigkeiten, wo sie sie fanden zum Wohle der Republik und später zum Wohle der Kaiser. Mit welchem Recht hegt ihr nun solch niederträchtige Absichten? Geht nach Hause und erzählt niemandem hiervon, damit ihr nicht noch mehr Schande auf eure Häupter ladet. Nicht einmal der Hund beißt die Hand, die ihn fütert!!!"


    Unter dem Rand des Helmes hervor betrachtete er die Menschen, gespannt, welche Reaktion sie auf seine Ansprache zeigen würden. Unwohl war ihm auf jeden Fall, er hatte kein Schwert und fühlte sich trotz Rüstung verwundbar.

    Als die neuen Ernennungen bekannt gegeben wurden, hatte Priscus vergeblich auf seinen Namen gewartet, aber er war ja auch nicht der einzige, der sich bei der Schlacht hervorgetan hatte. Immerhin hatte ihm die eroberte Standarte bronzene Armillae eingebracht, ein recht schöner Preis.


    Für einen freute sich Priscus besonders, für seinen Namensvettern, den Optio Tallius Priscus. Er würde zukünftig das Signum der Einheit tragen, ein äußerst verdienter Posten. Er mochte diesen zähen alten Veteranen, mit dem er gemeinsam die Geschützstellung verteidigt hatte. Doch die Stimmung war auch etwas getrübt. Ihr Centurio war ersetzt worden, der alte war bei den Verwundeten verblieben, ob er noch lebte wusste keiner der Männer.
    Der Ersatz hatte sich schon angekündigt, ein Optio aus der ersten Cohorte war befördert worden, angeblich die ehemals linke Hand des Primus Pilus. Dieser frisch gebackene Centurio ließ die Männer nun antreten und stellt sich auch gleich vor. Was er sagte klang nach hartem Drill, aber wenn er im Kampf auch seinen Mann stand, würde Priscus ihn nicht weniger mögen als seinen Vorgänger.


    Etwas keuchend trat er mit seinen anderen Kameraden nach dem kleinen Spurt zu den Zelten in voller Ausrüstung wieder ins Glied, richtete sich nach Vorder- und Nebenmann aus und wartete auf die Anweisungen des Neuen.

    Missmutig blickte Priscus unter seinem Helm hervor. Es war nur Recht, dass es jetzt ins Zentrum dieser Seuche, die sich Salinator schimpfte, ging, doch was hier geboten wurde, war bar jeder Vorstellung. Hatte er die Stadt noch vor mehr als einem Jahr als pulsierenden Schmelztiegel in Erinnerung, so war die Lage heute anders. Die Mauern schützten nicht einmal die ganze Stadt, die ausgebesserten Stellen waren deutlich zu erkennen, die Bewohner entweder geflohen oder ängstlich in ihren Häusern und Insulae hockend.


    Und die Besatzung dieser Mauer war auch ein Witz. Alte Männer und bartlose Knaben, darunter ein paar Urbaner und vereinzelt ein Signum mit dem Skorpion darauf. War das die Herrlichkeit des großen Salinator?
    Die Frischlinge neben Priscus mochten sich in die Tunika machen, aber er selber war seit der Schlacht bei Vicetia in eine Art Gefühlskälte gefallen, die er selber nicht an sich kannte. Er hatte den Wall verteidigt, hatte ein feindliches Feldzeichen erobert, dutzende Männer verletzt und einige wohl auch getötet. Von seiner Verletzung zeugte nur noch eine verschorfte Narbe am Arm und langsam war es ihm gleichgültig, was hier noch auf ihn wartete. Nur Kinder würde er nicht töten, das hatte er sich geschworen.


    Schweigend marschierte er in der Formation mit seinen Kameraden der vierten centuria mit, bereit, jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Aber es gab noch keinen. Wieder blickte er missmutig auf den Rücken seines Vordermannes. Würde nicht hier dieser verdammte Krieg enden? Wie gerne würde er den Potentaten aus dem Palatin jagen, mitsamt seinen Skythen.

    Mit zusammengebissenen Zähnen stieß Priscus wieder nach einem der zahllosen Gegner, die hier den Wall heraufkamen. Immer wieder versuchten es die Feinde, jetzt, da das Geschütz wieder seine Bolzen spuckte, hatte man das Gefühl, dass sie etwas zögerlicher waren. Wieder schrie es irgendwo neben ihm, dazwischen immer wieder das Kommando des Optio, dass man sich ducken musste.


    Der Gladius schnitt in den Oberarm des Angreifers, woraufhin diesem das Scutum aus der kraftlos gewordenen Hand fiel. Ein Nachsetzten von Priscus ließ den Stahl in den Hals des Mannes gleiten, spritzte weiteres Blut durch die Gegend und machte den Boden noch schlüpfriger. Priscus war völlig ausgepumpt, jeder Muskel schmerzte und sein Kopf fühlte sich an wie ein Wasserschlauch vor dem Platzen. Plötzlich gellte Jubel von der rechten Seite, es gab vor ihm etwas Luft und er konnte Männer den Hügel hinunterlaufen sehen. Hatten die eigenen Leute im Süden den Feind gebrochen?


    Den Moment zum Niederknieen, als wieder ein Bolzen mit einem Knall aus dem Scorpio flog, nutzte er, um einen Schluck Wasser zu trinnken. Gerne hätte er die ganze Flasche geleert, doch er befeuchtete sich nur den Hals mit einem Schluck und gab sie an die Kameraden weiter. Etwas wie eine Lähmung hatte die Feinde ergriffen, der Angriff war ins stocken geraten. Priscus blickte nach dem Centurio, konnte aber nur den Helmbusch sehen. Wenigsten sie hatten noch einen, der Feind ihnen gegenüber nicht. Nur das Signum wankte noch über den Köpfen der Männer. Dann gellte der Ruf "Holt euch die Feldzeichen!!" und neben ihm stürmten Männer nach vorne, mobilisierten die letzten Kräfte. Nur jetzt nicht nachlassen, den wankenden Feind endgültig niederwerfen. "PRIMA VICTRIX!!!" brüllte Priscus, stakste nach vorne über die Gefallenen und stützte sich mit den Kameraden auf die verunsichert wirkenden Gegner. Der Ausfall kam überraschend, der feindliche Signifer und eine paar der ältesten Männer seiner Centuria standen plötzlich in der ersten Reihe, während ihre Kameraden flohen. Verzweifelt stellten sie sich zum Kampf.
    Brüllend rammte Priscus seinen Schild gegen einen Feind, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und stach und stieß nach allen sich bietenden Körperteilen. Den ersten Gegner überwand er schnell, doch der nächste, ein betagter Veteran mit faltigem Gesicht, trat gegen seine Beine, die einen Moment ungeschützt waren, da Priscus gerade den Schild gehoben hatte. Die Beinschiene milderte den Tritt, doch die genagelte Sohle erwischte seinen Fuß schmerzhaft, Priscus stolperte und riss im Fallen den feindlichen Signifer von den Füßen. Sein Scutum ging verloren, er stach am Boden liegend auf den neben ihn gefallenen Feind mit dem Fell über dem Helm ein. Keuchend kam er wieder auf die Füße, zu seinen Füßen die Leiche des Signifer, der seine Standarte in den Boden gerammt hatte. Die übrigen Männer fielen unter den Schwertern der vierten Centuria. Priscus zog sich an dem Signum hoch, zog es heraus und stieß es jubelnd in die Luft.


    Erst jetzt bemerkte er seinen blutenden Oberarm. Eine Klinge hatte seinen linken Arm getroffen, eine ordenliche Fleischwunde geschlagen und war dann am Schulterschutz seiner Rüstung abgeglitten. Fluchend klammerte sich Priscus mit der gesunden rechten Hand an das Signum, sah die Kameraden an sich vorbei stürmen. Der Schmerz breitete sich im ganzen Arm aus, die Kraft verließ ihn. Fluchend drehte er sich um. "Capsarius!!!" brüllte er nach hinten und hoffte, dass bald jemand kam.

    Priscus hatte den Befehl des Optio nicht gehört, er sah nur, wie einer seiner Nebenmänner im letzten Glied die Formation verließ, der eben erst wieder mit einem frischen Verband am Arm zurückgekommen war.
    Wollte er türmen? Soweit Priscus sehen konnte, hielt die Linie noch.


    Wieder kam ein Verletzter nach hinten, ohne Schild, ohne Schwert, schwer auf einen Kameraden gestützt. Sofort machte sich ein Capsarius daran, den Mann zu versorgen, so gut es hier eben ging. Überall roch man Blut und menschliche Ausscheidungen, ob von den Sterbenden oder auch von den Lebenden, das konnte man nicht sicher sagen. Mittlerweile hatte Priscus auch wieder einen Schild, ganz in der Nähe lag Ausrüstung von den Verwundeten und Gefallenen. Die Centuria hatte bestimmt schon über ein Dutzend Ausfälle, alleine er hatte vier Tote gezählt, meist mit verstümmelten Gesichtern oder klaffenden Wunden am Hals... Alles was nicht geschützt war.


    Gerade gellte wieder ein Pfiff des Centurio, der immer noch in der ersten Reihe stand. So sehr Priscus diesen Mann während seiner Ausbildung gehasst hatte, nun wurde ihm klar, warum alle Respekt vor dem Mann hatten. Nicht nur alleine wegen seiner Vitis, sondern weil er von den Männern nicht mehr verlangte, als er selber bereit war zu leisten. Während der ganzen Zeit im ersten Glied, dazu gehörte Mut und Ausdauer. Die Nachbarcenturia hatte schon gleich zu beginn ihren Centurio verloren, dann war der Optio gefallen und nun versuchte der Signifer, den Haufen zusammen zu halten. Wo blieb nur diese verdammte Verstärkung? Es mussten doch noch Reserven vorhanden sein, die die abgekämpften Männer ablösen konnte? Bis jetzt war nichts zu sehen, nur einzelne Männer kehrten von den Capsarii zurück und suchten ihren Haufen. Wieder wurde ein Mann nach hinten gereicht, blutüberströmt, die Tunika eingenässt. Seine Augen waren geöffnet, doch das Leben in ihnen war schon erloschen. Wut machte sich in Priscus breit, wieder einer der Kameraden.


    Der Optio, sein Namensvetter, brüllte plötzlich. Priscus rempelte seinen Nebenmann an, deutete auf den Tallier, der nach vorne drängte und lief schnell hinterher. Das ganze letzte Glied scherte nach links aus, folgte dem Optio. Die zehn Mann stellten sich in drei Treffen und schlossen die schmale Lücke, durch die das Geschütz gefeuert hatte.
    Priscus sah sich in der ersten Reihe wieder, die Verschanzung war hier fast noch unangetastet, während an vielen Stellen des Walles die Pfähle bereits herausgerissen worden waren. Das Geschütz hatte den Gegner eingeschüchtert, die Masse der Feinde hatte den Durchbruch an den Zwischenräumen der Geschütze versucht. Nun schwieg der Scorpio und schon drängte der Gegner auch schon näher heran, scheinbar hatten sie gemerkt, dass die Munition zu Ende gegangen war.


    Erste Männer drängten heran, der Graben war kaum noch zu etwas nütze. Diesmal kamen sie noch nicht näher, ein paar Soldaten stürmten an, hängten sich an die Verschanzung und rissen sie herunter. Das Erdreich war noch zu locker. Nur vereinzelt blieb noch ein Schanzpfahl stehen, schräg und wie besoffen krumm aus dem Erdreich guckend. Dann kam der Sturm. Priscus hielt seinen Schild neben den des Optio, suchte den Körper ganz mit dem Schild zu decken und auch zum Boden hin wenig Platz zu lassen. Der Gegner stach gerne von unten gegen die Beine. Der erste Soldat, der Priscus anging, hatte einen irren Blick, schlug wie besessen auf Priscus´Scutum, benutzte sein Gladius fast wie eine Axt. Der Mann rechts neben Priscus stieß ihm bei einer dieser Angriffe das Schwert durch den Hals, was ihn von seinen Leiden erlöste. Dankbar nickte Priscus, nahm den nächsten Gegner ins Visier, dieser hatte keinen Schild mehr und versuchte nun, an dem von Priscus zu ziehen. Dieser zog und als er merkte, dass der Mann näher an ihn herankam, stieß er ihm den Umbo vor die Brust und bohrte ihm die Spitze des Schwertes unter die linke Achsel. Mit einem Austöhnen ließ sich der Mann zurückfallen. Nun drängten immer mehr Feinde heran, ein verbissener Schrei rechts von Priscus ließ erkennen, dass sein Nebenmann getroffen worden war. Eine Lücke klaffte kurz auf, mehr Feinde drängten nach. Plötzlich hatte Priscus einen Feind rechts von sich, der nicht auf ihn achtete, sondern die Lücke nutzen wollte. Mit aller Kraft stieß Priscus in die ungeschützte rechte Seite des Gegners, unter den Gürtel aufwärts. Ein heißer Strahl frischen Blutes übergoss seine rechte Hand, machte das Heft schlüpfrig und gleichzeitig etwas klebrig. Der Feind fiel nach vorne und wurde zur Seite gezerrt, damit die Lücke wieder geschlossen werden konnte.


    Mit vereinten Kräften konnten sie die entstandene Lücke wieder schließen, zumindest für den Moment.

    Jetzt ging es los, dachte sich Priscus, als die ersten Pila geflogen kamen, in den Scuta der Männer stecken blieben oder sich in Körper bohrten. Hinter sich hörte er einen erstickten Schrei, Bewegung, ein Mann wurde weggeschafft. Wie befohlen reichte er sein Pilum nach vorne, wo Macer, Musa und Strabo standen. Sie würden als erste den Anprall zu spüren bekommen, die erste Reihe kauerte hinter den Schilden, um sich zu schützen und schleuderte ihrerseits die Geschosse auf den Gegner. Alles konnte man nicht überblicken, doch die Masse der Gegner schien endlos zu sein. Links kam immer wieder das Knallen der Wurfmaschine, die hier ihre Stellung hatte, die Mannschaft jagte Bolzen um Bolzen in die Reihen der Angreifer und aus dem Vorfeld erklangen Schreie, Rufe und Kommandos.


    Priscus erkannte über den Rand des Walles Feldzeichen, konnte aber nicht erkennen, dass es sich um die XIV handelte. Wieder gellte das Kommando zum Werfen, Salve um Salve flogen die Pila in den anstürmenden Feind, der anfangs noch vom Graben und den Schanzpfählen behindert wurde. Dann begann der Gefechtslärm, Metall kreischte über Schildbuckel, Klingen schlugen aufeinander, Schreie von Verwundeten gellten über den Kampfplatz. Wieder flogen Pila in die Centuria hinein, rutschten über Schilde oder blieben darin stecken. Vorne konnte Priscus den Centurio kämpfen sehen, sah, wie er einem Mann das Gladius ins Gesicht stach, dieser verschwand aus dem Blickfeld, ein neuer trat an seine Stelle. Die Angreifer hatten oft keine Schilde mehr, kämpften mit dem blanken Schwert. Ein Pfiff gellte, die erste Reihe rutschte nach hinten, die zweite Reihe übernahm den Kampf. Auch Priscus rückte eins nach vorne, wie schon hunderte Male geübt. Er sah Macer an sich vorbeirutschen, ohne Schild, der Helm mit Blut bespritzt. Hoffentlich war es nicht sein eigenes, schoss es durch Priscus´Kopf. Zu dem Geruch des Schweißes und des Urins mischte sich nun ein weiterer hinzu. Süßlich, schwer und ekelerregend drang der metallische Geruch von Blut an die Nasen der Männer. So roch es in den Stadtvierteln der Metzger am Schlachttag!! Priscus krampfte sich der Magen zusammen, er spuckte einen Mund voll Puls neben seine Füße und wischte sich den Mund ab. Ihm war übel. Wieder ein Pfiff, die Reihen rückten auf, dann ein Schrei, das fallen eines Körpers in die eigenen Reihen. Hektische Bewegungen, Hände griffen nach dem Mann und zerrten ihn nach hinten. Nun stand Priscus in der zweiten Reihe, vor sich Strabo, der nach etwas über die Schanzpfähle stach. Priscus hatte den Schild nach vorne gestreckt, um den Kameraden zu stützten, sollte er zurück gedrängt werden. Auch in seinem Rücken drückte ihn ein Umbo, die Enge war fast schon quälend. Ein Triumphschrei ließ ihn über den Schildrand blicken, wo Strabo wohl einen Treffer erzielt hatte. An seinem Helm vorbei offenbarte sich Priscus nun das ganze Ausmaß der feindlichen Armee. Die Kohorten rückten im Eilschritt an, es schien kein Ende zu nehmen. Überall waren die ersten Reihen im Kampf verkeilt, Geschosse flogen durch die Luft, das Chaos des Krieges hatte die Männer umschlossen.


    Gerade war vor ihnen etwas Freiraum entstanden, den die Angreifer nutzten, um ihre Pila zu schleudern. Krachend schlug eines davon in Priscus´Schild ein, die Spitze ragte zwei Handbreit auf der Rückseite heraus, der Schaft zog den Schild nach unten. Fluchend schüttelte Priscus den Arm, dann reichte er ihn nach hinten. "Gib mir dein Scutum," brüllte er nach hinten, wo Ofella stand, ein anderer Stubenkamerad. Wortlos übergab dieser den Schild, da gellte auch schon ein Pfiff. Mit rasendem Herzschlag trat Priscus nach vorne, bekam noch ein Pilum gereicht. Er trat einen halben Schritt nach vorne, holte aus und schleuderte das Geschoss nach unten, wo es sich in einen Schild bohrte. Die Angreifer drängten wieder nach vorne, ein Soldat hatte sich nach oben gekämpft und stach sofort nach Priscus. Tief geduckt wehrte dieser den Stich ab, trat etwas zurück und spürte wieder den Umbo im Rücken. Weiter rückwärts ging es nicht. Stich um Stich trafen seinen Schild, doch er konnte nicht zurückstechen. Verzweifelt versuchte er den Feind mit seinem Scutum zurückzudrängen, er stieß den Schild nach vorne und brachte den Soldaten aus dem Gleichgewicht. Mit einem wütenden Ruf rutschte er rückwärts, riss noch einen Kameraden mit um und landete unsanft im Graben.


    Doch sofort war wieder ein anderer da, der von seinen Kameraden förmlich nach oben geschoben wurde. Unten drängten immer mehr Männer nach, schoben die ersten Reihen mit den Scuta nach oben und begannen den Graben zu füllen. Aus irgend einem Grund fand sich die eine oder andere Dolabra bei der Ausrüstung der Gegner. Dumm waren sie nicht, dachte Priscus, als neben ihm ein Stöhnen verriet, dass einer der Kameraden getroffen worden war. Sofort wurde er ausgewechselt. Nun hatte Priscus damit zu tun, den nächsten Angreifer zu bekämpfen. Mutiger geworden durch den ersten Erfolg, stach er nach dem Kopf des Mannes, brüllte dabei ein "Mars nobiscum!!!" und zog den Arm wieder zurück, lauerte auf ein Stück Fleisch, nach dem er stechen konnte. Er parierte einen hohen Stoß und stach nach dem Arm des Mannes. Ein Wutschrei verriet, dass der Mann sich beim zurückziehen des Armes geschnitten hatte. Das machte ihn aber nur noch wütender, er drückte mit seinem gesamten Gewicht gegen die Schanzpfähle, um sie nieder zu drücken. Priscus sah die Gelegenheit und stach nach dem Hals des Mannes, der kurz ungedeckt war. Mit einem schmatzenden Geräusch fraß sich die Klinge ins Fleisch des Mannes, ein Schwall Blut spritzte, aufgerissene Augen starrten Priscus ungläubig an. Dann sackte er zusammen. Sein Körper zuckte zu den Füßen seines Hintermannes, der erst einmal gehindert war, sofort anzugreifen.


    Diese Atempause nutzte Priscus, um Luft zu schnappen. Die Aufregung machte seine Knie weich, das Adrenalin schoss durch seine Adern, seine Wahrnehmung war glasklar. Den nächsten Angreifer stach er in den Schwertarm, worauf dieser sich zurückfallen ließ. Dann ertönte ein Pfiff und Priscus war dankbar, dass er zurück durfte. Keuchend stand er im letzten Glied, reichte seinen Schild an Strabo, dieser wiederum reichte ihn an Musa. Sein Contubernium hatte noch keinen Verlust, Macer hatte lediglich Blut eines Feindes abbekommen. Dafür hatten sie schon zwei Schilde verloren, gerade kam wieder ein Pfiff und Ofella hatte auch ein Pilum in seinem Schild. Vergeblich mühte er sich, die Zwinge vom Schaft zu lösen, es half nichts, er musste den Schild fallen lassen. Man fühlte sich nackt ohne.

    "Schilde hoch!!!" gellte es von rechts vorne, wo der Helmbusch des Centurio sich nach links drehte, um seine Männer im Blick zu haben. Schon fast routinemäßig hob Priscus sein Scutum etwas höher und senkte den Kopf dahinter. Nur die Halbkugeln der Helme lugten etwas über den Schildrand hinweg. Mit einem hässlichen "Klong Klong Klong" flogen wieder ein paar der Schleuderbleie gegen die Schilde der Männer. So schnell der Beschuss angefangen hatte, so schnell hörte er auch wieder auf. Die IX. Cohors, die zu einem guten Teil aus Frischlingen bestand, stand in der zweiten Schlachtreihe, flankiert von den erfahreneren Einheiten. So sollten sie langsam an den Gegner gewöhnt werden, ohne die erste Schlachtreihe durch zu frühe Flucht zu gefährden.


    Priscus hatte jegliches Zeitgefühl verloren, es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit am Mittag die ersten Truppen des Salinator aufgetaucht waren. Nervös hatte er den Heerwurm gesehen, auch seine Kameraden waren etwas geschwätziger als sonst, was den Centurio wiederum dazu gebracht hatte, für Ruhe zu sorgen. Doch die erste Aufregung war verflogen, es blieb das Gefühl eines Steines im Magen zurück, wie zu viel fettes Essen. Die Kolonnen waren am Fluss entlang marschiert und auch wenn Priscus nicht alles sehen konnte, so war es doch scheinbar so, dass das Ziel der Kolonnen der Norden war. Fast ein wenig enttäuscht hatten die Milites dagestanden, die Hände auf den Schild gestützt und hatten gewartet. Man unterhielt sich leise und immer wieder deuteten die Männer zu den Kolonnen. "Wann fangen sie endlich mit dem Beschuss an?" fragte Macer, der hinter Priscus im vierten Glied stand und zu den Geschützen schielte. Noch machten die Mannschaften keine Anstalt zu feuern. "Sind außer Reichweite," brummte ein älterer Kamerad aus dem letzten Glied nach vorne. Einige Köpfe drehten sich nach dem Mann um. Fast gelassen wirkte Marcus Vibius Pictor, einer der Veteranen. "Die Saubande plant irgend etwas," fügte er wissend hinzu. Priscus verfluchte diese wortkargen Veteranen, aus ihnen bekam man nur schwer etwas heraus, sie teilten nur kleine Bruchstücke ihres Wissens mit den für sie noch feuchten Frischlingen.


    Irgendwann hatte sich dann der Ruf "Schleudern!!!" von Cohors zu Cohors gepflanzt, zwischen den Stäuchern im Vorfeld waren einige Plänkler aufgetaucht und hatten für etwas Unruhe gesorgt. Als dann auch noch der Schwenk der Legion dazu kam, waren die einzelnen Züge etwas ins Stocken geraten, doch nicht ernsthaft. Die vordere Schlachtreihe bekam das meiste ab, nur einige wenige Eicheln waren bis zur IX. hinübergeflogen und ohne viel Schaden anzurichten von den Schilden aufgehalten worden. Wie eben gerade, als wieder ein paar dieser Eier daherschwirrten, kaum zu sehen, aber auf die Entfernung nicht mehr so gefährlich. Nun sahen sie von weitem, wie ihnen genau gegenüber eine Legion in Schlachtaufstellung gerade dabei war, den Übergang über den Fluss zu beginnen. Auch weiter nördlich konnte man Truppenteile erkennen, die sich bereit machten, den scheinbar flachen Fluss zu durchqueren. Langsam wurde es ernst, dachte Priscus. Alle Augen waren auf die Feldzeichen gerichtet, alle Ohren horchten auf Kommandos und Signale der Bläser. Irgendwo schlug die Querstange eines Vexillums gegen den Schaft, alle Nerven waren gespannt.

    "Trapp Trapp Trapp" . Die schweren Schritte tausender Soldatenstiefel dröhnte an Priscus´Ohren, klang monoton, schläferte ein. Die Last des Gepäckes war zu ertragen, doch heute hatten sie einen Gewaltmarsch hinter sich. Die Centurionen und Tribune hatten die Männer angetrieben, Schnelligkeit war das oberste Ziel, das Schlachtfeld vor dem Feind erreichen und sich festsetzen.
    Als die Kolonnen sich die Höhenzüge hinaufarbeiteten und die genagelten Sohlen der Männer das satte Grün aufrissen und die nackte Erde freilegten, waren die Lieder schon längst verstummt, die die Männer auf dem Marsch sangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Jeder brauchte die Puste für den Anstieg, die letzten Kräfte, um die Marschordnung nicht noch mehr auseinander zu ziehen.


    Schweißgebadet erreichte die neunte Cohors den Hügelkamm, wo die Fabri bereits die Ausmaße des Lagers abgesteckt hatten. Routinemäßig wusste jeder Mann, wo er schanzen musste und wie viel.
    Keuchend ließ Priscus die Furca zu Boden gleiten und schnallte das Scutum ab. Er streckte die verkrampften Glieder, da kam auch schon das Kommando zum Schanzen. Um Zeit zu sparen, hatten die Männer jeder ein Schanzwerkzeug beim Gepäck mit dabei. Priscus nahm den Rasenstecher und begann, am vorgesehenen Ort die Rasenziegel zu stechen. Kaum waren die ersten Soden ausgestochen, als schon Musa mit der Dolabra das Erdreich aufbrach, während Macer den Aushub aufschaufelte. Wo die Kraft herkam, die er noch aufbrachte, wusste Priscus selber nicht mehr, aber der Wall wuchs und auch die Plattformen für die Geschützte wuchsen. An einigen Stellen brüllten die Geschützmannschaften schon nach den Bolzen und spannten die Sehnen der Wurfarme nach, im Inneren wuchs die obligatorische Zeltstadt schon aus dem Boden. Alles rüstete sich für den Kampf und Priscus grub noch etwas tiefer. Sie würden es brauchen können.

    An diesem Morgen war es Priscus zum kotzen. Er hatte unruhig geschlafen, trotz der müden Glieder, das Schanzen steckte ihm in den Knochen. Nun war der Befehl gekommen, sich bereit zu machen. Es summte im Lager wie in einem Bienenstock, als die Männer ihren Puls herunterschlangen und sich für den Tag stärkten. Es würde wieder anstrengend werden und man hatte den Soldaten gesagt, sie sollten tüchtig essen. Priscus bekam kaum einen Bissen hinunter und musste seinen Brei herunterwürgen, um zumindest etwas im Magen zu haben.
    Eine Mischung aus Wut, Angst, Ungewissheit und dem Gefühl von Durchfall machte sich in ihm breit, es würde seine erste Schlacht werden. Fahrig fuhr er sich mit den Fingern durch das Haar, das wohl wieder einmal eine Wäsche vertragen konnte, dann kontrollierte er zum hundertsten Mal den Sitz seiner Lorica, das Focale beengte ihn und er zog und zupfte daran, um den Hals möglichst frei zu haben. Der Mulio des Contuberniums lud gerade die letzten Habseligkeiten auf sein Tier, kontrollierte noch einmal die Verteilung des Gewichtes. Gerade bei einem solchen Gewaltmarsch würde es darauf ankommen, Tiere und Menschen so zu belasten, dass kein Schaden entstand. Müde Tiere, eine unordentliche Marschkolonne, alles konnte zu Verzögerungen führen.


    Überall wurde gebrüllt, Legionäre suchten Ausrüstungsteile, Töpfe klapperten. Dann ein letztes Antreten, Opferungen, danach noch einmal Ausrüstungskontrolle und anschließend würde sich die Legion I mit den übrigen Verbänden in Marsch setzten, um endlich eine Entscheidung herbeizuführen. Das Schanzen der letzten Tage war umsonst gewesen, hatte die Männer zumindest beschäftigt. Nervös blickte Priscus auf seinen Namensvetter, den Optio, der die Ruhe selbst schien. Ein Veteran, dachte sich der Iunier, im Kampfe gestählt und ein starker Rückhalt. Auch der Centurio gab Rückhalt, mit der vitis trieb er die letzten Trödler unerbittlich an.

    Bei den Worten des Obsidiers ging ein Raunen durch die Runde, Ausrufe der Empörung wurden laut.
    "Patavium gebrandschatzt???" "Unglaublich, unsere eigenen Leute!!"
    "Diese Schweine!!!" "Ich habe Verwandte dort!!!" "Nieder mit Salinator!!!" "Es lebe Palma, Palma victor!!!"
    Die Männer rissen ihre Schwerter aus den Scheiden und stießen sie in die Luft. Angestachelt von Geld und dem Wunsch nach Rache erscholl immer wieder ein Name: "Palma!! Palma!! Palma!!"


    Priscus konnte dem Gesicht des Eques die Strapazen ansehen, er hatte den unsteten Blick des Soldaten, die zu viele grausame Verbrechen gesehen hatte. Wie lange es wohl dauern würde, bis das feindliche Heer hier war? Würden sie bald aufbrechen und ihnen entgegen ziehen? Doch wofür die ganze Schanzarbeit? Priscus steckte sein Gladius weg, als sich die Masse etwas beruhigt hatte und klopfte Antias auf die Schulter. "Komm nachher zur vierten centuria der neunten cohors, ich habe noch einen Schluck Wein im Zelt, den trinken wir und vergessen die Gräuel", sagte er mit zornigem Blick. Nun war auch er beseelt von dem Wunsch, den feigen Mörder in Rom zu hassen und ihn und seine Schergen mit Stahl zu vertreiben

    Zitat

    Original von Gaius Artorius Regulus
    ...können, als alles andere, aber dennoch wollte jeder als erstes seine Münzen in der Tasche haben. Doch als sie am besagten Punkt ankamen, hatte sich schon eine ganze Reihe von Legionären gesammelt. Regulus schritt auf Madarus zu, den er erkannt hatte und der von diversen anderen Kameraden (Piscus, Antias) umgeben war. "Salve zusammen", begrüßte er die Leute, von denen er gerade noch vernommen hatte, dass sie auch gern wüssten wie viel Kohle es denn nun genau gibt. "Philogenes, du weißt doch immer alles, wie viel will man uns eigentlich geben?", fragte der Artorier gleich mal seinen Freund, der ihm als erster Bescheid gesagt hatte.
    "Hmpf... müsste so ein Monatssold sein."
    "Ein Monatssold? Naja, immerhin, nicht wahr?", sprach Regulus und blickte in die Runde. Hätte durchaus auch etwas mehr sein können...


    Priscus bekam mit, wie sie direkt neben ihm sprachen, hörte, dass es ein Monatssold war und hob die Brauen. "Es hätte auch mehr sein können," sprach Priscus aus, was manch einer dachte. Scheinbar wurde nur die nötigste Motivation mit Geld erkauft, den Rest sollten Vaterlandsliebe und Mut richten. Er schüttelte den Kopf, als ihn jemand an der Schulter berührte.


    Zitat

    Original von Servius Obsidius Antias
    Weiß einer wie viel es gibt? Ich kann's gut gebrauchen. Ah he, miles. (Antias tippte Iunius Priscus an) Weißt du was genaueres? Ich bin erst vor einer Stunde ins Lager gekommen."


    Priscus erkannte in dem jungen Mann einen ehemaligen Kameraden aus der gleichen Centuria, konnte sich aber nicht an den Namen erinnern. Er war nun, seinem Kettenhemd nach zu urteilen, bei den Reitern. Er sah auch etwas verwahrlost, schmutzig und müde aus, vielleicht hatte er schon Feindkontakt gehabt.
    Priscus hob die Schultern. "Es scheint einen Monatssold zu geben, mehr nicht. Scheinbar sind sich die Legaten der Sache sicher, ich habe gehört, dass der Feind noch auf sich warten lässt. Weißt du etwas davon? Du gehörst doch zur schnellen Truppe!!!""

    Priscus trat auf die Zehenspitzen, um sich noch etwas größer zu machen. Über die Köpfe der vielen Männer konnte er nicht sehen, was dort vorne an den Tischen vor sich ging. Es war nur der Befehl herausgegeben worden, ein Donativum zu empfangen. Die Männer hatten schon spekuliert, ob überhaupt Geld fließen würde, man munkelte, die Kassen seien schon vor der Ankunft in Verona leer gewesen und sollten es auch bleiben, bis der Krieg zu Ende war.


    Freilich waren diese Latrinengerüchte meistens nur zu einem Körnchen wahr, Jemand kannte Jemanden, der wiederum von einem Bekannten eines Schreibers aus dem Stab gehört hatte, dass sich die Offiziere über Geld unterhalten hatten. Somit war der Boden für die wildesten Gerüchte bereitet. Von 200 Denaren pro Soldat war die Rede, von einem Jahressold oder noch mehr, um die Männer zu motivieren. Priscus konnte sich beim besten Willen nicht soviel Geld vorstellen, wie es brauchte, um die ganzen Legionen zu bezahlen. Wenn Palma das bewerkstelligen konnte, war ihm die Unterstüztung der Soldaten gewiss.


    Die Männer der neunten cohors standen direkt neben den Männern der zweiten Legion, um ihren Anteil zu holen. Als ihn einer der Soldaten ansprach, wie viel es gäbe, zuckte er die Schultern. "Keine Ahnung, habe nur gehört, dass es ein Donativum geben soll, aber wie viel weiß ich nicht. Habe gehört es könnte ein ganzer Jahressold sein, damit wir besonders motiviert sind... Aber das scheint mir etwas viel? Nicht dass mein Beutel das nicht vertragen könnte. Ihr seid von der Secunda?" fragte er, blickte nach vorne und sah, dass er noch Zeit für ein Schwätzchen hatte.

    Priscus richtete sich auf, hieb die Dolabra in die Erde und presste seine Hände in den Rücken. Mit einem wohligen Seufzer bog er sich nach hinten und hörte genüsslich zu, wie ein Wirbel mit einem Knacken wieder in die richtige Position rutschte. Schanzarbeit war zäh und in diesem Fall sogar noch zäher, weil alle besonders tief graben und die Wälle besonders hoch ziehen mussten.


    Man hörte, dass der Feind nur noch einige Tagesmärsche weg war. Zwar wussten die einfachen Soldaten nicht viel über die Zusammensetzung des feindlichen Heeres, doch sie merkten, dass die Stäbe nervös waren. Nervöse Legionsstäbe bedeutete nervöse Tribunen, nervöse Tribunen bedeutete nervöse Centurionen, was wiederum müde Milites zur Folge hatte. Denn man hatte Zeit, während man wartete und die Soldaten sollten nicht zum Nachdenken oder plappern kommen, was hieß, dass man die Zeit nutzte, um Verschanzungen noch besser zu sichern und noch mehr Erde zu bewegen. Es reichte nicht, einen flachen Graben auszuheben und die Wälle mit Rasensoden zu belegen, sondern es wurden tiefe Gräben gezogen, Schanzpfähle mussten noch eingerammt und verbunden werden. Keine Maus sollte durchkommen.


    Während Priscus sich dehnte, kippte Macer gerade einen Korb mit Erde auf das obere Wällstück aus. Hier sollte eine Plattform für die Geschütze entstehen, etwas höher als die restliche Umwallung, damit man ein freies Schussfeld hatte und nicht die eigenen Leute traf. Seit kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon bei der Arbeit, mittlerweile waren ihre Tuniken nass vom Schweiß, die Haare verklebt und die Gesichter schmutzig. "He, Priscus, gib mir mal meine Wasserflasche hoch,"rief Macer herunter und legte den Korb beiseite. Priscus suchte hinter sich und fand die acht Flaschen des contuberniums. Er fand diejenige mit den eingeritzten Initialen GVM und reichte sie nach oben. Macer nahm sie entgegen, setzte sich auf den Rand des Walles und trank gierig seine Posca. Ein Rülpser stahl sich durch seine Lippen und er wischte sich mit dem Unterarm über die nasse Stirn. "Was meinst du, wie lange werden wir brauchen?" fragte er nachdenklich und ließ seinen Blick über die Anlagen schweifen.


    Priscus sah seinem Blick nach. Überall neben ihnen waren die Kameraden mit der gleichen Arbeit beschäftigt, überall wurde gegraben, gehackt, festgestampft und geflucht. In der Nähe konnte man das Krachen der Äxte hören, die die Schanzpfähle und groben Formen für die Geschütze bearbeiteten. Alles glich einem Bienenstock, der kurz vor dem Schwärmen war. Müde zuckte Priscus mit den Schultern. "Wenn wir so weitermachen noch zwei Tage, dann kommt hier kein Mann durch. Vielleicht kommen noch ein paar Annäherungshindernisse dazu, keine Ahnung, was denen noch einfällt. Aber was mich mehr interessiert, wann gibt es endlich den versprochenen Sold? Der hätte doch schon ausgezahlt werden sollen?" Musa kam hinzu, nahm seine Feldflasche und trat mit seinem Stiefel gegen das Blatt der Schaufel, die er in der anderen Hand hielt. "Was habe ich da von Sold gehört?" fragte er zwischen zwei Schlucken. "Gibt es endlich Geld? Plündern dürfen wir ja nicht, weil wir... Was nochmal? Ach ja, Rom vom Tyrannen befreien," scherzte er mit gedämpfter Stimme. "Wir wollen die alte Dame ja befreien und nicht schänden, gell?" Priscus schüttelte den Kopf. "Ich habe noch nichts von Geld gehört. Also dass welches da ist. Aber versprochen war es uns, immerhin leisten wir einen noblen Dienst hier!" Die beiden anderen sahen sich an und hoben die Schultern. Auch Priscus winkte ab. "Also weiter wie bisher," meinte er nur und griff wieder zu Dolabra, um den Graben noch etwas tiefer zu machen.

    Priscus machte große Augen, als sich die Legio I über die letzte kleine Erhebung schob, die den Blick auf das Lager der Rebellen gewährte. Vor den Soldaten erhoben sich scheinbar unendlich lange Zeltreihen, umgeben von Erdwällen, die schon mehr oder weniger mit pila muralia befest waren. Dazwischen wimmelte es von kleinen Punkten, es herrschste also geschäftiges Treiben, das noch zuzunehmen schien, als sich die Männer näherten. Priscus´centuria bekam ihren Platz zugewiesen und die Männer machten sich gleich an die Arbeit. Da nicht mit sofortigem Feindkontakt zu rechnen war, wurden zuerst die Zelte aufgebaut, erst später würde man sich um die Verschanzungen kümmern.
    "He, wo ist denn der Hammer?" rief Macer über die Köpfe seiner Kameraden dem mulio des contubernium zu. Dieser zuckte nur die Schultern, schüttelte den Kopf und lud das tentorium vom Rücken des Maultieres. Priscus wartete, bis die Zeltbahn ausgelegt war, und dabei kamen ein Hammer, Holzstangen und ein Beutel mit Seilen und Heringen zum Vorschein Der mulio war ihnen noch nicht lange zugeteilt und sprach noch kaum ein Wort mit ihnen. Scheinbar hatte er immer noch Angst vor Schlägen der Männer, obwohl ihm niemand etwas tat. Oder vielleicht war er auch der uneheliche Sohn eines der Soldaten und einfach nur gehorsam.


    Sofort begannen die Männer die Stangen aufzustellen, spannten ein Seil dazwischen und hängten das Zelt aus Ziegenleder darüber. Seile und Heringe hielten alles gut gespannt und boten eine enge kleine Unterkunft. Mit dem Spaten zog Priscus noch einen kleinen Graben um die Unterkante der Zeltbahn, damit das Regenwasser nicht ins Innere drückte, sollten die Herbstregen zu stark sein. Während dieser Arbeit grüßte er den Optio Priscus, der vorbeikam, um die Fortschritte zu überwachen.

    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus Minor
    Konträr zum emotional induzierten Appetitdefizit seines Gegenübers erfreute sich der junge Flavius weiterhin der herrlichen Speise,...


    Priscus rieb sich die Augen, als der Kleine antwortete. Müde war er, aber Schlaf würde er keinen finden können, nicht heute, dafür war er zu aufgekratzt und die Gedanken drehten und drehten sich. Da kam ihm Minor gerade recht, der Junge schien gebildet und eloquent zu sein, nicht so rauhbeinig wie die Legionäre hier. Ob er schon Griechenland gesehen hatte?
    "Ja, müde bin ich, aber ich kann noch nicht schlafen,"entgegnete er und sah dem Jungen in die Augen. So jung und unschuldig, und doch spiegelte der Schein der Flammen sich in müden Augen, die wohl schon einige Strapazen gesehen hatten. "Leiste mir doch noch etwas Gesellschaft, wenn du willst." Er holte aus seinem Proviantbeutel etwas Kleiekuchen und reichte ihm ein Stück, das andere aß er selber. Mit einem Schluck Posca spülte er nach und reichte dem Jungen die Flasche.


    "Ich werde vielleicht gegen meine eigene Gens kämpfen müssen, junger Flavius... vielleicht das Blut meiner Verwandten vergießen müssen... Wie sollte ich da Schlaf finden, wenn ich nicht weiß, welchen Schicksalsfaden die Moiren weiterspinnen werden und welchen sie abschneiden? Und sollte ich durch mein eigenes Blut den Tod finden? Wir Iunier waren schon in vielen Kriegen, auch in Bruderkriegen und haben unseren Blutzoll bezahlt. Und nun soll es wieder so sein. Das lässt einen doch nachdenklich werden, oder?", meinte er etwas wehmütig.

    Die Posca schien dem Jungen nicht zuwider zu sein, er trank ausgiebig. Priscus nickte nur. Sollte ein richtiger Kerl werden, bei dem Durst, dachte er für sich und musste grinsen. Kurz ertappte er sich bei dem Gedanken, sich auch eine Frau zu suchen, wie manch einer der Kameraden. Aber ohne Heirat und mit illegetimen Kindern, das war so eine Sache. Außerdem hatte er mitbekommen, dass durch diese Verbindungen auch Ängste bei den Männern entstanden, wenn sie weg mussten. Würden sie überhaupt zurückkommen, wären die Frauen noch dort oder schon wieder mit der Ablösung zugange? Solche Sachen konnte er überhaupt nicht gebrauchen, es reichte schon, dass er sich um die anderen Angehörigen seiner Gens in Rom Sorgen machte.


    Bei der Antwort des Jungen hob er wieder die Augenbraue. Langweilig fand er die Reise? Nun, vielleicht gab es auch nichts zu sehen in einer Sänfte, denn diese Patrizier liefen ja kaum selber. Trotzdem konnte er im Schein des Feuers erkennen, dass der Junge nicht gerade die saubersten Kleider trug und auch etwas mitgenommen aussah. Sofort regte sich wieder dieses Gefühl für Mitleid und ein Vaterinstinkt, den er langsam lästig fand, ja schon fast unheimlich, ihn aber nicht abzuschütteln vermochte. Vielleicht hätte er seinem Vater doch widersprechen und Iudex werden sollen? Immerhin hatte er in Athen so einiges gelernt, neben dem Zechen und Huren. Dann hätte er jetzt bestimmt schon ein halbes Dutzend Söhne und würde die Felder bei Nicopolis bestellen. Beim Gedanken an seinen Vater musste er schlucken. Dieser diente irgendwo in Macedonien, aber ob auf Seiten Salinators oder der Rebellen, das konnte er nicht mit Sicherheit sagen.


    Er schüttelte die Gedanken ab und aß noch einen Bissen Brot. Plötzlich schmeckte es ihm nicht mehr. Langsam schüttelte er den Kopf. "Nun, es sind wirklich nicht viele Kinder mit im Zug, aber das ist ja eigentlich auch kein Ort für selbige." Er schob noch etwas Holz nach, die Nacht wurde langsam etwas frisch oder vielleicht war es auch nur seine Müdigkeit. Aus dem Zelt dran leises Schnarchen, bestimmt wieder Macer, der Wälder zersägte. "Soll ich dich nachher zum Praetorium bringen?" fragte er väterlich. "Nicht dass man sich Sorgen macht und mich auspeitschen lässt, weil dir unterwegs etwas zugestoßen ist?"

    Für die Dankesbekundung erhielt der junge Mann ein Lächeln von Priscus, scheinbar hatte er ja doch etwas gelernt.
    Während Priscus ein paar Bissen Brot aß und dazu ein Stück Wurst, welches er nachdenklich kaute, fiel ihm auf, dass sein Gesprächspartner recht wortkarg war. Ob es Angst, Hunger oder einfach nur Desinteresse war, vermochte er nicht zu deuten, kam es ihm jedoch noch immer seltsam vor, dass der Vater des Jungen ihm noch zu so später Stunde den Ausgang erlaubte. Aber die Regeln im Lager galten wohl nicht für kleine Jungen, überlegte er, während er aß. So hatte er etwas Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen.


    Er hatte von den Proskriptionslisten gehört, die überall angeschlagen waren und auch Namen der Flavier enthielten... Und der Aurelier mittlerweile auch. Was Seneca wohl gerade tat und dachte? Auf unterschiedlichen Seiten zu stehen war nicht gut, wer nun die Rebellen oder die rechtmäßigen Herrscher waren, das würden die Ereignisse zeigen. Letztendlich wurde Geschichte von den Siegern geschrieben, egal was vorher war.


    Die Frage des Knaben riss ihn aus seinen Gedanken. Er nickte und griff hinter sich, wo er die Feldflasche nach der letzten Benutzung abgestellt hatte. Er öffnete und reichte sie Manius Minor. "Hier, ist aber nur Posca drin, kein Wein oder Saft," meinte er entschuldigend. Kinder mochten eher süße Sachen, so erinnerte er sich. Als er die Feldflasche weitergereicht hatte, suchte er aus seinem Proviantbeutel noch ein Stück Käse heraus, das er klein schnitt und zum Brot legte. Wurst mochte der Kleine offenbar nicht.


    Um das Schweigen zu brechen, fragte er: "Und wie gefällt dir der Marsch bisher? Ist aufregend mit so vielen Soldaten unterwegs zu sein, nicht?"