Beiträge von Tiberios

    Taberna "Aus der Hand von Schesmu">>>


    Auf der Straße nach Osten….


    Iambulos hieß Tiberios warten, dann machte er einige Besorgungen und holte auch einige Sachen, die er an einem geheimen Ort aufbewahrt hatte.

    Er gab dem Griechen einige unbeschriebene Schriftrollen aus einem Material, feste Tusche und einen Stilus. Das Schreibmaterial hatte der Scriba noch nie gesehen. Es war ganz leicht und doch kühl wie Marmor. Der Nabatäer lachte nicht unfreundlich über Tiberios Erstaunen: „Diese Schriftrollen werden aus der Rinde von besonderen Maulbeerbäumen, die in Asia wachsen, hergestellt“ sprach er:

    „Der Papyrus der Serer sozusagen. Sie bespannen auch Fenster damit, aber das wirst du selbst sehen. Du wolltest aufschreiben, was du zu sehen bekommen wirst. - Hier drin kannst du deine Aufzeichnungen aufbewahren.“

    Er gab ihm einen Wanderstab. Er hatte auch einen. Mit beiden hatte es ein besonderes Bewandtnis: Man konnte sie durch eine bestimmte ausgeklügelte Vorrichtung öffnen, und sie waren innen hohl. Hier versteckte Iambulos auch seine Goldmünzen.

    Tiberios sollte den Reisesack mit einigen Vorräten tragen; in einfache panuelae waren sie gehüllt, zu Fuß unterwegs; zwei Reisende von bescheidenem Stand, ein Herr und sein Sklave.

    Nebeneinander hergehend verließen sie Caesarea. Tiberios drehte sich noch einmal um. Im Süden sah der Argaios, der Heilige Berg der Cappadocier, auf sie herab; sie jedoch folgten dem Morgenrot, dem langen Weg, der sie in das ferne Seidenland führen sollte. Wie immer vertraute er auf Tyche.

    Die Schwierigkeit der Entscheidung lag darin, DASS es Tiberios in Caesarea gefiel.

    So wie er Domina Stella nicht verlassen hatte wollen, wollte er Domina Proxima nicht verlassen. Und noch weniger Demetrios. Er liebte sie.

    Wenn nur nicht dieses eigenartige, ihn antreibende Gefühl des Verlangens nach etwas, was er noch gar nicht kannte, gewesen wäre, welches Iambulos mit seinen Worten, jedes einzelne wie eine Perle an einer Perlenschnur, heraufbeschworen hatte?

    Das war der Grund gewesen, weshalb sich der Sklave so oft auf der Agora aufgehalten hatte. Er selbst erkannte diese Macht: pothos; die Griechen der klassischen Zeit hatten noch einen daimon in ihm gesehen. Tiberios war ihm schon früher begegnet, in jenem Reich des Ideen. Pothos forderte sehr oft, etwas oder jemanden zurückzulassen, das und den man liebte.

    Die Stoa aber sah darin nur eine der inneren Antriebskräfte der Leidenschaft.


    132-01e8853de1556ecacadd444e04aa16ec08ff27eb.jpgIambulos sah von Tiberios zu Iunia Proxima.

    „ Edle Römerin, mein junger Freund: Um die Entscheidungsfindung zu erleichtern.“, sprach er und holte aus seinem Beutel Münzen. Es waren keine Sesterze, auch keine Drachmen oder Denare, es waren aurei, Goldmünzen, jede einzelne hundert Sesterze wert.

    Zehn zählte er vor und dann noch einmal zehn. Wie kleine goldene Sonnen lagen sie auf dem hölzernen Tisch der Taberna.

    „Deine Herrin lässt dir die Wahl.“, sprach er dabei: „Du hast mir selbst gesagt, dass du keinen Vaternamen hast, Tiberios. Komm mit mir, und die ganze große Welt wird deine Polis sein. Nebenbei sorgst du aber auch für die, die du liebst, besser als du es mit deinen geringen Kräften leisten könntest.“


    Iambulos sprach die Wahrheit. Das fehlende neue Dach, fiel Tiberios ein, das Balneum für die müden Glieder, ein Medicus für Demetrios Schmerzen und auch für Damocles Gesundung. Zweitausend Sesterze lagen auf dem Tisch. Es war viel mehr, als er wert war. Es war viel mehr, als er tun konnte, selbst wenn er Tag und Nacht im „Aus der Hand von Schesmu“ arbeitete.


    Der Grieche kam an das Ende seiner Überlegungen. Und dann sprach er: „Bitte Domina, lass mich mit Iambulos dem Nabatäer mitgehen. Ich möchte die fernen Länder des Ostens sehen. Und ich möchte über das, was ich sehen werde, schreiben wie Pytheas von Massilia über die Ozeane des Nordens geschrieben hat."

    Pytheas hatte er es schon als Junge gleichtun wollen.


    Iambulos schob die Goldmünzen zu der Iunia herüber und hielt ihr die Hand hin, damit sie einschlagen konnte.


    Und dann ging es sehr rasch mit dem Abschied. Tiberios hatte ja nicht viel an Besitztümern, nur das, was ihm Domina Proxima gekauft hatte; so ging er mit leichtem Gepäck.


    Aber als er sich von dem alten lieben Demetrios verabschiedete, musste er doch weinen.


    >>>Nach Osten

    " Wenn das so ist....." Cerretanus überlegte kurz ob er etwas hinzufügen wollte.

    " So soll es sein, Tiberios. Bleib wenn du dich hier wohl fühlst und denkst es ist der richtige Platz."

    An Proxima gerichtet, mit einem Lächeln meinte er:"Auch wenn ich nicht unbedingt der einfachste Mensch bin so kann man mit mir reden. Dann werde ich nich wieder auf den Weg machen. Schließlich habe ich auch Veroflichtungen nachzukommen und muss mit Konsequenzen rechnen wenn ich es nicht tue. Herzlichen Dank für deine Gastfreundschsft, Iunia."

    Dominus Furius Cerretanus war immer gütig Tiberios gegenüber gewesen, und das war er auch jetzt: Er ließ ihn bleiben, wo er war. Der Grieche erhob sich aus seiner demütigen Position und sprach:

    „Ich danke dir, Dominus Furius, für alles. Ich werde dir deine Freundlichkeit nicht vergessen.Ich hoffe, dass ich dir eines Tages dafür etwas zurückgeben kann.“


    Und dann räumte er den Tisch ab und tat, was in der Taberna seine Aufgabe war. Anschließend fütterte er die Ziegen, die ihn mittlerweile kannten, ihm entgegenliefen und ihn mit ihren gelben klugen Augen ansahen.

    132-01e8853de1556ecacadd444e04aa16ec08ff27eb.jpgIambulos schaute sich um und sagte sehr höflich:

    „Salve edle Iunia Proxima. Ich beglückwünsche dich zu Deinem gastlichen Haus und deinen hervorragenden Speisen.

    Viele in Caesarea kennen mich, da ich nämlich Geschichten erzähle. Für die meisten ein Zeitvertreib, für einige wenige jedoch Flügel für die Seele. Mehr als ein Erzähler bin ich allerdings ein Reisender. Wir erkennen uns gegenseitig, wenn wir einen anderen treffen. Einen deiner Diener, der jungen Tiberios, habe ich bereits kennen gelernt. Aber du bist auch eine Reisende, nicht wahr, edle Iunia Proxima? Du kommst von weit her."


    Er berührte lächelnd mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand seine Stirn und dann sein Herz:

    „Ich würde mich freuen, wenn du diese Mahlzeit mit mir teilen würdest.“, sprach er:

    „Darf er dir hier aus der Küche noch einmal das Gleiche bringen lassen, was auch ich genieße?“

    Er machte eine Geste hin zu Tiberios.Dann wandte er sich wieder der jungen Römerin zu:


    „Caesarea in Cappadocia hier ist ein guter Ausgangspunkt für eine Reise, da es die Straßen nach Armenien und in das obere Euphrattal beherrscht.",er lächelte nun breiter:

    „Beim Reisen gen Osten hat es unbestreitbare Vorteile, kein Römer zu sein, nichts für ungut. Zunächst muss man ja an den Parthern vorbei.

    Jenseits des Reiches der Parther gibt es jedoch noch unzählige andere Reiche und Länder: Baktria* – dort spricht man noch Griechisch und es findet sich ein Alexandria – Alexandria in Arousia. Daran grenzt das große Imperium von Kossanon.** Und noch viel weiter im Osten liegt das Reich der Serer, der Seidenleute. Einzelne Männer wie der Kaufmann Maës Titianus***, haben sogar den sagenhaften Tempel des Weißen Pferdes4 in Sericas Hauptstadt erblickt, der dem Ioasaph5gewidmet ist. Aber alles hat der Kaufmann nicht gesehen und noch weniger aufgeschrieben, leider, denn der Kaiser der Serer gewährt denen, deren Absichten er nicht kennt, keinen Zutritt in seine Lande."

    Iambulos sprach die fremdartigen Namen fast liebevoll aus, als seien es kostbare Perlen. Seine weiche Stimme beschwor jene Reiche herauf, so wie er es auf der Agora getan. Er machte eine Pause, und seine dunklen Augen glitzerten:

    "Stell dir einen einsamen Pilger, nur begleitet von einem Diener, vor, der nach der Weisheit von Ioasaph strebt.",sagte er:

    "Zu zweit und zu Fuß wären sie, waffenlos und demütig und eine Jahre andauernde Fahrt liegt vor ihnen. Ioasaph wird sie allerdings zumindest im Großen und Ganzen vor Sklavenhändlern und Räubern beschützen.

    Ob ihre Reise erfolgreich sein wird - wer weiß? Ob sich das Wagnis lohnt - das mag nur eine Reisende wie du beantworten.

    Ich würde deinen jungen Griechen gerne als meinen Sklaven mit mir nehmen, wenn du ihn an mich verkaufst. Was du auch bezahlt hast für ihn, ich kann dir mehr bezahlen, weit mehr. Du könntest dein Geschäft verzwei- oder verdreifachen. Was meinst du dazu, edle Iunia?“


    Iambulos machte den Eindruck, ein Mann von bescheidener Finanzkraft zu sein. Doch der Anschein trog; diejenigen, die ihm den Auftrag gegeben hatten für die Reise, waren mehr als wohlhabend, und das, was er und sein Gehilfe eigentlich im Land der Serer tun sollten, würde sie alle reicher machen als den sagenhaften Lyderkönig Croesus, ja reicher als den Caesar Augustus, wenn es denn gelingen sollte.


    Ein Reisender


    Tiberios hatte vom Markt, wie Iambulos ho Nabataea ihm geraten hatte, Schafsmilchbutter, Cadmea und Fettsalbe für die Verletzungen des Mannes mitgebracht, den er unter dem Namen Damocles kannte. Das Iambulos in den nächsten Tagen hereinschauen wollte, hatte er schon wieder vergessen.

    Der Grieche hatte kürzlich noch zu Dominus Furius gesagt, dass alle wohl am glücklichsten waren, wenn alles genauso bliebe wie es zur Zeit war, doch omnia mutantur – alles ändert sich, schrieb bereits Ovidius, und Tyche änderte es besonders gerne, wenn man nicht damit rechnete.


    132-01e8853de1556ecacadd444e04aa16ec08ff27eb.jpgIambus ho Nabataea hielt Wort und kam in die Taberna „Aus der Hand von Schesmu“ , und Tiberios, der im Schankraum arbeitete, wies ihm einen Tisch mit zwei gegenüberliegenden Bänken zu und lächelte den Besucher erfreut an:Chaire kyrios Iambulos Wir haben exzellente Flusskrebssuppe heute, mit Lauchzwiebeln, Karotten und Pastinaken und natürlich henqet, gebraut nach original Alexandriner Rezept.“

    „Von diesem henqet bitte von dem alle so schwärmen.“, bestellte Iambulos und schaute Tiberios freundlich an:

    „Und eine Schale Suppe – ihr köstlicher Duft schmeichelt meiner alten Nase."

    „Domina Iunia Proxima kocht sie selbst wie alle Speisen, mit Gefühl und mit Leidenschaft, nicht nach Rezepten.“, erwiderte Tiberios etwas exaltiert, und Iambulos lachte leise über seinen Eifer:

    „Na dann wird es doppelt gut schmecken. Und kannst du mir bitte deine Herrin für einen Moment herholen, wenn du Zeit erübrigst. Ich wollte mit ihr eine Angelegenheit besprechen“


    Tiberios brachte auf einem Tablett eine Tonschale dampfender Suppe und einen Becher kühlen Biers, und da es noch vor der Zeit war, in der für gewöhnlich ein leichtes Mittagsmahl zu sich genommen wurde,und außer Iambulos kein Gast anwesend war, schaute er auch gleich in die Küche:

    "Domina Proxima!", rief er halblaut: "Würdest du bitte in die Gaststube kommen. Unser Gast möchte dich kurz sprechen."

    Parvus Domus Iunia >>>

    132-01e8853de1556ecacadd444e04aa16ec08ff27eb.jpgAls Tiberios am nächsten Morgen an Iambulos vorbei ging, um auf dem Markt zu besorgen, was ihm Domina Proxima aufgetragen hatte, sprach dieser ihn an:

    "Chaire mein Junge, heute so eilig? Keine Lust, einer Reisegeschichte zuzuhören?"

    Tiberios blieb stehen und grüßte höflich: "Nein, despotés, leider nicht heute. Ich soll Fettsalbe besorgen und später noch eine Tunika. Weißt du, an wen ich mich wegen der Fettsalbe wenden könnte?"

    "Fettsalbe hmm. Für die Herstellung eines Parfüms? Auf dem Markt gibt es eine Salbenhändlerin, die heißt Olympias. Frag nach ihr. Sie hat ein freundliches Gemüt."

    "Für alles mögliche, denke ich. Um es auf Wunden aufzutragen. Danke für die Empfehlung der Olympias."

    Iambulos ho Nabataea nickte: "Ja, Salben sind äußerst nützlich.", bestätigte er: "Für die Gesundheit taugt auch boutyron oder butyrum* , wie die Römer sie nennen. Du mischst sie mit cadmea**, aber ungesalzen, hörst du. Cadmea kannst du auch mit Olivenöl mischen, das ist sehr gut."

    Tiberios hörte aufmerksam zu und versuchte sich alles zu merken:

    "Bist du ein iatros, ein Arzt, despotés?", fragte er dann.

    "Nenn mich einfach Iambulos. Iambulos aus Nabataea werde ich genannt.", erwiderte der andere: "Ich bin kein Medicus, ich bin ein Reisender. Dafür ist solches Wissen auch nützlich."

    Er schaute Tiberios an: "Und du heißt?"

    "Tiberios"

    "Und deines Vaters Namen?"

    "Das habe ich nicht. Ich bin ein Sklave."

    "Du bist auch ein Reisender", Iambulos lachte leise: "Nun lauf, deine Herrin wartet bestimmt schon! Die Geschichte kann ja noch warten. Bald besuche ich dich einmal, du gehörst zur Taberna Aus der Hand von Schesmu, nicht wahr? Chairete."

    "Gerne, wir freuen uns über Gäste. Chairete", erwiderte Tiberios.


    Er gelangte auf den Markt und fand die Händlerin Olympias, die einen exaleiptron, einen Tiegel mit Deckel, Fettsalbe verkaufte, desweiteren für kosmetische Zwecke ein Döschen Cadmea als weißes Pulver, und von einem Schafhirten erwarb er ein Pfund frische, ungesalzene Schafmilchsbutter, dann kehrte er eilig zurück nach Hause.



    Sim-Off:

    *Butter ** Zinkoxid

    Tiberios sah auf seine Hände, die auf dem Tisch lagen und überlegte, was er denn antworten wollte.

    Bisher in seinem Leben war ihm stets gesagt worden war, wohin er zu gehen, wo er zu schlafen, was er essen, was er zu arbeiten hatte und wem er angehörte. Auf gewisse Weise hatte er sich um existenzielle Fragen nie Gedanken machen müssen, jetzt aber lag der graue Blick des Dominus Cerretanus, der den weiten Weg gekommen war, auf ihm und ebenso sahen ihn die braunen Augen seiner neuen Domina an.

    Sie waren freie römische Bürger und warteten doch darauf, dass er, der griechische Sklave, über sein eigenes Schicksal entschied. Sie hätten ihn mitnehmen, einsperren oder sich vor Gericht um ihn streiten können, doch das taten sie nicht. Sie waren edelmütige, großherzige Menschen, alle beide. Tiberios liebte sie. War es das, weshalb seine Tyche ihn nach Caesarea geführt hatte? Um ihn zu lehren, eine Entscheidung zu treffen? War auch so etwas ein Teil der Freiheit? Etwas aufgeben zu müssen, um etwas anderes nicht zu verlieren?

    Tiberios dachte an Domina Stella und Dominus Aulus, an die Casa Furia in Roma, und einen Moment lang an all die Möglichkeiten, die ihm Roma eines Tages, wenn er älter wäre, bieten würde. Er wäre nicht der erste Grieche, der aus dem unfreien Stand zu Ansehen gelangen konnte.

    Und dann dachte er an sein Leben hier in Caesarea, welches so viel einfacher war, an das tiefe Gefühl der Zufriedenheit, das ihn zuweilen überkam, wenn er den Hühnern Körner hinstreute und er auf die Berge in der Ferne blickte oder wenn er den Hof fegte, an die wohlige Müdigkeit, die er abends fühlte, weil er umher gelaufen war und nicht, weil er sich den Kopf zerbrochen hatte und daran, dass er hier einfach Tibi war und Demetrios wie ein Vater oder guter Onkel. Demetrios würde vielleicht auch nicht mehr lange leben, da konnte er sich nichts vormachen. Würde Tiberios nach Roma zurückkehren, würde er unter dieser Sonne Demetrios nie wieder sehen.

    Der Grieche ging auf die Knie, wie er es in Alexandria getan hatte und hob beide Hände, um um Gnade zu bitten:

    "Dominus Cerretanus, ich danke dir dafür, dass du gekommen bist.", sprach er:

    "Aber... ich möchte eigentlich noch nicht fort von hier. Ich glaube, ich sollte gerade hier sein.", er warf einen Blick zu Domina Proxima, die gesagt hatte, sie wolle ihn nicht verkaufen:

    "Ich glaube auch, dass wir alle glücklicher sind wenn alles so bleibt wie es gerade ist.", endete er und wartete darauf, dass jemand das Wort an ihn richtete.

    Ich schaute ein wenig nachdenklich, da ich mir schon während dem Reinigen der Wunden Gedanken über den Körper dieses Mannes gemacht hatte. Die Information, dass er kein geborener Sklave war, machte nur um so mehr Sinn angesichts der Wunden und der Tätowierung. Aber alle Rätsel wären uninteressant, wenn der Mann am Fieber starb. "Kein geborener Sklave...das macht Sinn. Er hat viele alte Narben und diese Wunden könnten mehr als nur Züchtigung durch einen Sklaventreiber sein. Er hat auch eine SPQR-Tätowierung...aber ich weiß nicht so recht, was das bedeuten soll. Sagen dir solche Tätowierungen etwas?"

    Tiberios nickte: "Legionäre haben solche Tätowierungen zuweilen auf einer Schulter. Ich habe solche ...in den Thermen schon gesehen, Domina.",er lächelte einen Moment in sich hinein, als er sich des angenehmen Anblicks breitschultriger und stattlicher Jünglinge entsann, was nicht nur in den Thermen so gewesen war. Dann brachte er seiner Domina eine frische, lange Tunika mit einer Stickerei am Kragen und ging, um Demetrios in der Taberna abzulösen.

    Viel mehr von Damocles hörte er an jenem Abend mehr. Er hatte kein Problem damit, sich später in seinen Mantel gehüllt auf einer der Bänke schlafen zu legen; an Bord der Piratenschiffe hatte er wesentlich unbequemer geschlafen.

    Am nächsten Morgen jedoch brach er auf zum Markt, die Fettsalbe zu holen, nachdem er aus der Kasse einige Asse genommen und quittiert hatte.

    Tiberios schaute auf, als seine erschöpfte Herrin auf die Terrasse kam.

    „Wie geht es Damocles, Domina Proxima? „fragte er sofort: „Konntest du mehr über die Natur seiner Verletzungen herausbekommen? Und über ihn? Ich habe auf dem Weg hierher erfahren, dass er kein geborener Sklave ist, und dass er sich nach seiner Familie sehnt. Wüssten wir, wer sie ist, könnte ihn die Hoffnung gewiss im Leben halten.

    Fieber ist nicht immer von Übel, schon Parmenides von Elea hat geschrieben: `Hätte ich nur ein Mittel, um Fieber künstlich zu erzeugen, ich wollte alle Krankheiten heilen.`,das gilt wohl, wenn die Körperhitze nicht zu hoch steigt. Leintücher für Wickel sind da, und ach ja soll ich Fettsalbe besorgen?“

    Tiberios wusste nicht, ob seine Domina sie gekauft oder selbst hergestellt hatte.


    „Ich kümmere mich soweit um die Taberna und die Gäste, sei unbesorgt.“, fuhr er fort - und holte einen Schemel herbei, damit die Iunia bequemer in den Badezuber steigen konnte:

    “Bitte denke daran, dich später auszuruhen, Domina Proxima. Und denke an mich, wenn du die nächtliche Krankenwache einteilst.“, er warf seiner Herrin einen besorgten Blick zu. Sie war sehr tüchtig, aber obgleich Demetrios und er taten, was sie konnten, lastete ein großer Teil der Arbeit auf ihren Schultern, besonders von dem, was die Taberna betraf. Deshalb sollten weder sie noch der alte Demetrios sich auch noch die Nacht um die Ohren schlagen müssen.


    Tiberios hatte Iunia Proximas Cubiculum mit Poleiminze gegen Ungeziefer ausgefegt; das Holz war mit Orangenöl poliert und zwei Kissen waren mit ausgekämmter und in Pottaschenlauge gereinigten Ziegenhaaren gefüllt worden. – eine römische Dame brauchte seiner Meinung nach Kissen, auch wenn die Hüllen nur aus gewöhnlichen Flachsfasern und nicht aus Seide bestanden.

    Der junge Grieche hoffte, wenn sie ihr Zimmer betrat, würde sie sich über die Aufmerksamkeit freuen.


    Dennoch: Mit der Ankunft von Damocles war ein neues, beunruhigendes, nicht durchschaubares Element in ihr so überschaubares, geordnetes Leben eingezogen, das spürte er so deutlich, als hätte man zu ihm gesprochen. Ob zum Guten oder Schlechten, das wusste nur Tyche. Zunächst aber einmal musste der Neuankömmling leben.

    Anstatt der herbeigerufene Demetrios war es die Herrin selbst, die einen Moment lang in das Cubiculum der beiden Sklaven schaute. Sie ging und als sie nach kürzester Zeit wieder kam, trug sie eine ihrer alten Tunikas. Sie legte Tiberios beruhigend die Hand auf die Schulter.

    Der Sklave erhob sich:

    "Damocles heißt er. Es geht ihm sehr schlecht, Domina Proxima", sagte er und in kaltem Ton, in dem Verachtung für derlei Grausamkeit mitschwang: "Er ist schwer misshandelt worden."


    Mit einem Blick schien die Iunia die Lage zu sondieren und gab Tiberios einige Anweisungen.

    „Sofort, Domina“, antwortete der Grieche und beeilte sich, Suppe in einem tönernen Henkelgefäß, einen Löffel und je einen Krug mit Wasser, Essig und Wein auf einem Tablett aus der Küche zu bringen. Sicherheitshalber hatte er auch saubere frisch gewaschene Leintücher dabei. Er stellte das Tablett auf Demetrios Bett ab.


    Dann füllte er die Waschschüssel nach Domina Proximas Anweisung: Ein Drittel Wasser, ein Drittel Essig und ein Drittel Wein und stellte das Behältnis in ihre Reichweite.

    Damocles stöhnte unterdessen und stammelte: Ich kann nicht, und Tiberios betete einen Moment zu Tyche, dass sie ihn nicht verloren.

    Er sagte: „Solltest du mich brauchen, Domina, ich bin unten auf der Terrasse und fülle den Zuber, bitte ruf nach mir.“, dann verschwand er und überließ den schwer verwundeten Neuankömmling der Pflege der Herrin.

    Damocles nahm die Information über die Iunier nicht auf wie ein Sklave von einem Mitsklaven, sondern wie von...ja, wie eigentlich?, dachte Tiberios: Eher wie ein Vorgesetzter, der sich von seinem Untergebenen Bericht erstatten ließ, aber es ging ihm wirklich schlecht, und während sie einen Schritt vor den anderen setzten, wollte der Grieche den anderen am Sprechen halten, damit er nicht das Bewusstsein verlor:

    "Du warst also frei", sagte er: "Und deine Sprache ist die eines gebildeten Mannes. Was hast du vorher gemacht? Als Odysseus Penelope wieder trifft, erkennt sie ihn nicht und fragt ihn: Tis pothen eis andrón? Pothi toi polis äde tokäes? Wer, woher bist du unter den Menschen? Wo dir Heimat und Eltern? Oh nein, ich frage dich nicht aus, ich will nur, dass du mit mir redest, damit du bei mir bleibst. Du kannst dir etwas ausdenken, mir ist es gleich.

    Ich bin als Sklave geboren, da meine Mutter Sklavin war, das ist richtig. Ich bin mit meinem Stand zufrieden. Wenn ich von Nutzen sein kann, macht mich das auf gewisse Weise sogar glücklich. Wie ist das bei dir? Was verursacht dir das Gefühl von Zufriedenheit?“

    Die Taberna, dachte er... endlich

    Die Ankunft des Damocles


    Sklavenmarkt - Ein Unbekannter >>>


    Das Obergeschoss der Parvus Domus Iunia umfasste den Wohnbereich, der aus insgesamt fünf kleinen cubicula bestand, von denen jeweils eines von Domina Proxima und eines von Dominus Verax bewohnt wurde. Zwei weitere Zimmer waren möbliert und warteten auf zahlende Kundschaft.

    Gegenüber auf der anderen Seite des Flurs lag das fünfte Cubiculum, welches sich Demetrios mit Tiberios teilte.

    Die Kammer beherbergte zwei Betten, ein kleines Tischlein mit einer Waschschüssel und einem Krug, eine Art kleines offenes Schränkchen mit Regal, in dem man Kleinigkeiten ablegen konnte und eine kleine Holztruhe für Gewänder. Es gab sogar ein Fenster, welches auf den Hinterhof führte.

    Wenn man ans Fenster trat, blickte man auf das Dach der Terrasse, auf der die großen zugedeckten Tongefäße für das henqet standen und auch der Badezuber, wenn man ihn brauchte, aufgestellt wurde; weiterhin auf den Verschlag für die beiden Ziegen und den Hühnerstall. *


    Tiberios beschloss, Damocles erst einmal sein eigenes Bett zu überlassen, dort konnte er sich vorläufig ausruhen. Er bedeutete ihm, sich bäuchlings hinzulegen:

    „Keine Angst um die Laken. Mit kaltem Wasser und Nitrum bekommt man Blutflecken heraus, zumindest wenn ich Plinius Erläuterungen dazu glauben möchte.“, sagte er leichthin, aber sein besorgter Ausdruck strafte seiner Munterkeit Lügen.

    Er öffnete den beweglichen Teil der Fensterscheibe, da er hoffte, dass sich Demetrios irgendwo in der Nähe aufhielt.

    „Demetrios!“, rief er: „Demetrios, wenn du mich hören kannst, komm bitte nach oben!!“


    Sobald der ältere Grieche auftauchte, würde Tiberios losgehen, um den Badezuber mit frischem Wasser zu richten.

    Zuvor holte er aber noch eine seiner neuen Tunikas aus seiner Truhe, um sie Damocles zu leihen. Mit der, die er jetzt trug, würden nicht einmal mehr die ansonsten so anspruchslosen Ziegen etwas anfangen können.


    Sim-Off:

    *Mit Dank an Iunia Proxima für die exakte Beschreibung der Räumlichkeiten.:)

    Tiberios lächelte erfreut darüber, dass Varenus sein Zitat passend fand. Er war in seiner Jugend zu jener Sorte Sklave erzogen worden, die durch Unterhaltung und ansprechendes Äußeres ihrem Herren zu gefallen wussten; sein Glück war es, dass er die Werke der Autoren tatsächlich zu lieben lernte. Was er wusste, konnte ihm nicht wieder weggenommen; alles andere konnte ihm jederzeit genommen werden. Nicht umsonst verehrte er Tyche, die Göttin des unwägbaren Schicksals.


    Nun interessierte sich der neue Sklave für die Domina, und Tiberios nahm es als gutes Zeichen, dass er sich in sein neues Leben einfügen wollte:

    „Proxima aus dem Geschlecht der Iunier.“, bestätigte er daher bereitwillig: „Und es gibt auch noch ihren Bruder, Dominus Iunius Verax, doch er ist der Praefectus Vehicolorum, hat sehr viel zu tun und du wirst ihn wenig zu Gesicht bekommen."


    Damocles stützte sich auf ihn und gestand ihm, dass Martouf und seine Leute ihn geschlagen hatten, um ihn zu brechen – dabei erntete er einen kurzen forschenden Blick aus den grauen Augen des Griechen:

    „Man musste dich brechen? So bist du kein verna,kein hausgeborener Sklave?“, stellte er fest, brach hier aber ab, weil es dem Anderen nun sichtlich elend ging. Er bemühte sich redlich, Damocles Halt zu geben, indem er den Arm um seine Hüfte schlang und jegliche Berührung seines malträtierten Rücken vermied.


    Das schnellere Atmen, die kloßige Sprache, dies verriet dem jungen Sklaven, dass der Ältere heftige Schmerzen litt. Er hoffte nur, dass er ihm nicht bewusstlos werden würde, denn er war größer und kräftiger und trotz seines schlechten Zustands wohl auch schwerer als Tiberios; er würde ihn nicht nach Hause tragen können.

    So war erleichtert, als die Taberna in Sicht kam, und wie angekündigt führte er Damocles nicht in die Gaststube, sondern die Treppe hinauf in das Obergeschoss der Parvus Domus Iunia.

    „Salve Damocles, so trägst du den Namen nach jenem unglücklichen Höfling des Tyrannen Dionysos, über den Horatius Flaccus schrieb: destrictus ensis cui super inpia cervice pendet, non Siculae dapes....- Wem ein blankes Schwert über dem ruchlosen Nacken hängt, dem werden weder sizilianische Festmähler süßen Genuss verschaffen noch Vogelzwitschern und Saitenklang, antwortete Tiberios mit einem Zitat des römischen Dichters und nahm die Feldflasche zurück.

    Er bemerkte den diesmal ans Attische anklingende Akzent des gebildeten Römers, wenn Damocles Koine sprach, und natürlich wurde des Tiberios Neugier weiter angefacht. Aber der Alexandriner war vorsichtiger als früher, als er sich durch seine Wissbegier ab und zu in unliebsame Situationen gebracht hatte und unterließ es, den Neuen weiter auszufragen:

    „Nun es macht mich froh, dass du nicht mein Feind bist. Ich bin nämlich deiner auch nicht.“, sagte er wieder auf Latein und legte eine Hand aufs Herz:

    „Es ist kein Unglück, wenn du noch nie bedient hast. Du wirst alles in Ruhe lernen können. Domina Proxima ist eine gute Herrin, und in einer Taberna gibt es immer etwas Gutes zu essen.

    Mit dir wären wir drei Sklaven im Haus: Unser Maiordomus heißt Demetrios.“


    Tiberios Stimme nahm einen Moment lang eine weichere Färbung an, den alten Demetrios hatte er nämlich lieb gewonnen.


    Als der Neue das mit den Wunden und dem Waschen sagte, sah der Grieche einen Moment fast zornig aus, aber der Zorn galt nicht Damocles, sondern den Männern, die ihn geschlagen hatten:

    „Welch ein Idiot, wie er dich zugerichtet hat, dieser Martouf. Tut es sehr weh? Kannst du überhaupt laufen?“,

    Tiberios schaute Damocles Rücken aufmerksam an. Der Ältere hielt sich zwar gut, aber womöglich war er hart im Nehmen und unter seiner blutbefleckten Tunika ernsthaft verletzt:

    „Stütz dich ruhig auf mich. Ich bin kräftiger als es den Anschein hat.“, bot der Jüngling an und stellte sich so hin, dass Damocles seine Hand auf seine Schulter legen konnte, falls er Hilfe brauchte:

    „Nimm es mir nicht übel, Damocles, doch in deinem Zustand hätte ich dich auch nicht in die Gaststube gelassen.“, sagte er:

    „Demetrios wird sich deinen Rücken anschauen, er kennt sich mit Hausmitteln aus, und ich richte dir derweil den Wasserzuber im Hinterhof. Es gibt zwar nur kaltes Wasser, aber bei der Hitze nicht unangenehm, und ich hoffe, du nimmst erstmal damit vorlieb, bis du in die Thermen kommst. Und danach möchte Domina Iunia Proxima bestimmt mit dir sprechen."

    Tiberios hatte einen freundlichen Plauderton eingeschlagen. Er hoffte sehr, dass der Andere sein Versprechen halten und mitkommen würde, ohne ihm Schwierigkeiten zu bereiten, und wenn der junge Grieche ängstlich war, neigte er dazu, das durch Reden zu überspielen.


    Tiberios war einen Moment lang automatisch in die Erziehungsmuster seiner Kindertage zurückgefallen, und die hochgezogene Augenbraue seiner Domina verriet ihm, dass ihr das missfiel. Auch wenn Dominus Cerretanus ihm nun mit einem Scherz das Hinsetzen erlaubte, wandte er sich an sie und sprach: "Ich danke dir, Domina, dass ich Platz nehmen darf.", um ihr zu zeigen, dass er ihr gehorsam war, dann setzte er sich, und er war froh, erst einmal zu sitzen.


    Domina Proxima hatte von einem weiten Weg gesprochen, den der Furius gekommen war. Von Caesarea nach Satala, das war weit. War der Optio gekommen, um nachzusehen, ob es dem Griechen gut ging oder um den Furiern ihr Eigentum zurückzuholen? Und spielte das eine Rolle? (Ja, im Gegensatz zu früher spielte es eine Rolle. Wie schnell man sich daran gewöhnen konnte, wie ein Mensch mit Gefühlen behandelt zu werden.)


    Aber dann stellte Dominus Cerretanus einige Fragen über die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, und der Grieche gab Auskunft:

    "Ich war im Auftrag von Domina Stella von Alexandria nach Roma auf einem Schiff namens Nereis Alexandrina unterwegs, und wir wurden von Piraten geentert. Sie nahmen die Kinder und Jugendliche als Sklaven mit. Ich war der Älteste.", einen Moment lang verdunkelten sich seine Augen, als er daran dachte, wie viele Tote es gegeben hatte.*:

    "Ich ging durch mehrere Hände.", schloss er.


    Sim-Off:

    * Diese Geschichte wird hier erzählt.

    Tiberios zuckte zusammen, als der neue Sklave vor ihm ausspuckte und spürte wie sich seine Härchen an den Unterarmen aufstellten, als er dessen kalte Augen genauer sah. Sie erinnerte ihn an die gewisser Reptilien. Als der Mann endlich sprach, tat er das in jenem großartigen akzentuierten Latein, in dem auch ein Cicero seine Reden geschrieben hätte. Tiberios horchte auf, Akzente konnte er recht gut einordnen: Ein Dummkopf war der Neue also nicht und auch nicht unzivilisiert; vielleicht war er einst Diener eines hochgestellten Römers gewesen und hatte dessen Manierismen angenommen. Vielleicht hatte er etwas verbrochen und war in Ungnade gefallen. Sklavenhändler waren verpflichtet, die Mängel ihrer Ware anzugeben, aber oft geschah das einfach nicht.

    Etwas nervös nahm der Grieche seine Ampulla, eine Art Feldflasche, aus dem Beutel und hielt sie dem Sklaven hin. Er erinnerte sich daran, dass man meistens nicht genug zu trinken bekam, dort in der Sonne, auf der Bühne.

    Der Mann wirkte ungezähmt, misstrauisch in der Falle wie ein wildes Tier.

    „Ich heiße Tiberios“, sagte er dabei und wechselte absichtlich von Latein ins griechische Koine.: „Und du heißt?“ Vielleicht hatte er einen Namen, oder etwas, was ihn an die Zeit erinnern würde, als er wie ein Mensch behandelt worden war. Domina Proxima konnte gar nicht anders. Aber unter all den kleinen Hühnereiern gab es nun ein Schlangenei, und Tiberios nahm sich vor, wachsam zu sein. Er würde seine Domina beschützen, soweit er konnte:

    "Wir gehen zu der Taberna "Aus der Hand von Schesmu", dort ist dein neues Zuhause."

    Tiberios wollte seine Schale auf den Tisch stellen und sich setzen, aber dann sah er den Gast genauer an: Groß, durchtrainiert und grauäugig, und er erkannte ihn sofort: Dominus Cerretanus von den Urbanern, der Cousin seiner Herrin. Er war immer gut zu ihm gewesen.

    Er hatte ihm nach Satala geschrieben, ohne etwas zu fordern, denn das stand ihm nicht zu. Ein Lebenszeichen hatte er geben wollen. Er hätte nie geglaubt, dass der furische Herr persönlich aufkreuzen würde, um nach ihm zu suchen, aber hier saß er nun leibhaftig in der Schankstube mit Domina Proxima am Tisch. Er war ein Bote aus einer Vergangenheit, die Tiberios in die Weiten seines Gedächtnis verbannt hatte. Warum sich an etwas erinnern, was man nicht wieder haben konnte?


    Doch plötzlich war Roma wieder präsent, sogar das Licht, die Gerüche, die Stimmen: Die Casa Furia, die stillen Räume, die in gediegenem Wohlstand eingerichtet waren, die Bibliothek mit den vielen Schriftrollen , und der warme Blick seiner Domina Stella wenn er etwas gut und richtig gemacht hatte. Auch andere Menschen und Orte gehörten zu dem Bild: Er hatte sie geliebt, um sie gelitten, sich mit ihnen gefreut: er hatte mit ihnen gelebt.


    Tiberios hielt in der Bewegung inne, mit der er sich setzen wollte, er blieb stehen. Der furische Haushalt war standesbewusster als sein jetziger gewesen, und nun erinnerte er sich wieder an die alten Regeln. Aus Tibi wurde Tiberios, der Maiordomus. Er aß nicht mit den Römern zusammen, nur zu den Saturnalia tat er das.


    „Salve Dominus Cerretanus“, grüßte er und verbeugte sich tief. Eine andere Regel war, nie zu sprechen, bevor man nicht angesprochen wurde. Er merkte, dass ihm die Knie anfingen, zu zittern. Aber er behielt Haltung, und dann schaute er zu Domina Proxima und dachte an den alten Demetrios. Und dann wusste er gar nicht mehr, was er gerade wollen wollte.

    Er würde einen aussässigen Sklaven nie für 250 verkaufen können. Dieser musste ja erst gebrochen werden. "Ich gebe dir einen Rabatt. 200 und er gehört dir...," sprach er und wollte diesen Unbeugsamen schnell loswerden. Der geschlagene Sklave Tiberius hielt sich inzwischen ohne Hilfe der Wächter aufrecht, auch wenn sein Stand gebeugt war.

    Tiberios jedoch zögerte. Er verstand sich nicht aufs Kämpfen, aber er hatte in seinem Leben Kämpfer gesehen, und der Hieb mit dem Ellenbogen, den der Sklave dem Händler verpasst hatte, hatte gesessen. Zielgerichtete, kalte Wut lauerte in dem Mann, und die Schläge, die als Strafe auf ihn hereingeprasselt waren, nahm er mit stoischer Haltung hin.

    Er selbst, Tiberios, würde keine Chance haben, falls die renitente Neuerwerbung ihn angreifen und davon laufen würde.

    Der Grieche schaute seine Domina zweifelnd an: "Ja, Domina" und fragte dann den Sklaven:

    "Wirst du auf zivilisierte Weise mit mir kommen, oder....?"

    Er vollendete den Satz nicht. Das Oder war ihm genauso zuwider, wie es Iunia Proxima zuwider war: Es bedeutete: ...oder willst du weiterhin behandelt werden wie eine wilde Bestie?






    Es war an einem anderen Tag. Tiberios hoffte sehr, dass Demetrios ihn endlich in das Geheimnis der Henqet- Herstellung einweihen würde, weshalb er sich mit dem Einkaufen beeilt hatte. Wie zuvor schon trat er rasch in die Gaststube und winkte: "Salve Domina Proxima! Ich habe alles bekommen, was du gewünscht hast, und Athenais hat mir sogar zugelächelt."


    Seine Domina saß am Tisch mit einem Gast, den er nicht erkannte. Sie schienen zu warten.... auf ihn?

    "Ich wasche mir rasch die Hände, und dann komme ich bedienen, ja?", sagte der Grieche und lief in die Küche, in der er auch die Einkäufe abstellte.

    Mit zwei Brotkörbchen, zwei Tellern und Löffeln kehrte er zurück und näherte sich Domina Iunia Proxima und dem Unbekannten....