Beiträge von Valeria Maximilla

    Valeria Maximilla wagte ein ganz kleines Lächeln zu der Virgo Vestalis Maxima, deren mütterliche Art schon bei der Vorbesprechung im kaiserlichen Palast ihr Herz gewonnen hatte.

    Sie tat, was man sie geheißen hatte: Sie schritt zum Lotusbaum inmitten des Atrium Vestae, kniete sich auf den Boden und

    beugte den Nacken nach vorne. Ihre schweren Locken kitzelten sie im Kragen.

    Maximilla wusste, was nun kam: Man würde sie ihrer Haarpracht berauben. Wie jedes Mädchen war sie auf ihr langes Haar immer stolz gewesen. Aber sie sollte ja ihr altes Leben ganz und gar hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen.

    Valeria Maximilla spürte die Hand des Augustus auf ihrer Schulter.

    All die Besucher verschwammen zu einem einzigen fleckigen Hintergrund, die Vestalinnen zu einem Block aus strahlendem Weiß wie ein Kristall.

    Sie fühlte keine Furcht, nur Hingabe an Vesta, die sie in ihren Dienst rief. Ihr Gemüt war klar und rein wie ein Bergsee; und später sollte sie sich immer an diese Stunde erinnern.

    Valeria Maximilla ließ die Hand ihres Vaters los, trat nach vorne vor die Reihe der Vestalischen Jungfrauen und des Pontifex Maximus.

    Sie streckte ihre rechte Hand aus und wartete. Äußerlich ganz still war sie, obwohl ihr vor Aufregung und vor Stolz das Herz bis zum Halse klopfte.

    Valeria Maximilla sah hinüber zu den strahlenden Vestalinnen, die ihr wie ein Tribunal von Göttinnen erschienen und dem Pontifex Maximus, den Caesar Augustus.

    Sie senkte den Blick und fühlte, wie ihre braunen Locken ihr über die Schultern bis zur Hüfte fielen und dachte, dass das die letzten Momente waren, in denen sie das Gewicht ihres langen Haares tragen würde.

    3260-valerius-maximus-1-jpg Lucius Valerius Maximus


    Valeria Maximilla trat mit ihrem Vater Lucius Valerius Maximus an der rechten Hand durch den Haupteingang ein, zu ihrer Linken schritt Tiberius Valerius Flaccus, Pontifex Minor und ihr Cousin. Sie trug eine wollene lange Tunika und hatte ihre Haare locker hochgesteckt; ihre Wangen waren gerötet vor Stolz und vor Freude.

    Daher hielt ich mich ganz weit vorne im Block des normalen Volkes auf, so dass Maximilla, falls ihr dies möglich war, mich hätte sehen können

    Stella fiel ihr zuerst ins Auge, und sie löste sich von ihrem Vater, um zu ihr hinzuhuschen und sie zu umarmen.

    "Liebe Stella, ich freue mich so, dass du gekommen bist.", flüsterte sie:"Ist denn dein Florus auch da?"

    Bestimmt stand er zusammen mit den Amtsinhabern auf der linken Seite.

    Dann ergriff Valeria Maximilla wieder fest die Hand ihres Vaters. Sie wusste natürlich, wo sie während der Zeremonie stehen musste: Ganz vorne, vor dem Angesicht der Vestalischen Jungfrauen und des Pontifex Maximus. Alle Blicke würden ihr gelten. Sie jedoch würde nicht als private Maximilla dort stehen, sondern als die Jungfrau, die die Göttin in ihren Dienst berief.

    Lucius Valerius Maximus steuerte einen Platz auf der Seite an, der für die nächsten Verwandten, Mitglieder des Pontificium, Senatoren und hohe Beamte reserviert war.

    Valeria Maximilla blieb so stehen, dass sie merken würde, wenn man ihr das Zeichen gab, vorzutreten.

    Sie sah unter die Vestalinnen an. Alle waren traditionell gekleidet, alle von hehrer Schönheit. Wer von ihnen würde wohl ihre Lehrerin Decima Messalina sein?

    "Ich bin froh, dass du dabei sein wirst.", sagte Maximilla. Das Vertrauen ihres Cousins, dass sie alles richtig machen würde, rührte sie. Sie sprach:

    "Ich will dir noch einmal für all das Gute danken, das ich in deinem Haus erfahren durfte. Für die neuen Sachen und die viele Bildung." Sie seufzte ein wenig, denn all das war nicht immer leicht in ihren Kopf gegangen:

    "Kümmerst du dich bitte um meinen Sklaven Remigius. Ich werde ihn nicht als Leibsklaven mitnehmen können, er ist doch ein junger Mann. Ich habe ihm etwas Geld geschenkt und alles, was ich entbehren kann, aber ich glaube, er ist trotzdem traurig.

    Dann bis morgen."



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    Da sich der Wolfshund nicht beruhigte, sondern sein Bellen immer aufgeregter klang (freudig aufgeregt, fand Maximilla) warf sie sich eine Stola über und steckte den Kopf durch einen Türspalt des Cubiculums.

    Sie konnte kaum glauben, wessen Stimme sie vernahm, und diese letzten Tage, die so reich an wunderbaren Dingen waren, gaben ihr noch ein weiteres Geschenk: Ihr Vater war hier in Rom.

    "Vater!", rief sie aus und stürzte ihm in die Arme, das hieß, sie versuchte es, denn Lucius Valerius Maximus war kein Freund großer Gefühlsausbrüche.

    Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn: "Salve filia mea", sprach er, hielt sie etwas von sich weg und meinte:
    "Du siehst gut aus und bei den Göttern, ich glaube, du bist etwas gewachsen! "

    Maximilla war daran gewöhnt, dass ihr Vater eher nüchtern im Umgang mit Menschen war - war sie doch mit den Lehren des alten Cato aufgewachsen.

    "Du kommst rechtzeitig.", flüsterte sie: "Ich bin so froh, dass du ebenfalls bei meiner Captio dabei sein wirst. Sag mir, hast du Adalheidis mitgebracht?"

    Der Vater schüttelte den Kopf:
    "Sie kommt nicht in das Sommerland, wie sie es nennt.", antwortete er: "Aber ich bin mir sicher, dass sie an dich denkt. Meinst du, ich kann etwas zu essen haben oder ist es schon zu spät?"

    "Vater, wo habe ich meinen Kopf? Natürlich!" Valeria Maximilla klatschte in die Hände und gab den Sklaven, die sich mittlerweile im Atrium eingefunden hatte, Anweisungen, Speis und Trank und außerdem das Gästezimmer herzurichten.

    "Und Wölfchen hast du noch, höre ich.", sagte der Vater: "Was ist mit dem Raben?"

    "Oh, den habe ich auch noch.", antwortete Maximilla: "Außerdem einen Kater aus Aegyptus, er heißt Kersas."

    Einen Moment hielt Lucius inne:
    "Bist du glücklich?", fragte er: "Ich meine mit deinem Schicksal?"

    Maximilla nickte. Ja, sie war heute glücklich.

    Lucius tätschelte ihren Arm: "Tiberius, lieber Junge!", rief er.

    " In einer Villa Rustica in der Civitas Aquensis"* , gestand Maximilla mit dem Kopf nickend: "Ich war als Kind sehr kränklich, und mein Vater meinte, die gute Luft und das raue Leben würden mich kräftigen. Man sieht, es hat gewirkt. Die Germanen sind ja auch so kräftig, obwohl sie keine Hypocaustenanlagen oder Thermen haben. Und hochgewachsen sind sie."

    Etwas klein geraten war Maximilla zu ihrem Kummer, doch sie war wirklich niemals krank:

    "Und du warst also in Mogi stationiert? ", fragte sie:

    " Vermisst du das Land manchmal...die Weite und die Stille? Die Urbs scheint ja überhaupt nie zu schlafen."

    *

    Sim-Off:

    Genau hier

    Valerius Maximus (1).jpg


    Es war schon spät am Abend, als sich ein Mann in einer Panuela mit hochgeschlagner Kapuze der Casa Valeria näherte.

    Im fahlen Licht der bronzenen Lanterna, die er mit sich trug, glänzte das Kleidungsstück, da der Träger es zum Schutz vor Regen tüchtig mit Talg eingerieben hatte. Ein dementsprechender Geruch ging davon aus.

    Der nächtliche Besucher hob die Hand und pochte dreimal an die Porta. Von draußen hörte er, wie ein Hund anschlug.

    "Wölfchen", sagte er halblaut zu sich selbst: "Den gibt es ja immer noch."

    Jetzt wurden Geräusche hörbar und jemand schob den Riegel beiseite. Das war Demetrios, der Ianitor. Unsicher blinzelte er hinaus und konnte das Gesicht des Ankömmlings nicht erkennen, da dieser die Laterne so hielt, dass er geblendet wurde:

    "Wer ist da?", fragte er.

    Der nächtliche Besucher beugte sich vor: "Demetrios, ich bin es: Lucius Valerius Maximus.", sagte er gelassen: "Es wäre zu freundlich, wenn du mich einlassen würdest."

    "Sofort, Dominus Valerius, solch eine Freude!", sagte der Ianitor und beeilte sich, die Tür zu öffnen. (Lucius bevorzugte, dass Fremde ihn einfach Valerius nannten. Sein Cognomen Maximus war zwar ein altes Cognomen der Valerier, aber zu leicht konnte man es mit einem militärischen Titel verwechseln, und mit fremden Federn schmückte er sich nicht.)

    "Ich wollte einmal wieder nach dem Stammhaus der Gens sehen.", sprach Lucius und schaute sich um: " Und mein Neffe, wie geht es ihm? Und der jungen Dame, ist sie wohlauf? Eine gewisse junge Dame möchte ich vorrangig sehen, deshalb bin ich gekommen."

    Der Ianitor nickte: "Alle wohlauf, Dominus Valerius, den Göttern sei Dank.", antwortete er.


    Lucius drückte sein Reisebündel dem Ianitor in den Arm und legte scherzhaft die Hände wie einen Trichter vor den Mund:

    " Maxi!", rief er: "Tiberius? Wo seid ihr? Onkel Lucius ist hier!"

    Vorbereitung zur Captio


    Valeria Maximilla hielt es nicht aus, zuerst anzuklopfen; sie stürmte auf ihre rasche Art hinein und rief nach ihrem Cousin:

    "Tiberius! Tiberius! Schau, was gekommen ist!", rief sie aus und schwenkte den Brief der Virgo Vestalis Maxima. Dann besann sie sich jedoch darauf, dass man von ihr Zurückhaltung und Würde erwarten würde.

    "Tiberius?", sagte sie ziemlich kleinlaut: "Du kommst doch Morgen mit mir, nicht wahr?"

    Remigius, Maximillas jugendlicher Sklave, hatte seiner jungen Domina den Brief gebracht. Maximilla drückte ihn an ihr Herz, das so schnell klopfte. Ihre Wangen glühten vor Aufregung: "Oh, ich muss Tiberius Bescheid sagen!", rief sie und rannte in die Bibliothek, in der sie ihn hoffte, anzutreffen.


    >>> Bibliothek


    Valeria Maximilla sah freundlich drein und sagte: "Ich freue mich, euch kennen zu lernen, Florus Minor und Saturninus.

    Ich hörte, dass ihr gerade über Germanien gesprochen habt. Dort habe ich meine Kindheit verbracht, von

    Mogontiacum sieben Tagesreisen entfernt. "

    Sie dachte einen Moment an Weite; an düstere Wälder, an das Heulen der Wölfe, an einen dünnen Sichelmond am dunklen Himmel; an das Geräusch zerborstenen Eises unter ihren Fußsohlen; an Schnee im Winter und krächzende Raben.


    Sie schaute Lucius Annaeus Florus Minor an: "Wie hat es dir gefallen dort?", fragte sie gespannt.

    Valeria Maximilla fühlte den sanften Händedruck der Virgo Vestalis Maxima und hörte ihre Stimme, die ihr mütterlich und weise erschien. Ihre Worte waren freundlich und mitfühlend, und sofort fühlte sich die Valeria zu der Vestapriesterin hingezogen.

    Wieder überlegte sie, was sie antwortete:

    "Von körperlicher Lust weiß ich nichts, o Virgo Vestalis Maxima. Die Jahre werden mir nicht einsam werden, da ich in der gütigen Vesta Dienst stehen darf. Ich werde mich mit all meinen Kräften anstrengen, zu lernen und zu dienen, wie es richtig ist."

    Sie schaute mit ihren braunen Augen die Oberste der Vestalinnen an. Tiefe Ernsthaftigkeit lag in ihrem Blick. An einen Verstoß wollte sie gar nicht denken, so etwas dufte nie geschehen.

    "Ich komme mit Ehrfurcht und Freude.", fügte sie ihren Worten hinzu.

    "Salve Lucius Annaeus Florus Minor", grüßte Maximilla:

    "Ich freue mich, dich kennen zu lernen." Hatte sie nicht eben das Wort "Germania" gehört? Sprachen die Herren davon? Florus Minor war so lange dort gewesen; was dachte er über das Land, in dem sie aufgewachsen war?

    Den anderen Herren, der sich noch nicht vorgestellt hatte, bedachte sie mit einem zurückhaltenden Blick.

    Oh, das ist ja aber fast als wäre dir die Göttin selbst erschienen, wenn sie dir ein so deutliches Zeichen gibt. antwortete ich auch die schöne Geschichte, wie die junge Valeria ihre Bestimmung scheinbar so deutlich gefunden hatte. Es freut mich wirklich, dass du schon so kurz nach unserem letzten Gespräch auch Klarheit über deine Zukunft erhalten hast. Das ist wirklich schön und als Vestalin wirst du deine Familie ganz bestimmt mehr als nur stolz machen. Das ist eine riesige Ehre!


    Als die junge Valeria darauf meine Hand nahm, drückte ich sie fast schon zärtlich. Die Frage nach einem Becher Rhodomeli verneinte ich freundlich, ich war eher der Typ für Wein mit viel Wasser. Das Honiggetränk war mir zu süss.

    Nein danke, Maximilla, ich nehme lieber einen Wein. Und schau, da drüben ist Annaeus Florus, ich möchte dich ihm gerne vorstellen.

    "Ich freue mich sehr, ihn kennen zu lernen.", flüsterte Maximilla. Das tat sie wirklich, schon weil Florus ihre Freundin glücklich zu machen schien, was sie an ihren leuchtenden Augen und ihren rosigen Wangen erkannte.

    Zwei weitere Mundschenke kamen, der eine trug Wasser in einer gläsernen Karaffe, der andere Wein. Die Valeria wartete ab, ob Iulia Stella etwas davon nehmen würde.

    Der ihr gezeigte Annaeus Florus sah sehr gut und nobel aus und unterhielt sich mit einem anderen Mann, der dunkle Haare und Augen hatte.

    Valeria Maximilla ließ ihrer Freundin den Vortritt mit dem Reden.

    Nun wurde die Valeria direkt von dem gestrengen Pontifex mit einer in geschliffenem Latein formulierten Frage angesprochen, und sie überlegte ernst, wie sie antworten konnte.

    Sie wollte aufrichtig sein und sich nichts ausdenken, aber sie wollte auch nicht mit einer unüberlegten Erwiderung herausplatzen, was manchmal ihr Fehler war, besonders wenn sie nicht alles richtig verstand.

    Sie antwortete:

    "Ich lebte mein Leben fernab der Stadt und wusste nicht viel. Ich kam nach Rom, und hier habe viel gelernt. Danke an dieser Stelle meinem Cousin Tiberius Valerius Flaccus.

    Und dennoch: Nicht das bunte Leben in dieser Stadt, nicht einmal das, was ein Mädchen normalerweise ersehnt: Einen Gatten und Kinder, war das, was ich schlussendlich ersehnte.

    Nun denke ich, dass mein hochverehrter Vater Lucius Valerius Maximus schon lange vor mir ahnte, was meine Bestimmung sein sollte.

    Und als ich Bescheid bekam über diese Captio, war es mir, als sähe ich eine reine weiße Flamme und all meine Zweifel waren
    aus meinem Herzen verflogen. Gütige Vesta, ich bitte dich, nimm mich in deine Dienste, dachte ich.

    Ich gehe mit Freuden, Pontifex, mit Freude weihe ich mein Leben dieser Bestimmung.“

    Valeria Maximilla sprach leise, aber nicht ängstlich und bei den letzten Worten lächelte sie zaghaft.

    "Du hast recht, Stella, es ist einfach so auf dem Land, dass man selbst nachsieht, wenn es irgendwo scheppert, aber hier gibt es garantiert eine Menge Sklaven für so etwas.", sagte Valeria Maximilla. Auf die Frage der Freundin schüttelte sie den Kopf:
    "Nein, die Göttin ist mir nicht erschienen. Es ist eher so, dass ich die ganze Zeit voller Zweifel und Unruhe war, und als dann der Brief des Pontifex Maximus kam und Cousin Tiberius mich darüber informierte, da kam so eine Ruhe über mich, als würde ich in die klare weiße Flamme einer Kerze schauen und als würde sich ein dunkler Schleier lichten, und ich sähe direkt ins Tageslicht. Da wusste ich, dass ich Vesta dienen will."

    Sie nahm Stellas Hand:
    "Egal, wer oder was ich werde; ich werde lebenslang deine Freundin bleiben.", sagte sie. Sie mochte die ruhige, freundliche hübsche Iulia Stella sehr gerne.

    Ein reizender großäugiger Mundschenk mit einem Tablett voller Becher Rhodomeli kam vorbei, und die Valeria griff zu; den süßen Rosenhoniggeschmack mochte sie:

    "Du auch einen, Stella?", fragte sie.