Beiträge von Nero Germanicus Ferox

    Ferox blickte schockiert an sich herab, als Lurco sagte, Scato solle ihn sich anschauen. Er sah dürr aus und trug seine Schlaftunika, doch ansonsten?! Lurco zerrte Scato sogar am Arm weg, obwohl der ebenfalls anwesende Miles Medicus, der immerhin ein Unteroffizier war, gesagt hatte, Lurco solle gehen! Ferox wurde blass und kippte vor lauter Stress rücklings um - genau zurück ins Bett.

    Es klopfte und Ferox trat ein. Die Stube war mit deutlich mehr Leuten vollgestopft, als eigentlich hierher gehörten. Vor lauter Milites konnte er kaum treten. Und der kleine Frugi mittendrin! Ferox salutierte. Inzwischen sah es wieder ganz passabel aus, was er so trieb, von dem Mehlstaub auf seiner Tunika abgesehen. Er hatte Pupillus beim Kochen geholfen.


    "Tiro Germanicus Ferox meldet sich wie befohlen!"

    Auf das freundliche Lächeln hin vergaß Ferox, dass er eigentlich fortan etwas strenger wirken wollte. Er verzichtete darauf, in den Habseligkeiten und der Wäsche des Mannes herumzuwühlen. Das war einfach nur ein Reisender mit zu wenig Geld, um sich einen Sklaven zu leisten, der ihm die Taschen trug. Er besaß ja nicht mal einen Esel, auf dem er hätte reiten können ... Ferox´ Gesichtsausdruck wurde von Bedauern erfüllt.


    "Als ich nach Rom kam, war ich fast so mittellos wie du", plauderte er leutselig. "Aber ich hatte wenigstens ein altes Maultier, meine treue Vespa. Rom kann die Geschicke der Menschen ändern!" Dass er immer noch nahezu mittellos war, verschwieg er, um den Annaeus nicht zu demotivieren. Diese Stadt konnte die Treppe hinauf in höchste Kreise sein, aber auch hinab in den Abgrund führen. Damit, dass er sich an Ort und Stelle hielt, machte Ferox vermutlich wenigstens nicht alles verkehrt. Er winkte den Annaeus weiter.


    "Wünsche viel Erfolg. Gute Weiterreise und angenehmen Aufenthalt!"

    Ferox hatte Torwache. Er kränkelte noch, war aber froh, sich wieder nützlich zu machen. Die Kameraden beobachteten etwas hilflos seine gute Laune. Voll des Überschwangs vom Guten ausgehend, begrüßte er die Neuankömmlinge und winkte die meisten nach einer kurzen Blickkontrolle mit den besten Wünschen durch. Einmal mussten seine Kameraden einschreiten, weil er zwielichtigem Gesindel einen guten Aufenthalt wünschte - ein Blick unter die Plane von deren Karren offenbarte dann etliche Weinamphoren eines namhaften Winzers im Umfeld der Stadt, deren Diebstahl kurz zuvor gemeldet worden war. Sie winkten den Karren von der Straße auf die Wiese, um alles Weitere zu klären. Camerinus warf Ferox einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts. Ferox nahm sich vor, nun etwas strenger zu sein, als er zum nächsten Mann ging, während die Kameraden sich um das Diebesgut und dessen vermeintliche Besitzer kümmerten.


    Er wollte gerade nach Namen und Anliegen fragen, da antwortete der Mann auch schon. Ferox, noch etwas langsam im Denken nach der langen Krankheit, blinzelte, um die Information zu verarbeiten. Sein Blick fiel auf die zwei Ledertaschen. Der Mann wirkte vollkommen harmlos, doch Ferox war augenscheinlich nicht sonderlich befähigt darin, so etwas einzuschätzen.


    "Salve, Annaeus. Bitte einmal die Taschen öffnen", bat er und versuchte, dabei nicht ganz so freundlich zu schauen wie sonst, was gar nicht so einfach war mit so guter Laune. "Am Südhang vom Esquilin gibt es eine Stadtvilla namens Domus Annaea. Ich nehme an, dass du die suchst. Das ist dort in die Richtung." Die Häuser der wichtigsten Gentes waren den Cohortes Urbanae bekannt. Ferox zeigte in die ungefähre Richtung.

    "Die Germanen sind gar nicht so übel, wenn sie nicht auf der anderen Seite der Schlachtlinie stehen", fand auch Ferox. "Wo hast du welche kennengelernt? Oben, bei der Legio II?"


    Er aß noch etwas.


    "Dass ich nur ein kleiner Tiro bin, habe ich denen auch gesagt. Vielleicht wollten sie aber meine Familie erpressen? Da wäre der Rang egal. Ich weiß es nicht. Derjenige, unter dessen Kommando ich gefangen wurde, kam in einer der endlosen Straßenschlachten um. Sein Nachfolger wusste mit mir nichts anzufangen. Die Germanicer zu erpressen war ihm zu heiß und mit den CU wollte er sich auch nicht offen anlegen. Aber um mich zu beseitigen, war ich ihm dann scheinbar auch zu wertvoll. So bewahrte er mich auf wie eine Konserve. Für den Fall der Fälle, dass er mich doch noch mal braucht."

    "Salve, ich bin Nero Germanicus Ferox! Selbe Baracke, nur eine Tür weiter."


    Früher war das anders gewesen, aber ihm war mitgeteilt worden, dass die verbliebenen Tirones aus seinem Contubernium neu verteilt worden waren. Ferox spazierte in die Stube und schaute sich um. Sein Blick blieb auf der Wandbemalung haften. Jemand hatte dort lauter nackte Götter verewigt, deren Köpfe jedoch wenig mit der gewohnten Darstellung gemein hatten.


    "Diese Götter sehen komisch aus", fand er. "Fast wie lebende Personen."

    "Mit Antias werde ich nie wieder unterwegs sein. Die Götter rufen nur die Besten zu sich."


    Ein kläglicher Versuch, das Thema weniger emotional zu gestalten, aber er wollte Frugi nicht die Hucke volljammern. Wenn er an seinen Bruder dachte, kamen ihm immer noch die Tränen, aber das musste in der Öffentlichkeit nicht sein. Ferox´ Blick wanderte über die Teller und Schüsseln der wenigen Gäste.


    "Ich brauche was Süßes ... Puls mit Früchten und Honig!"


    In seiner Zeit der Gefangenschaft hatte er abartigen Hunger leiden müssen und am unerträglichsten war der Heißhunger auf etwas Süßes gewesen. Damit wollte er sich nun den Wanst vollschlagen. Er war auf dem Weg der Besserung und würde das Valetudinarium hoffentlich bald verlassen können. Nachdem sie ihr Essen erhalten hatten, suchten sie sich ein lauschiges Plätzchen in der Nähe einer Feuerschale.


    "Du bist ziemlich dürr", tadelte Ferox, der üppige Hausmannskost gewohnt war. Seine Mutter war eine kräftige Frau gewesen, die stets dafür sorgte, dass Mann und Sohn ordentlich speisten, wenn sie daheim waren. Momentan war er selber noch recht knochig, doch er hatte nicht vor, es zu bleiben. Er hatte Glück, dass die Puls heiß war, sonst hätte er sie viel zu gierig heruntergeschlungen. Erst nach einigen Löffeln sprach er weiter.


    "Tirones dürfen die Castra ja eigentlich nicht verlassen ... ich hatte es trotzdem getan. Mir war nicht so gut und ich wollte nicht die Capsarii belästigen wegen ein bisschen Husten. Drum bin ich in die Stadt, um einen Medicus zu suchen. Außerdem hatte Antias einen Kameraden, der hatte Probleme, ich wollte in Erfahrung bringen, ob man dem nicht helfen kann."


    Andere stahlen sich davon, um die Tabernae oder Lupanare unsicher zu machen, Ferox verließ das Lager, um Kräuter zu kaufen. Er überlegte, wie der standhafte Kamerad gehießen hatte ... Fimbria war es nicht gewesen. Fimbria war der Große.


    "Unterwegs wurde ich niedergeknüppelt und dann verbrachte ich die nächste Zeit in einem Kellerloch."

    Ferox, seit jeher etwas näher am Wasser gebaut als der Durchschnitts-Urbaner, lächelte, um seine Bestürzung zu überspielen. Cappadocia! Das war doch der letzte Winkel des Imperiums! Dort redeten die Leute Griechisch, bauten komische Türme und niemand verstand sie. Zumindest Ferox war beim Griechischunterricht immer der Schlechteste gewesen. An diesen merkwürdigen Ort sollte einer von ihnen nun versetzt werden. Ein Urbaner, nach Cappadocia.


    "Na, dann wünsche ich dir viel Erfolg und viel Glück!"


    Gerade hatte Ferox das Gefühl, dass sein Leben von Abschieden gezeichnet war. Auch wenn dieser ein guter Abschied war, denn der Optio hatte freiwillig um die Versetzung ersucht, weil irgendetwas ihn in die Ferne rief. Jeder wusste, dass man Wanderer nicht aufhalten durfte.


    "Und eine gute Reise. Von Herzen. Wenn du eines Tages wiederkehrst, dann bitte gesund."


    Nachdem sie sich verabschiedet hatten, legte Ferox sich wieder ins Bett.


    Sim-Off:

    Da du schon in Cappa bist, beende ich das hier mal. Ferox hat sich gefreut, dass Cerretanus sich persönlich verabschiedet hat. :)

    Stimmt, er war nicht im Dienst, er war ja momentan nicht einmal tauglich. Etwas beschämt gab Ferox seine Haltung auf.


    "Du wirst mich nicht ausbilden?", fragte er bekümmert.


    Er hatte Frugi und Pupillus zum Stand der Dinge gelöchert. Cerretanus galt als umgänglicher Optio mit einem Hang zu Überraschungen. So war Ferox von einer Übung berichtet worden, bei der die Milites mit Möbeln bombardiert worden waren - wie gern wäre er dabei gewesen, genau wie bei der Parcousübung im Stockfinsteren. Das Nützliche mit ein wenig Spaß zu verbinden war eine Kunst, die Cerretanus beherrschte.


    "Und wer wird jetzt neuer Optio? Wohin gehst du überhaupt?"


    Es gab viele Gründe, die CU zu verlassen, von Verletzungen bis hin zu Heiratswünschen war alles dabei. Ferox ging all das nichts an, aber Fragen tat er trotzdem.

    In der Tat war Ferox auf dem Weg der Besserung, wozu nicht nur die Pflege und das gute Essen, sondern auch die Bemühungen von Frugi beitrugen, der ihm mit seinen Besuchen die schwere Zeit der Trauer um seinen Bruder leichter machte. Ferox war niemand, der gern in Schwermut brütete und gab sein Bestes, um zur eigenen Genesung beizutragen, indem er artig alle Anweisungen der Capsarii befolgte, gut aß und kleine Spaziergänge in der Castra unternahm. Er hoffte, bald wieder für diensttauglich erklärt zu werden. Auch wenn die erste Zeit in seinem Zustand hart werden würde, so würde ihm ein geregelter Alltag helfen, wieder seinen Platz im Leben zu finden.


    So traf Cerretanus ihn in seinem Zimmer, wie er gerade ein paar einfache Leibesübungen absolvierte. Als der Optio eintrat, erhob Ferox sich vom Boden und salutierte. Nur das Strammstehen wirkte etwas mau.


    "Salve, Optio! Mir geht es gut!"

    Der mitleidige Blick sorgte dafür, dass Ferox sich ein wenig unwohl fühlte, weil das hieß, dass er so erbärmlich anzusehen war, wie er sich fühlte. Sonst hatte er mit seinem Gewicht eher in die andere Richtung zu kämpfen. Vermutlich bedeutete das aber auch, dass er bald wieder die alte Wuchtbrumme war. Eine Einladung zum Essen kam ihm mehr als Recht, besonders mit seinem alten Kameraden zur Gesellschaft.


    "Dazu sag ich nicht Nein! Was haben sie heute im Angebot?"


    Guter Dinge begleitete er Frugi nach draußen. Zwar im Schneckentempo, aber auf seinen eigenen Beinen und ohne Krücke.

    Ferox war in der Tat ins Träumen geraten, was an seinem gesundheitlichen Zustand lag. "Da lang", rief er dem Mann noch nach und zeigte in die entsprechende Richtung, doch vermutlich hatte der ihn nicht mehr gehört. Auch Fango stand sich schon eine Weile die Beine in den Bauch. Vielleicht war der Zeitpunkt verschoben worden oder er hatte schief gelesen? Da ihm seine Wartezeit angemessen erschien und sich partout nichts gerührt hatte - es waren außer dem Fragesteller keine Kameraden eingetroffen - verließ er den Exerzierplatz wieder, um sich zu erkundigen, wann und wo er sich denn nun tatsächlich einzufinden hatte.

    Ferox lächelte gequält.


    "Ich bin der wandelnde Grund dafür, warum Tirones keinen Ausgang bekommen sollten. Ich wurde bei einem Ausflug entführt und habe die letzte Zeit in einem Keller verbracht. Meine Entführer wollten irgendwen mit mir freipressen, haben es sich dann aber anders überlegt und mich aufgespart. Irgendwas ist jedoch geschehen, vielleicht einer der Bandenkämpfe, der alles durcheinander gebracht hat, sodass ich abhauen konnte. Warte, ich gebe kurz Bescheid."


    Er stakste zu einem Capsarius, meldete sich für einen Spaziergang ab und kehrte zu Frugi zurück.


    "Wir können. Inzwischen bin ich ja wieder halbwegs vorzeigbar." Zwar kränkelnd, aber gepflegt, sodass er sich nicht mehr zu schämen brauchte.

    Ferox hörte, wie jemand seinen rief. Die Stimme kam ihm vertraut vor. Ein wenig Vertrautheit hatte er nie so sehr gebraucht wie jetzt.


    "Hier", antwortete er heiser.


    Er war gut gepäppelt worden, aber sein Hals fühlte sich noch kratzig an. In seiner Schlaftunika und mit klappernden Holzschlappen an den Füßen schlurfte er auf den Gang. Ferox starrte den Mann an, den er dort sah und sofort erkannte. Das war Frugi! Der kleine Frugi! Dabei wirkte er gar nicht mehr so klein, wie er ihn im Gedächtnis hatte. Überglücklich ging Ferox zu ihm und drückte ihn herzlich an sich. Dass Frugi inzwischen Optio war, war noch nicht zu ihm durchgesickert. Er war einfach froh, seinen Stubenkameraden nach so langer Zeit gesund und munter wiederzutreffen.


    "Frugi, du alte Socke, wie geht´s? Jetzt wird alles gut."

    Der Tribun und Ferox führten einen unfreiwilligen Wettstreit aus, wer von beiden abgemagerter aussah. Beide hatten zweifelsohne eine harte Zeit durchlebt, wobei im Falle des Petronius Crispus niemand je erfahren hatte, was geschehen war. Ob Krankheit oder Sorge an ihm gezehrt hatten - wer vermochte das zu sagen? Doch der Tribun war wieder hier, um seinen Dienst aufzunehmen, so wie Ferox. Beide hatten eine zweite Chance erhalten und standen hier, um sie zu nutzen.


    Frugi hatte er noch nirgends entdeckt, doch er musste irgendwo sein. Auch Pupillus befand sich unter den Anwesenden. Der untersetzte Kamerad mit dem roten Gesicht und den fiesen Augen stand neben ihm, ein merkwürdiges Gefühl der Nostalgie verströmend. Pupillus zeigte sich unfähig, Freude über die Rückkehr von Ferox zu zeigen, doch dass er sich neben ihn gestellt hatte, war wohl seine Art, ihn willkommen zu heißen und auch, ihm Halt zu geben, denn der gewaltsame Tod von Antias saß Ferox noch immer in den Knochen. Der sonst gutmütige Ferox verspürte das erste Mal in seinem Leben Hass und den Wunsch, einen Menschen - den Mörder - dem gerechten Urteil zuzuführen, ganz gleich, wie hart es ausfallen würde. Und falls das nicht möglich sein sollte, weil niemand den Namen oder das Gesicht des Täters kannte, so stand Ferox dennoch hier, um andere davor zu bewahren, dass ihnen das Gleiche widerfuhr: sein letztes Geschenk an Antias. Ferox würde das gerechte Werk fortsetzen und jede Handlung dem Namen seines Bruders widmen. Dieses Ziel gab ihm mehr Kraft als alles andere, der Schwäche seines malträtierten Körpers trotzdend.


    In diesem feierlichen Augenblick war nur eine Blickrichtung denkbar - nach vorn.