Beiträge von Aulus Iunius Tacitus

    "Der ehrenwerte Paullus." Araros öffnete die Tür und ließ den Gast hinein, wobei er zuvor noch ein Glöckchen läutete. "Der Herr wird sich freuen, Euch zu sehen."


    Kurz darauf betrat ein junger Sklave die Fauces und verbeugte sich.


    "Das ist Begoas, er wird Euch zum Herrn bringen," erklärte Araros.


    "Bitte, Herr, folgt mir," sagte Begoas und führte Paullus ins Tablinum.

    So lange ich der einzige Iunier vor Ort war und zudem noch vor allem als serischer Gesandter unterwegs war, hatte ich veranlasst, die Möbel aus dem Tablinum in einen Vorratsraum zu bringen und stattdessen das Tablinum so einzurichten, wie ich es als Gesandter für richtig hielt. So befand sich im Tablinum ein niedriger, gerade einmal kniehoher Tisch mit großer Fläche. An der dem Atrium abgewandten Seite, an der ich zu sitzen pflegte, war eine mit roter Seide überzogenes Sitzkissen. Auf der gegenüberliegenden Seite, die zum Atrium hin zeigte, befanden sich zwei mit blauer Seide überzogene Sitzkissen. Auf dem Tisch befanden sich sowohl Bögen serischen Papiers, als auch aus ägyptischem Papyrus, sowie eine Tuscheschale, ein Tintenfässchen, und zwei feine Pinsel. Das waren meine üblichen Schreibutensilien.


    Als mein Gast hereingeführt wurde, saß ich auf den Knien, so wie es in Serica üblich war, auf meinem Sitzkissen und kalligraphierte mit dicker Tinte einen serischen Text auf Papyrus. Auf dem Tisch stand noch eine Tasse mit grünem Tee aus Serica.


    "Der ehrenwerte Paullus ist hier, Herr," kündigte Begoas an, während er sich nach serischer Art tief verbeugte.


    Ich sah den jungen Sklaven und meinen Gast kurz an und deutete mit der rechten Hand auf die blauen Sitzkissen. "Paullus, ich danke, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Bitte setz dich doch." Dann sah ich wieder zu Begoas. "Lass das besprochene Essen anrichten. Und bring eine Tasse lǜchá für meinen Gast. Danke." Danach hatte Paullus meine volle Aufmerksamkeit. "Hast du gut hergefunden?"


    Begoas verneigte sich noch einmal tief und verließ das Tablinum in Richtung der Küche.

    "Das ist interessant. Andererseits würde ich als freier Mann auch lieber meine eigenen Waffen nutzen. Da weiß man, dass die Qualität stimmt." Das schien mir jedenfalls recht logisch. Ich nahm den letzten Schluck aus meinem Becher. "Wir sehen uns dann in den nächsten Tagen in der Domus Iunia." Ich nickte ihm zu und stand aus dem Sessel auf, wobei ich in der gleichen Bewegung meinen Spazierstock aufnahm.


    Die Bedienung kam auf uns zu, wobei ich ihr zu verstehen gab, dass ich bezahlte. Wie immer, zeigte ich mich mit dem Trinkgeld großzügig. Bevor ich ging, sprach ich Paullus noch einmal an. "Du solltest übrigens noch nichts gegessen haben, wenn du zur Domus Iunia kommst. Ich werde etwas Serisches machen lassen." Dann nickte ich ihm noch einmal zu und verließ die Taberna.

    Das klang danach, dass Paullus offen und ehrlich an die Begutachtung der serischen Waffen gehen wurde. Außerdem war es interessant, dass Gladiatoren aus fernen Ländern auch mit ihren eigenen Waffen hier ankamen. Das konnten dann natürlich nur freie Männer sein, die sich aus eigenen Stücken in die Arena wagten. Da musste ich doch einmal nachfragen. "Kommt es oft vor, dass sich Männer - oder auch Frauen? - aus fremden Ländern für die Arena verpflichten? Oder sind die meisten immer noch Sklaven?"

    Ich nickte kurz. "Gut."


    Da mein Becher noch halb voll war, entschied ich mich, noch ein wenig zu erzählen. "Um aber direkt schon einmal ein häufiges Missverständnis zu korrigieren: Auch wenn wir das Land Serica und die Menschen dort Serer nennen, sind nicht alle in Seide gekleidet. Seide ist in Serica zwar deutlich günstiger als hier, aber es ist immer noch der teuerste Stoff. Man muss sich also auch dort Seide leisten können. Deshalb sind dort vor allem der Adel, die Beamten, die Offiziere, reiche Kaufleute, reiche Handwerker und reiche Bauern in Seide gekleidet. Und nur die wenigsten davon sind immer in Seide gekleidet. Du wirst also nur wenige finden, die so wie ich in Seide gekleidet sind."


    Ich trank einen Schluck aus meinem Becher. "Aber das Land an sich ist auch sehr reich. Die Böden an den Flüssen sind sehr fruchtbar. Das gibt hohe Erträge für die Bauern. Und auch Rohstoffe gibt es reichlich, vor allem sehr gutes Eisen. Einige Menschen behaupten, dass serischer Stahl das beste Material für Waffen ist. Das vermag ich nicht zu beurteilen, aber vielleicht kannst du mir eine Einschätzung geben, wenn du bei deinem Besuch eins meiner Schwerter begutachtest?" Das interessierte mich wirklich und ich hoffte, dass Paullus bei seinem Besuch in der Domus Iunia mir hierzu mehr erzählen konnte. Leider durfte man ja innerhalb des Pomeriums keine Waffen tragen, sonst hätte ich bereits jetzt etwas dazu erfahren können. So musste das eben noch ein paar Tage warten.

    "Nun, ob es für den Ludus taugt, weiß ich nicht. Das musst du beurteilen. Auf jeden Fall ist das serische Schwert speziell. Ein wenig, wie eine Spatha, aber doch schneller zu führen. Und ich fürchte, dass der dazugehörende Kampfstil zwar sehr schön anzusehen ist, aber zu ziemlichen Verlusten an Gladiatoren führen wird." Diese Warnung musste ich geben, wusste ich doch um einen Kampfstil, der sich vor allem auf die empfindlichen Stellen konzentrierte. Ästhetisch, ja. Aber genauso effektiv darin, Sehnen durchzuschneiden.


    "Mit Philosophie sollte man sich aber immer beschäftigen. Natürlich sage ich das, weil ich mich seit vielen Jahren mit Philosophie beschäftige. Die serische Philosophie hat Ähnlichkeiten mit dem Stoizismus, aber auch Unterschiede. Wenn du nach Serica reist, würde ich dir raten, deine Erfahrung als Kämpfer zu nutzen und dich als philosophisch gebildeter Kämpfer zu präsentieren. Wenn du möchtest, kann ich dich in die Staatsphilosophie der Serer einweisen. Aber nicht jetzt, dazu dauert das zu lange. Hast du Zeit, mich in den nächsten Tagen einmal in der Domus Iunia zu besuchen?" Das erschien mir die beste Möglichkeit, denn dort waren ja auch meine Aufzeichnungen.

    "Nun, wenn die Frage einfach wäre, hätte ich sie nicht gestellt." Dabei lächelte ich freundlich. "Doch bist du, wie es scheint, weiter als ich. Meine innere Harmonie fehlt noch. Das erkenne ich daran, dass ich nicht weiß, ob ich lieber im Imperium Romanum oder in Hàncháo leben möchte. Ich bin in Rom aufgewachsen und ich bin römischer Bürger. Aber im Reich Hàn habe ich mich auch wohl gefühlt und dort wurden meine Dienste und mein Wissen besonders geschätzt. Meister Kǒng hat die Familie an die erste Stelle gestellt, vor allem die Eltern. Was das anbetrifft, müsste ich in Mogontiacum leben, denn dort sind meine Mutter und meine Schwester. Andererseits soll der Edle stets dort sein, wo er am meisten gebraucht wird. Der Edle ist das Idealbild des Meisters Kǒng. Ein Mensch sollte sein, wie der Edle. Doch man wird diese Stufe wohl nie erreichen können. So bleibt mir nur, festzustellen, dass ich kein Edler bin, denn es mangelt mir an der nötigen inneren Harmonie und an Weisheit."


    Ich nahm noch einen Schluck meiner Posca. "Du hast die Klarheit des Kämpfers. Ich hingegen muss mich mit den Zweifeln des Philosophen herumschlagen." Ich sah einen Moment lang nachdenklich auf den Becher, den ich in meiner Hand hielt. Dann stellte ich den Becher auf den Tisch und zuckte mit den Schultern. "Aber gut, ich habe mich für den Weg des Philosophen entschieden, nun muss ich ihn gehen. Allerdings habe ich im Osten gelernt, dass ein Philosoph auch ein guter Schwertkämpfer sein sollte. Und ich denke, dass ich inzwischen ganz passabel mit dem serischen Schwert umgehen kann. Die Übungen helfen, den Verstand klar zu kriegen. Und wenn man überfallen wird, ist ein Schwert auch recht nützlich."


    Nun war ich doch ein wenig abgeschweift. "Ich nehme aber an, dass dich Land und Leute in Serica mehr interessieren, als Waffen, richtig?"

    "Frieden ist ein hohes Gut," sagte ich, während ich nach einem Schluck Posca den Becher auf den Tisch stellte, "doch verstehen zu wenige, dass Frieden und Harmonie eng miteinander verbunden sind. Die Serer haben dieses Verständnis, und doch gelingt es ihnen nicht, an allen Grenzen Frieden zu haben. Denkt man aber genauer nach, erkennt man die Ursache. Harmonie beginnt damit, dass jeder Mensch mit sich selbst in Harmonie ist. Danach muss man sich mit seiner Umgebung in Harmonie bringen. Der erste Teil ist schwierig, der zweite ist auch nicht leicht. Doch danach geht alles von selbst. Sind alle Menschen in einer Familie mit sich selbst und ihrer Umgebung in Harmonie, dann ist die ganze Familie in Harmonie. Ein Dorf, in dem alle Familien mit sich in Harmonie sind, ist auch in Harmonie. Eine Stadt genauso. Sind alle Städte und Dörfer in Harmonie, ist die Provinz auch in Harmonie. Sind alle Provinzen in Harmonie, ist auch das Reich in Harmonie. Sind alle Reiche in Harmonie, dann ist die ganze Welt in Harmonie. Dann gibt es weder Hunger, noch Krieg. Es gibt keinen Neid und kein Verbrechen. Aber das Problem besteht darin, dass man immer nur den Teil in Harmonie bringen kann, den man kontrollieren kann. Wirklich kontrollieren kann ich aber nur mich selbst und wie ich mit meiner Umgebung umgehe. Das sind die Grundlagen der Philosophie des Meisters Kǒng, der vor langer Zeit in Serica lehrte und dessen Lehren im ganzen Staat Serica in höchstem Ansehen stehen."


    Natürlich hatte ich das nicht einfach so erzählt, sondern um ein besseres Verständnis für Serica zu vermitteln. Der Frieden war dafür nur ein willkommener Aufhänger gewesen. "Wie steht es mit dir? Bist du mit dir selbst und mit deiner Umgebung in Harmonie?"

    "Ah, ich verstehe." Zumindest glaubte ich das. Die genannten Klassen von Gladiatoren kämpften meines Wissens nicht gegen Secutor oder Murmillo. "Nun, er hat die Kämpfe jetzt hinter sich gelassen, um sich einem Leben in Friedfertigkeit und Enthaltsamkeit zu widmen. Aber ich denke, dass es ihm inneren Frieden gibt. Deshalb freue ich mich für ihn."


    Auch wenn die Sklavin ein wenig skeptisch geschaut hatte, als Paullus auch Posca mit Minze bestellte, stellte sie keine Fragen. Sie kam sogar recht zügig mit zwei Tonbechern zurück, aus denen ein Stengel Pfefferminze ragte.


    Ich nahm meinen Becher und prostete Paullus zu. "Auf die Mutigen!" Zu meiner Freude, die ich aber nicht zeigte, war die Posca gekühlt. Man schmeckte vom Essig eigentlich nur ein wenig Säure, während die Minze den größeren Teil des Geschmacks ausmachte. Ein sehr erfrischendes Getränk für den Sommer.

    "Nun, sich den Luxus leisten zu können, einfach umherreisen zu können, das spricht für einen gewissen Wohlstand," sagte ich anerkennend. "Und für Neugier," fügte ich nach einer kurzen Pause hinzu. "Ich habe Gladiatoren ja immer bewundert, bin ich selbst doch eher nicht besonders athletisch. Ich weiß auch nicht, ob ich den Mut dazu hätte. Andererseits hatte ich den Mut dazu, in völlig fremde Länder zu reisen. Aber das ist eine andere Art von Mut, denke ich. Wie dem auch sei, du scheinst Interesse an fernen Ländern zu haben. Und du bringst ein paar gute Eigenschaften mit, wenn du einmal eine solche Reise antreten möchtest. Du bist neugierig, aber auch höflich. Du kannst kämpfen, sonst wärst du wahrscheinlich nicht lebendig aus der Arena herausgekommen. Es schadet nicht, wenn man auf einer Reise in ferne Länder kämpfen kann. Man kann Räubern und Piraten begegnen, oder auch anderen Gaunern, die nur blanker Stahl fernhält. Und dein Wohlstand und die Tatsache, dass du einen eigenen Ludus führst, zeigt, dass du auch geschäftstüchtig bist. Den Nutzen davon sollte man nicht unterschätzen."


    Dann ging mir aber noch etwas völlig anderes durch den Kopf. "Auf meiner Reise hatte mich ein Gladiator begleitet, den ich mir gekauft hatte. Hinter Alexandria Eschate habe ich ihn freigelassen, aber er hat mich freiwillig weiter begleitet und ich bin stolz, ihn als meinen Freund bezeichnen zu können. In der Sprache seines Volkes heißt er Arpan, aber sein Name in der Arena war Hasdrubal. Er ist Skythe. Kennst du ihn zufällig? Er muss in der Arena als Secutor oder Murmillo gekämpft haben. Auf jeden Fall ist er ein sehr guter Schwertkämpfer."

    Da Paullus keine Zwischenfragen stellte, redete ich weiter. "So war ich also auf dem Landweg nach Serica unterwegs. Von Antiochia aus bin ich mit einer Karawane parthischer Händler quer durch Parthien bis an die baktrische Grenze gereist. Dort schloss ich mich einer anderen Karawane an, die von der parthischen Grenze aus nach Serica unterwegs war. In dieser Karawane war auch ein serischer Händler mit seinem Sohn. Er sprach Griechisch, genauer Koiné, die auch in Baktrien gesprochen wird. Wir vereinbarten, dass ich seinem Sohn Koiné beibringen würde, und er mir Serisch. Das war ein großes Glück, denn die Reise war noch lang und so konnte ich viel lernen. Serisch ist sehr anders, als Latein oder Griechisch. Die Grammatik ist deutlich einfacher, aber dafür ist die Aussprache schwierig. Wenn man ein wenig musikalisch begabt ist, kommt man mit der Aussprache aber zurecht. Die wirkliche Schwierigkeit ist die Schrift. Man schreibt dort nicht wie bei in Buchstaben, die einen bestimmten Laut bedeuten. Stattdessen schreibt man in Zeichen, die bestimmte Silben oder Bedeutungen darstellen. So gibt es tausende von Zeichen." Ich wusste jetzt nicht, wie ich das ohne zu zeichnen erklären sollte, deshalb ließ ich es, hier mehr in die Tiefe zu gehen. "Nach diesem kleinen Exkurs über die serische Sprache, nunja, zurück zur Reise. Es ging quer durch Baktrien und schließlich kamen wir in Alexandria Eschate an, gegründet von Alexander dem Großen und das am weitesten von Makedonien entfernten Alexandria. Danach kam noch ein weites Tal und eine wirklich hohe Gebirgskette. Der Gebirgspass war sehr hoch, höher als die Gipfel der Alpen, und es war sehr kalt. Immerhin war ich im Winter dort oben. Und das Atmen fiel schwer. Danach ging es an einer Wüste entlang. Links die Wüste, rechts hohe, schneebedeckte Berge. Und dann erreichte ich endlich die Grenze von Serica. Eine Festung an einem Pass über ein weiteres, aber niedrigeres Gebirge. Und dann noch ging es durch fruchtbares Kulturland bis in die alte Hauptstadt Cháng'ān. Dort lernte ich den Statthalter kennen, einen Prinzen. Wir freundeten uns an und irgendwann machte er mich zum Beamten fünften Ranges. Bei meinem Rückweg reiste ich mit einem Auftrag des Prinzen über die neue Hauptstadt Luòyáng ans Meer. In Luòyáng wurde mir eine Audienz beim Kaiser von Serica befohlen. Er machte mich zum Beamten dritten Ranges und befahl mir, als sein Gesandter dem Kaiser von Rom seine Grüße zu übermitteln. Nun, und so bin ich Beamter in Serica geworden."


    Inzwischen hatten wir auch die Taberna erreicht. Zielstrebig ging ich in den Garten. Die Bediensteten und Sklaven kannten mich bereits und wiesen uns einen Tisch im Schatten einer Eiche zu. Ich ließ mich in einem Stuhl mit Kissen nieder, wobei ich beim Hinsetzen meine Kleidung glatt strich, um keine Falten in die Seide zu sitzen. Für Paullus wurde ein ebenso gepolsterter Stuhl an den Tisch gestellt. "Ist es hier oben nicht herrlich?" fragte ich, während Paullus ein beschriftetes Holzbrett mit der Auswahl an Getränken gereicht wurde. Mir reichte man keine Liste. Man wusste inzwischen, dass ich immer Posca mit Minze bestellte und fragte mich deshalb schon gar nicht mehr.

    Die Direktheit von Paullus machte ihn mir sympathisch. Ich mochte es, wenn man geradeheraus sprach.


    "Du bist also an der Ferne interessiert? Nun, vielleicht kann ich dir ein wenig erzählen. Das wird aber dauern. Ich kenne eine Taberna dort oben auf dem Esquilin, die einen kleinen Garten hat, in dem ein angenehmer Wind weht. Das ist bei den Temperaturen sicher nicht verkehrt." Ich deutete kurz auf meine Kleidung. "Mein meint ja immer, dass Seide kühlt. Aber wenn man sie so dicht webt, wie die Serer, dann ist sie nicht mehr allzu kühl. Und wenn man dann noch mehrere Schichten trägt, ist es ziemlich warm."


    Während wir die Straße entlang gingen, die uns auf den Esquilin hinauf brachte, sprach ich weiter. "Aber kommen wir zu deiner ersten Frage. Ich bin ein Gelehrter, habe am Museion in Alexandria studiert. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich ein ansehnliches Erbe erhalten und meine Arbeit als Anwalt brachte auch gutes Geld ein. Aber nach Serica kam ich durch den Zufall." Ich überlegte kurz, welcher Teil meiner Reise relevant war, entschied mich aber, ganz am Anfang zu beginnen. "Als ich in Mogontiacum weilte, um Recht zu unterrichten, fand ich auf einem Markt durch Zufall eine Karte, die niemand so richtig wollte. Sie zeigte die Provinzen am östlichen Mittelmeer, Parthien und Baktrien. Das Besondere an der Karte war, dass sie voller Notizen war. Wie viele Tagesmärsche die Städte auseinander lagen, welche Waren man dort bekommen konnte, welche man dort verkaufen konnte, Anmerkungen zur Kultur und vieles mehr." Die Begeisterung über die Karte hörte man mir immer noch an. "Serica war nicht auf der Karte verzeichnet, aber eine Anmerkung neben einem Gebirge, das die Karte nach Osten begrenzte. Da stand: 'Hinter den Bergen Serica?' Das war für mich so etwas wie ein Zeichen der Götter. Man hatte mir einen Weg nach Osten gezeigt und alle Informationen mitgegeben, um bis an die Grenze von Serica zu kommen. Also begann ich, meine Reise zu planen." Das war die Geschichte gewesen, die mich zur Reise gebracht hatte. Doch musste ich direkt eine Warnung aussprechen. "Hätte ich damals gewusst, wie schwer die Reise auf dem Landweg ist, dann wäre ich hier geblieben. Aber ich wusste es damals nicht."

    Der Beinahe-Zusammenstoß hatte mich nur kurz zum Ausweichen genötigt, doch die Entschuldigung nahm ich gerne an. Auch, wenn sich der Fremde in seiner Annahme irrte, dass ich kein Römer sei. Ich verneigte mich ganz leicht, obwohl Römer sich eigentlich nie verbeugten. Doch war die Verneigung so gering, dass es keine echte Verbeugung war.


    "Es gibt nichts zu verzeihen. Ich kenne das, wenn man in Gedanken vertieft ist. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Paullus." Ich nahm das unter Römern übliche 'Du'. "Und doch muss ich dich leider korrigieren. Meine Kleidung ist nicht römisch, und doch bin ich Römer. Im Moment stehe ich in der Kleidung eines Beamten des Reiches Hàn vor dir. Du magst es als Serica, das Seidenland kennen. Dort nannte man mich Yúnzǐ, was so viel bedeutet wie 'Meister Yún'." Ich sprach die fremden Namen so aus, wie sie korrekt in serischer Sprache auszusprechen waren. "Doch bin ich eigentlich in Rom geboren und heiße Aulus Iunius Tacitus. Im Moment kleide ich mich aber weiterhin so, wie in der Ferne. Das liegt daran, dass ich als Gesandter des Kaisers von Hàn hier bin. Ob du mich nun Iunius Tacitus nennen möchtest, oder Yúnzǐ, überlasse ich dir." Dabei lächelte ich freundlich, denn Paullus hatte das Gespräch auch freundlich begonnen.

    Nach meiner Rückkehr nutzte ich die Zeit, bis ich eine Antwort des Kaisers auf meine Audienzanfrage erhielt, um meine Heimatstadt wieder neu zu erkunden. Die eher gefährlichen Gegenden mied ich, weil ich in der Kleidung eines serischen Gesandten unterwegs war. Ein langes, schwarzes Seidengewand, über weißer seidener Jacke und Hose, mit schwarzer Seidenkappe und schwarzen Seidenschuhen. Der Spazierstock aus Teakholz gab mir die Sicherheit, mich notfalls wehren zu können.


    So lernte ich meine Stadt ein wenig anders kennen, als ich sie gewohnt war. Ich sah Rom nun ein wenig mit den Augen eines Fremden, während mich die Bewohner Roms nur als Fremden ansahen. Natürlich taten sie das, denn ich sah ja auch extrem exotisch aus. So viel Seide an einem einzelnen Menschen hatte hier wohl auch noch niemand gesehen. Außer vielleicht bei patrizischen Frauen, aber die sahen dafür sehr anders aus. So wunderte ich mich nicht über die Blicke, die mich trafen. Mal sah man mich interessiert an, mal neidisch, manchmal sogar ängstlich. Ich ließ mich davon aber nicht beeindrucken, sondern ging stolz durch die Stadt und nahm mir alle Zeit, die ich wollte, um hier ein spezielles Gebäude, dort die Auslage eines Ladens und woanders einen schönen Garten näher zu betrachten.

    Nach der Rückkehr von meiner Reise musste ich natürlich auch bei meinem Vater vorbeischauen. Doch hatte ich nicht vor, dies in Toga zu machen. Stattdessen war ich serisch gekleidet und trug die dunkle Seidenrobe und die dazu passende Kopfbedeckung. Das würden sicher viele als dekadent betrachten, doch war es keineswegs so. Vielmehr hatte ich beschlossen, bis zur Erfüllung meines Befehls, dem Kaiser Grüße und Geschenke des serischen Kaisers zu überbringen, mich weiterhin als serischer Beamter zu kleiden. Denn das war momentan noch mein Amt und die Rolle, die ich auszufüllen hatte.


    "Salve, Vater," grüßte ich den Grabstein, "ich bin wieder zurück. Du wirst mir jetzt sicher sagen, dass sich dieser Aufzug für einen Römer nicht geziemt. Damit magst du Recht haben, doch bin ich noch Serer. Genauer gesagt serischer Gesandter, ein Beamter des dritten Ranges. Das alles sagt dir natürlich nichts, also will ich mich kurz fassen. Ich reiste nach Serica, studierte die dortigen Philosophien und wurde als Philosoph anerkannt. Deshalb ernannte man mich zum Beamten fünften Ranges mit einer Mission zu dem Hafen, von dem aus ich zurück nach Hause gelangen würde. Dann traf ich auf den Kaiser von Serica. Er erhob mich in den dritten Beamtenrang und machte mich zum Gesandten, damit ich Grüße und Geschenke an unseren Kaiser überbringe. Und nun bin ich hier, doch ist meine Mission noch nicht beendet. Ich stehe also als serischer Gesandter vor dir und erweise dir den nötigen Respekt."


    Kurz überlegte ich, ob ich den Sitten von Serica entsprechend mich dreimal vor dem Grab in den Staub werfen sollte, entschied mich aber dagegen. "In Serica wäre ich nun ein gemachter Mann. Leider hat die Rückreise so viel Geld verschlungen, dass ich nur ein wenig wohlhabender bin, als vor der Reise. Doch bin ich um unglaubliche Erfahrungen reicher. Du kannst stolz auf mich sein. Ich selbst verbiete mir aber meinen Stolz, denn noch habe ich einen weiten Weg vor mir, bis ich eine höhere Stufe der Erkenntnis erreicht habe und als Vorbild tauge. Doch arbeite ich an mir." Kurz lächelte ich.


    "Dir geht es hoffentlich gut in den elysischen Feldern. Ich werde dich nun häufiger besuchen, so lange ich in Rom verweile. Vale."


    Mit einer ganz leichten Verneigung beendete ich das Gespräch, bevor ich mich umdrehte und wieder in die Stadt zurückkehrte.

    Nachdem ich informiert wurde, dass meiner Anordnung gefolgt wurdeund eine Holzscheibe vom doppelten Durchmesser einer Sesterze passend an einem Baum im Garten angebracht worden war, war ich gemessenen Schrittes in den Garten gegangen und begutachtete diese Arbeit für einen Moment. Ich nickte Begoas nur kurz zu, verschwand dann in meinem Cubiculum und kam kurz darauf mit dem herausragend geschmiedeten serischen Schwert in der Hand zurück und zog die Klinge wortlos. Die Schwertscheide reichte ich Begoas und deutete ihm, in angemessenem Abstand zu warten.


    Ich vergewisserte mich, dass niemand bei meinen Übungen versehentlich in meine Reichweite kommen würde, und begann. Zunächst übte ich die Grundstellungen und Bewegungen des Schwertes in langsamen, fließenden Bewegungen. Dann wandte ich mich der Holzscheibe zu. Mit einem schnellen Schwertstoß nach vorne brachte ich sie in eine heftige Bewegung von mir weg, wobei sie sich sogar um ihre Aufhängung drehte. Ich machte einen schnellen Schritt diagonal nach vorne, so dass ich nun seitlich zur zurückschwingenden Scheibe stand und stach erneut zu, was den Kurs der Scheibe schlagartig änderte. So verfuhr ich weiter, stets darauf bedacht, die Scheibe in immer schnellere Bewegungen zu versetzen und mich selbst auch immer schneller zu bewegen.


    Hin und wieder verfehlte ich mein Ziel, was mich dazu motivierte, zukünftig noch mehr zu üben. Natürlich war es ein sehr kleines Ziel, aber am Ende wollte ich dazu fähig sein, jederzeit ein Auge mit einem einzigen Stich zu durchstoßen. Doch nicht heute. Die Sonne ging unter und die Lichtverhältnisse wurden immer schlechter. Deshalb gab ich Begoas ein Zeichen, mir die Schwertscheide zu bringen. Ich ergriff sie mit der linken Hand und brachte die Klinge in einer fließenden Bewegung zurück in diese, während mein Blick geradeaus gerichtet war. Diesen Teil beherrschte ich inzwischen blind. Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass auch Malachi in etwas Abstand dastand. Ich wusste nicht, wie lange der Custos Corporis mir bereits zugesehen hatte, doch als ich mich ihm zuwandte, verneigte er sich respektvoll. Das war aber nicht die Verneigung eines Sklaven vor seinem Herren, sondern die eines Kämpfers vor einem anderen. Ich schien also etwas zu machen, das ihn beeindruckte.


    Nachdem ich ihm respektvoll zugenickt hatte, stellte ich mein Schwert an den Baum, hob mit beiden Händen meine serische Gewandung leicht an und ließ mich auf die Knie nieder. So sitzend schloss ich meine Augen und rekapitulierte noch einmal die Übungen in meinem Geist, bis ich mir sicher war, jede Situation, in der ich mein Ziel verfehlt hatte, mehrfach durchgespielt zu haben und zu wissen, worin meine Nachlässigkeit bestanden hatte.


    Als ich die Augen wieder öffnete, war es bereits dunkel. Ich erhob mich wieder und nahm das Schwert lässig mit der linken Hand. Begoas hatte inzwischen eine kleine Cena für mich angerichtet. Ich fand dort Puls, ein wenig Obst, gebratenen Speck, Liquamen und Posca. Zur Verwirrung von Begoas ließ ich Puls, Speck und Liquamen stehen und aß lediglich Obst, während ich zugleich die Posca mit Wasser verdünnen ließ, bis diese nur noch kaum merklich nach Essig schmeckte. Ich würde die Sklaven über meine neuen Ernährungsgewohnheiten informieren müssen, die nun weniger Getreide und tierische Produkte und dafür mehr Gemüse und Obst umfassten. Außerdem hatte ich die Soßen und Gewürze neu zusammengestellt, was ich auch notieren würde. Das Ergebnis würde eine seltsame Kombination aus serischen und römischen Geschmacksnoten sein.


    Nach dem Abendessen widmete ich mich noch der Körperpflege und der Pflege meiner Zähne, bevor ich mich schließlich in seidene Unterkleidung gehüllt zum Schlaf betten würde. Meine Reise hatte mich doch ziemlich verändert.

    Da ich in Toga gekleidet von meiner langen Reise zurückgekehrt war, hatte man mich auch in die Domus Iunia eingelassen. Nachdem meine Besitztümer - vor allem die Talente Silber und die Bücher - ordnungsgemäß verstaut worden waren, hatte ich mich in meinem Cubiculum in die dunklen serischen Gelehrtengewänder gekleidet. In diesen inspizierte ich die Geschenke für den Kaiser, die mir der Kaiser von Serica anvertraut hatte, bevor ich mich in der Bibliothek niederließ. Die verwunderten Blicke der Sklaven, die mich nun komplett in Seide gewandet sahen, ignorierte ich. Für einen Moment dachte ich darüber nach, ihnen Respektsbezeugungen zu befehlen, die mir in Serica zugestanden hätten. Ich entschied mich dann aber dagegen - vorerst.


    Mit einem Bogen serischen Papier, einem feinen Pinsel und Tusche ausgestattet, schrieb, nein, kalligraphierte ich einen Brief an den Kaiser. Schließlich ergriff ich die Dose mit roter Siegelfarbe und mein grünes Jadesiegel, um den Brief als serischer Gesandter zu siegeln, bevor ich ihn Begoas übergab, damit er ihm dem Palast zustellte. Nachdem ich dieses erledigt hatte, vertiefte ich mich in das Studium der serischen Bücher, die ich mitgebracht hatte, bis Begoas zurückgekehrt war und mir berichtete, alles wie angeordnet ausgeführt zu haben.


    Ich nickte ihm kurz zu und hatte dann noch einen weiteren Auftrag. Er sollte mir eine runde Holzscheibe anfertigen, die den doppelten Durchmesser einer Sesterze hatte. An ihrem oberen Ende sollte sie ein Loch haben. Dieses sollte dazu dienen, sie mit einem Faden an einem Zweig eines der Bäume im Garten der Domus Iunia so anzubringen, dass sie auf Höhe meines Brustkorbs hängen würde. Als Begoas den Mund öffnete, um eine Frage zu stellen, sah ich ihn nur streng an. So wagte er es nicht, die Frage auch zu formulieren, stand nur einen Moment mit offenem Mund da und nickte schließlich. Auf mein Handzeichen hin verließ er die Bibliothek.

    In der kaiserlichen Administration ging ein Brief ein, der aus einem seltsamen Material bestand. Auf den ersten Blick hätte man es für Pergament halten können, doch bei näherer Betrachtung konnte man erkennen, dass es sich um Fasern handelte, die eher auf pflanzliches Material hinwiesen. Es war jedoch kein Papyrus. Es war chinesisches Papier.


    Aulus Iunius Tacitus

    Tiberio Aquilio Severo Imperatore


    Imperator,


    ich weiß nicht, ob du dich meiner noch erinnerst, liegt meine Audienz doch einige Jahre zurück. Damals sprach ich auf Fürsprache meines Patrons Lucius Annaeus Florus Minor bei dir vor, um mich für einen Mandanten, den ich als Jurist vertrat, einzusetzen. Seit dieser Audienz war ich zunächst in Germanien, nahm dann aber die lange und beschwerliche Reise nach Serica auf mich.


    Auf Grund dieser Reise bitte ich nun um eine Audienz bei dir.


    Während ich in Serica weilte, beschäftigte ich mich mit den Philosophien in diesem Land und wurde von den dortigen Gelehrten als einer der ihren anerkannt. Anders als im Imperium Romanum gelten Gelehrte dort als hoher Ordo. Bei meiner Rückreise wurde ich vom Kaiser von Serica empfangen und zum Gesandten und hohen Beamten ernannt. In dieser Eigenschaft schreibe ich dir.


    Als serischer Beamter erhielt ich den Befehl, dir Grüße und Geschenke des Kaisers von Serica zu überbringen. Diesen Befehl möchte ich erfüllen. Hierzu ist es aber notwendig, die in Serica hierfür vorgesehene zeremonielle Form zu wahren. Das bringt mich nun in ein Dilemma. Einerseits möchte ich dem Mos Maiorum folgen und in Toga gekleidet den Palatin betreten, andererseits verlangt es die serische Tradition, dass ich die Kleidung eines serischen Beamten zu tragen habe. Beides schließt sich gegenseitig aus. Deshalb bitte ich dich, zu entscheiden, ob du mich empfängst, und ob du mich auf dem Palatin empfangen kannst, wenn ich in serische Kleidung gewandet bin. Solltest du entscheiden, dass dies dem Palatin nicht angemessen ist, bitte ich dich, mir in diesem Fall eine Audienz auf dem Campus Martius zu gewähren.


    Ein weiteres Problem ist, dass ich die Geschenke nicht einfach so übergeben kann. Vielmehr werde ich für jedes der zwölf Geschenke je einen Sklaven mitbringen, der mir dieses Geschenk anreicht, damit ich es dir dann feierlich übergeben kann. Auch hierfür sollte Sorge getragen werden.


    Ich bitte dich also, mich als Gesandten des Kaisers von Serica zu empfangen und es mir zu ermöglichen, dir die Grüße und Geschenke des Kaisers von Serica gemäß dem Hofzeremoniell aus Serica zu überreichen. Wenn dieses nicht auf dem Palatin gelingt, so bitte ich darum, eine entsprechende Audienz auf den Campus Martius zu verlegen.


    Über deine Entscheidung bitte ich dich, mich in der Domus Iunia zu informieren. Mögen die Götter und der ewige Himmel dich beschützen.


    Vale.


    Aulus Iunius Tacitus


    Siegel Aulus Iunius Tacitus - Gesandter des Reiches Han