Megalesia | Der Zug der Galli

  • 364-670b2018.jpgDer Kult der Magna Mater stellte eine Paradoxie dar: Aus dem fernen Osten war die große Göttin einst nach Rom gebracht worden, ihr dienten entmannte Priester und extatische Weiber und sie selber galt den Mythen zufolge als einem Zwitterwesen entsprungen. Und dennoch pflegten insbesondere die Patrizier, jene uralten Geschlechter, die sich einer Nobilität zurechneten, die schon hatte existiert, ehe plebejische Emporkömmlinge in sie aufgerückt waren, ihre Verehrung. Tatsächlich war sie erst während der Kriege gegen Hannibal nach Roma gekommen, als in höchster Not die Libri Sibyllini befragt wurden und diese die folgenreiche Mahnung Dir fehlt die Mutter; drum such – ich befehl es dir, Römer – die Mutter verkündet hatten. Schon damals hatte ihren schwarzen Stein niemand geringeres als Claudia Quinta, die keusche Matrone aus dem noch immer blühenden Geschlecht der Claudier, in die Stadt getragen, doch besonders der Umstand, dass sie, jene fremde Göttin aus Asia Minor, auch dem göttlichen Aeneas schon beigestanden war, dass sie gar als eine Schutzherrin der Trojaner und damit der Ahnen aller Römer gewesen war, erklärte wohl ihre traditionell hohe Reputation in höchsten römischen Kreisen.


    Dies war auch der Grund, warum das Fest ihrer Ankunft in Rom, die Megalesia, traditionell den Aediles Curules zufielen, die zu dieser Festivität Lustbarkeiten aller Art veranstalteten. Als Auftakt der Feiertage waren jedoch zunächst die Kultakte zu vollziehen, die in ihrer Fremdartigkeit selbst im mondänen Rom ins Auge fielen: Die festliche Prozession vom Tempel der Göttin auf dem Palatin wurde von den Galloi angeführt, jenem orientalischen Kult-Collegium der Kybele, dessen Ruf an Exotik kaum war zu übertreffen. Es handelte sich um Männer, die in wallenden, gelb gefärbten Frauenkleidern ihren Kult vollzogen, auf dem Kopf langes, gebleichtes Haar, sowie einen Turban mit einer Krone darauf, das Gesicht geschminkt, geschmückt mit güldenen Armreifen, Anhängern und Ohrringen. Den größten Schauder indessen verbreiteten die Geschichten, dass diese Priester sich beim Eintritt in das Collegium an einem Dies sanguinis genannten Tag rituell selbst entmannten, ehe sie nach Fasten und Selbstkasteiung endlich mit Freuden neugeboren und der Göttin geweiht wurden. Obschon die Praxis der Selbstkastration für freie Männer bereits seit vielen Jahren war verboten, hielten hartnäckig sich die Gerüchte, dass nicht wenige jener fremdartigen Priesterschaft der Tradition im Geheimen folgten und so fragten wohl auch zahlreiche Zuschauer dieser alljährlichen Prozession am ersten Tage der Ludi Megalenses, ob unter den weiten Stoffbahnen der bettelnden Galloi noch eine Mannbarkeit sich verbarg oder nicht.


    Lange bereiteten sich die Galloi, aber auch die vielen Anhänger der Großen Mutter in der Stadt auf diesen Tag vor: Der ganze Martius war geprägt von dem alljährlichen Festzyklus, in dem der Mythen um Kybele und ihren Geliebten Attis gedacht und sie nachvollzogen wurden: So fällten die Galloi einige Tage vor den Ludi eine Pinie und brachten diese als Symbol für den getöteten Attis in den Tempel, beklagten darauf seinen Tod bis zu dem legendären Dies sanguinis. An diesem Tag peitschten und ritzten sich die Galli und tanzten sich in Ekstase, um ihr Blut der Großen Mutter zu opfern. Die folgenden Tage feierten dann die Auferstehung des Geliebten der Kybele in den Hilaria, ehe zum Abschluss des Märzfestes das Kultbild der Göttin in feierlicher Prozession zum Bach Almo gefahren und dort gewaschen wurde.


    Dieses Kultbild war es auch, das heute im Zentrum der feierlichen Prozession von Palatin zum Circus Maximus stand: Es war eine thronende Silber-Statue der Göttin, deren Leib aus einem schwarzen, glänzenden Stein bestand und die bereits auf dem Berg Ida in Phrygien das Objekt des Kybele-Kults gewesen war, ehe man sie während der Punischen Kriege nach Rom gebracht hatte. Den Anfang bildeten jedoch junge Tänzer, die Korybanten, die nackt waren, gefiederte Helme, schimmernde Bronze-Schilde und Schwerter trugen und diese im rituellen Tanz immer wieder zusammenschlugen. Ihnen folgten die Aurigae, die am letzten Tag der Festivitäten sich im Circus messen würden und sich heute in ganzer Pracht mit ihren Gespannen präsentierten. Danach folgten junge Frauen, die Rosenblätter verstreuten, ehe die Schar der Galloi sichtbar wurde, die mit Weihrauchgefäßen singend den Wagen der Göttin geleiteten. Dieses prunkvoll verzierte Gefährt wurde von zwei zahmen Löwen gezogen. Obenauf saß die Große Mutter mit starrem Blick, das Haupt mit einer Mauerkrone geziert, und lauschte den Zymbel- und Tympanonspiel ihrer Priester. Einige der Galloi waren auch mit Bettelschalen ausgestattet, um an diesem Tage ausnahmsweise Spenden für ihren Kult zu sammeln. Dahinter folgte auf einem zweispännigen Wagen der Aedilis Curulis Manius Flavius Gracchus Minor als Spielgeber, der am heutigen Tag auch als Opferherr für den Staatskult fungierte.

  • Obwohl ich mit dem Kult der Magna Mater persönlich rein gar nichts anfangen konnte und mir die ganzen östlichen Feierlichkeiten nicht bloss fremd sondern auch abstossend anmuteten, war ich trotzdem als Zuschauer dabei. Gekleidet in römisches weiss, mit dem breiten Clavus des Senators deutlich erkennbar, lag mein Augenmerk aber mehr auf den Aurigae der Factio Albata. Sie waren auch der Grund für meine Anwesenheit.

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  • Ein buntes, wirres und bizarres Treiben spielte sich vor den Gespannen ab und vor allem die wilden Tänze und die gefiederten Helme der Darbieter sowie irgendwo im Rücken die beiden Löwen verunsicherten so manches Pferd und ließen es tänzeln oder gar steigen. Im Interesse der Pferde, der Zuschauer und all deren, die sich am Zug beteiligten, konnte nur zu hoffen sein, dass die Aurigae ihre jeweiligen Gespanne unter Kontrolle brachten und auch hielten. Für den geplanten Wettkampf mussten Tier und Mensch unversehrt bleiben. Die Gewohnheit ließ Menecrates kaum über den Umzug und die Hintergründe nachdenken, aber dem Fremden mochte diese Tradition im Ganzen nicht nur befremdlich erscheinen, sondern zuweilen auch abstoßend, sodass ein von sehr weit her Gereister möglicherweise an der Geistesfrische der Römer zweifeln mochte.

    Die Organisation eines solchen Spektakels erforderte viel Umsicht und Engagement, was der amtierende Aedilis Curulis wieder einmal mehr bewies.

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  • Ich war an der Seite von Florus heute in mein bestes Gewand gehüllt zum Umzug gekommen. Ich hatte noch nie einen so großen Umzug dieses Kultes erlebt und entsprechend weit wurden mir die Augen bei dieser Ansammlung. Ich wusste aber, dass auch die Aurigae der Factio Albata dabei sein würden und ich hoffte, dass sie sehr prächtig aussehen würden.


    Als der Zug allerdings in Sicht kam und ich nicht mehr vom Blitzen von Metall in der Sonne geblendete wurde, sah ich dass die Korybanten ja nackt waren. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich zutiefst beschämt einen Zipfel meiner Palla vors Gesicht hielt, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Ich musste wohl rot wie eine Tomate im Gesicht sein. Vielleicht war ich auch einfach nur ein wenig zu ländlich prüde, da nur wenige weg sahen.


    Den Göttern sei Dank zogen die nackten Tänzer schnell an uns vorbei und dann kamen auch schon die Aurigae. Die Menge war anscheinend genau so gespannt wie ich auf die stolzen Pferde und die athletischen Fahrer, die vor Muskeln strotzten. Danach kam die Göttin, die sehr ehrfurchtgebietend aussah und zum Schluß ein einzelner, aber gut gekleideter Römer. Ich wandte mich leise an Florus neben mir: "Wer ist denn der Römer am Ende des Umzugs?"

  • Als Crispina mich fragte, wer denn am Ende des Zuges kam, war ich erst einmal leicht erstaunt, erinnerte mich danach aber sofort, dass sie ja vermutlich in Misenum niemals einen solchen Umzug erlebt hatte. Daher antwortete ich ruhig und gelassen:


    Das ist der Aedilis Curulis, der Veranstalter dieser Spiele. Ihm obliegt die ganze Organisation des Spektakels. Sein Name ist Manius Flavius Gracchus Minor.


    Mein Blick hing noch immer den Aurigae nach. Irgend etwas gefiel mir nicht, aber ich konnte beim besten Willen nicht feststellen, was es war.

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    Klient - Marcus Decimus Livianus

  • Für Manius Minor war der Auftakt der Ludi Megalenses ein großer Tag. Obschon er bereits als Quaestor an den Spielen seines Mentors Menecrates als Mit-Editor war aufgetreten und gar mit ihm an der Pompa circensis hatte partizipiert, so war es doch different, wenn die Ludi unter den eigenen Auspicia stattfanden, zumal die hiesigen nicht allein mit vergnüglichen Rennen, die sein Tiro fori Seius Ravilla trefflich hatte präpariert, sondern ebenso mit kultischen Akten waren verbunden. Früh am Morgen also hatte er die Tunica palmata sowie die purpurne Toga picta angelegt, die vor ihm bereits zahlreiche flavische Triumphatoren und noch weitaus mehr Editoren der städtischen Spiele aus seinem Geschlecht hatten getragen, und war mit seiner Entourage hinaufgestiegen zum Palatin, auf welchem der heute einzig legitime Triumphator zu residieren pflegte, der aber zugleich die Heimstätte der Großen Mutter war, zu deren Ehren die heutigen Spiele wurden vollzogen.


    Obschon er präpariert war gewiesen, war der Flavius beim Anblick der Galli erstarrt, erweckten sie doch Reminiszenzen an seine alexandrinische Zeit, wo derart orientalische Kulte weitaus verbreiteter waren gewesen als in der Urbs, selbst wenn er diesen nur in recht beschränktem Maße hatte gefrönt. Mit Scham bedeckte ihn vielmehr die Aufmachung der Priester in ihren weibischen Kleidern, mit ihren langen Haaren und jenem betont unmannhaftem Habitus, da doch sie ihm gleichsam als Spiegelbild seiner eigenen Vergangenheit im Kreise der Myrmidonen erschienen, die einst similär zu den Galli, doch aus konträren Gründen, ihre standesgemäßen Gewänder gegen Frauenkleider hatten getauscht und all das hinter sich gelassen hatten, was für einen wohlanständigen Aristokraten, sei es hellenischer oder quiritischer Provenzienz, geraten erschien. Fortunablerweise waren sie damalig im Rausche des Opium zumindest nicht auf den Gedanken gekommen, sich selbst zu entmannen, obschon ihm dies retrospektive nicht gänzlich abwegig erschien, dass er sich zu einem derart abstrusen Handeln hätte entschlossen.


    Immerhin tröstete Minor der Umstand, dass dieses Spektakel nicht aus Vergessenheit der Unsterblichen (wie seine infantilen Einlassungen damals), sondern konträr aus Pietas erfolgten, sodass es ihm gelang, sich fürderhin auf das Voropfer der Galli und Quindecimiviri sowie den Abmarsch zu konzentrieren. Sodann stieg auch er auf seine Biga und reihte sich hinter das Kultbild der Großen Mutter ein, sodass beständig ihm deren silberne Mauerkrone vor Augen blieb, während sie den geschwungenen Weg vom Palatin hinab zum Forum antraten, auf dem die Knechte waren bisweilen genötigt, die Pferde (respektive Löwen) zu bremsen, um nicht in unwürdiger Velozität den nobelsten der römischen Hügel herunterzurasen.

  • Während Gracchus die ersten Schritte seiner Kinder nicht weiter hatten tangiert, ihre ersten Worte oder Lernfortschritte für ihn zur gänzlich erwartbaren Entwicklung eines Kindes gehörten und darob nicht weiter beachtenswert waren, so war mit jedem neuerlichen Schritt, den sein Sohn Minor auf dem politischen Parkett tat, seine Brust mit Stolz erfüllt - so auch zu diesem Anlasse der Megalesia. Alles Hadern mit dem kleinen dicklichen Kind, aller Zorn auf den widerspenstigen und fehlgeleiteten Jüngling war vergessen im Anblicke des stolzen Flaviers, der seine Pflicht für Rom erfüllte, im Glanze alter Traditionen und Rituale erstrahlte und dem Namen Flavius die rechte Bedeutsamkeit verlieh.

  • Diocles war mit seinem Dominus Saturninus hier, wobei "mit hier sein" der falsche Ausdruck war, man ist auch nicht mit seinem Schatten irgendwo.

    Am besten gefiel ihm Kybele mit ihrem Löwengespann - hoffentlich blieben die in ihrer Spur - ; die Korbyanten - weshalb machten die so einen Lärm mit den Bronzeschilden, um böse Geister zu vertreiben? In Diocles Augen vertrieben sie auch die guten - und die Galli - die so exaltiert umherhüpften und sogar ihm - IHM - Bettelschalen vor die Nase hielten- , jagten ihm eher Angst ein.

    Aber irgendwann ließ sich auch der furische Sklave von dem Spektakel mitreißen und klatschte verhalten. Es wurde ja auch wirklich etwas für Auge und Ohren geboten.

    Der Aedilis Curulis Manius Flavius Gracchus Minor war ein edler Anblick, an dem hatte Diocles nichts auszusetzen. Hätte er auch nie getan, er wusste was sich gehörte.


    Diocles klatschte und seufzte. Er konnte einfach nicht unbekümmert darauf losfeiern, das lag ihm nicht.


    Gerade taten ihm die Pferde Leid.

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    SCRIBA PERSONALIS - AULUS FURIUS SATURNINUS

  • Tribun Petronius Crispus führte heute das Kommando bei der Sicherung der Prozession. Er bildete deshalb hoch zu Ross und mit Parade-Uniform die Nachhut und ritt hinter der eigentlichen Prozession her. Seine Männer hatten dafür gesorgt, dass die Wegstrecke von Schaulustigen und Zivilisten frei war und sicherten sie mit einer Postenkette in regelmäßigen Abständen. Die Megalesia erinnerten Lucius immer an seine Zeit in Alexandria, wo er bei der Classis teils ganz ähnliche Veranstaltungen hatte sichern müssen - und die Kulte auch stärker in diese Richtung gingen als die Altrömischen. Zwar war es dem Petronier im Prinzip egal, ob seriöse ältere Herren in Toga und mit finsterem Blick ein immer gleiches Programm abspulten oder tanzende Eunuchen in Frauenkleidern das machten - am Ende war alles Humbug! Aber immerhin war die heutige Veranstaltung ein wenig anders als die anderen und die Vorstellung, dass manche Leute so dumm waren, dass sie sich ihre Eier abschnitten, weil sie so traurig waren, dass eine eingebildete Gestalt, für die es keinerlei Beweise gab, vor Jahrtausenden gestorben war, war wirklich so lächerlich, dass er darüber sogar lachen konnte!


    Mit diesen Gedanken, dazwischen aber immer wieder mit Blick auf die Abläufe und seine Männer am Straßenrand, ritt der Tribun also hinter dem Zug her.

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    Klient - Herius Claudius Menecrates

    DECURIO - MOGONTIACUM

    MUNICEPS - MOGONTIACUM

  • Als Teilnehmer der Entourage des Aedilis Curulis folgte Ravilla gemessenen Schrittes der Biga des Magistraten. Da ihm die Aufgabe des Opferhelfers war angeboten worden, welcher er freudig zugestimmt hatte, schritt er nahe des Kalbes, das den ehrenvollsten Rindertod zu sterben ward auserkoren.


    Ravilla verhielt sich für seine Verhältnisse introvertiert, wenngleich sein Äußeres gegenteilige Charakterzüge zu definieren geeignet war. Die Aufmerksamkeit des Volkes gehörte an dieser Stelle zu Recht dem Aedil, der großen Mutter und den exaltierten Galli, die in Roma sonst ein erbärmlich verstecktes Leben führen mussten. In Cappadocia stolperte man an jeder Ecke über einen der entmannten Priester der Großen Mutter, deren Lebensaufgabe darin bestand, Kybeles Trauer über den Verlust ihres Geliebten Attis zu mindern.


    Als Sohn einer Priestertochter der Ma, fühlte Ravilla sich dem extatischen Kult, der sich nur dem Namen nach von jenem der Heimat unterschied, eng verbunden. So fragte er sich, ob unter den amüsierten Schaulustigen auch nur einer begriff, welch Opfer die Galli für sie alle brachten, welch Leid der Mutter einst ward widerfahren und welch Bedeutung der heutigen Festivität tatsächlich innewohnte. Während des Zuges der Galli schwieg Ravilla und blickte ausgesprochen ernst, tief in seinen Gedanken versunken.

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    KLIENT - MANIUS FLAVIUS GRACCUS

    TIRO FORI - MANIUS FLAVIUS GRACCUS MINOR


  • Je älter Menecrates wurde, umso häufiger bemerkte er an sich Melancholie. Er dachte viel mehr nach als früher und resümierte häufiger. Bestandteil seiner regelmäßigen Feststellungen war der fehlende Erbe. Wahrscheinlich hatte es Menecrates nicht verdient, einen Sohn wie Gracchus Minor zu haben. Die meiste Zeit seines Lebens lebte er fern von Rom, während andere Väter bei ihren Familien weilten. Er bereute seinen Weg nicht, denn er hielt ihn für ehrenhaft, wovon nicht zuletzt die Gens profitierte, aber der Preis war hoch. In Momenten wie diesen dachte er an seinen Enkel Felix, auf dem lange seine Hoffnung ruhte. Ihn hatte er nach Kräften unterstützt. Ungewollt schlug sich schon wieder das Kapitel Lupus auf, denn dessen verabscheuungswürdiges Auftreten gegenüber Menecrates' Enkelsohn löste die lebenslange und gegenseitige Antipathie der beiden Patrizier aus. An dieser Stelle angelangt, hellte sich sein Blick auf. Er konnte zwar nicht wie Flavius Gracchus auf einen gelungenen Minor schauen, aber seiner Erziehung entstammte zum Glück auch kein Exemplar wie dieser Lupus.

    Was riet kürzlich Lepidus? 'Denke an das, was du hast und nicht daran, was dir fehlt. Stell dir vor, Wichtiges ginge dir verlustig und welche Anstrengung würde es bedeuten, es zurückzuerlangen.' Irgendwie so ähnlich. Er sollte sich also freuen, anständige Menschen in seiner Familie zu haben und Freunde.

    Sein Blick richtete sich auf die Prozession, die seine Gedanken gefangen nahm.

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    DOMINUS FACTIONIS - FACTIO PRAESINA

  • 370-50e3e664.jpgEin wenig Unbehagen verlieh Manius Minor das Stehen auf der Biga doch, als sie die ein oder andere steilere Passage vom Palatin hinabzogen, sodass er sich genötigt fühlte, immer wieder sein Gleichgewicht über den hektischen Griff an den Wagenrand wiederherzustellen, doch gelangten endlich sie hinab zum Forum, von wo aus die Prozession weiter ihren Lauf in Direktion des Forums nahm. Mit einiger Faszination beobachtete der Flavius, wie die Galli in der Tat reiche Spenden in ihren Schalen sammelten, obschon sie doch wie ihn Trance zum Spiel von Flöte und Tympanon tanzten, ihre Häupter schüttelten und Pirouetten drehten, als seien ihnen die Gaben wie auch die Blicke der Gläubigen gleich. Dies war in der Tat eine gänzlich differente Form des Kultes als die kontrollierten, trockenen Riten der Quiriten, in welchen selbst der Tanz der Salier eher einem militärischen Gleichschritt als einer freudigen Bekundung von Emotionen glich.


    Welche Form des Kultes die Unsterblichen indessen präferierten, vermochte Manius Minor nicht zu entscheiden, zumal hier die eine, dort die andere Form sich größter Popularität erfreute und selbst dieselben Gottheiten im Osten, im Norden und im Süden differente Formen von Opfern, Priesterschaften und Gebeten zu fordern schienen.


    Fortunablerweise war er jedoch nicht genötigt, hiesig einen Beschluss zu fassen, da doch hier in Rom jeglicher Schritt und jedes Wort im Cultus Deorum auf eine uralte Tradition zurückblickte, deren Einhaltung jene Sekurität bot, die den römischen Kult so beständig und zweifelsohne auch so nachhaltig erfolgreich machte.

  • Ich mochte die Galli. Ein wenig erinnerten sie mich an das bunte Treiben in Alexandria, auch da hatte es diese exaltierte Kulte gegeben, die so kribbelnd das Sinnliche ins Übersinnliche erhoben.


    Wir Römer sprachen meiner Meinung nach mit unseren Göttern ja immer etwas wie mit Vorgesetzten, mit denen man verhandeln musste, da hatten heiliger Wahnsinn, Rausch und Tänze kaum Platz - vielleicht am ehesten noch noch im Kult des Bacchus, der ab und zu verboten worden war und auch in dem der fanatici der Bellona.


    Ich spendete der Großen Mutter reichlich, und schaute dann, ob ich jemanden Bekannten träfe, aber die ausgelassene Menge wogte links und rechts des Spektakels, und ich schaute lieber, dass ich blieb, wo ich war.


    Wie alle anderen beklatschte ich den Gracchus Minor, der diese wunderbare Megalesia ausrichtete.

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    SODALIS FACTIO VENETA - FACTIO VENETA

    KLIENT - LUCIUS ANNAEUS FLORUS MINOR

  • Rom hatte sie nach 20 tägiger Anreise wieder und sie waren nur für eine Veranstaltung gekommen, den Zug der Galli. Cimber schaute dem bunten Spektakel der Priester der Kybele zu. Sie waren so ganz anders, als das was er selbst von einer Götterhuldigung erwartete. Ernsthaftigkeit, Opfer und Blut, dass stand für Mars. Die Galli hingegen bluteten selbst und für ihre Gottheit, opferten einen Teil von sich indem sie sich selbst geißelten und damit ihrer Gottheit nacheiferten.


    Gelernt hatte Cimber folgendes. Einst hatte Zeus auf dem Berg Agdos geschlafen und ließ dabei seinen Samen zu Boden fallen. An jener bedeutungsvollen Stelle wuchs augenblicklich Agdistis aus dem Felsen. Ein Zwitterwesen, Mann und Frau zugleich. Agdistis hatte aber noch mehr als zwei Geschlechter, er hatte ein furchterregendes Wesen. Die anderen Götter kastrierten ihn daraufhin. Weshalb? Das wurde verschwiegen. Möglicherweise Angst? Oder vielleicht weil Agdistis beides in sich vereinte, was Götter und Menschen seit Anbeginn der Zeit suchten, die andere Hälfte.


    Wie dem auch einst gewesen war, der so seiner Männlichkeit beraubte Agdistis wandelte sich zur Großen Mutter namens Kybele. Aus dem abgetrennten Genitalien hingegen entstatt Attis. Einst waren Kybele und Attis ein Wesen gewesen und so war es nur allzu verständlich, dass sie erneut zuammen finden wollten. Sie waren einst eins und wollten wieder eins werden. Und so fanden sie zueinander, diesmal als getrennt und dennoch vereint.


    Sie streiften glücklich durch die Berge, doch ihre Zeit war begrenzt. Attis beschloss die Tochter des Königs von Pessinus zu heiraten. Warum? Auch das lag im Dunkeln. Kybele erschien rasend vor Zorn auf der Hochzeit, die sich bereits im vollen Gange befand. Mit Wahnsinn strafte sie die gesamte Hochzeitsgesellschaft und auch Attis, einst ein Teil von ihr, verlor seinen Verstand.


    Hinaus in den Wald rannte er und entmannte sich unter einer Pinie. Durch seine eigene Hand verlor er nicht nur seine Männlichkeit, er verlor auch sein Leben. Kybele bat Zeus, Attis wieder zum Leben zu erwecken. Doch dieser erhörte ihre Bitte nicht. Alles was er Kybele schenkte war, dass der Leichnam Attis niemals verwesen sollte. Und so bestattete Kybelle Attis und damit einen Teil von sich selbst in einer Berghöhle bei Pessinus. Sie setzte eine Priesterschaft aus Eunuchen ein und gründete den Kult der Attis einmal im Jahr in einem großen Fest beweinen sollte.


    Und diesem Fest wohnen sie beide nun bei.


    Der Hauptbestandteil des Festes war die Ludi Megalenses. Dies bedeutete Wagenrennen, Opferungen, Theaterspiele und vor allem am ersten Tag die Prozession der Galli. Während dieser Prozession wurde eine der eine Statue der Gottheit auf einem Stuhl durch die Stadt geführt wurde. Das Ziel war der Circus Maximus, wo sie letztendlich für die Dauer des Festes aufgestellt wurde, um die Wagenrennen zu beobachten. Zeitgleich sammelten die Galli Geld ein, heute war es ihnen erlaubt und auch Cimber beteiligte sich an den Gaben. Seite an Seite stand er mit Zmertorix im Getümmel und genoss das Schauspiel dass sich ihnen bot. Dabei achtete Cimber darauf, dass Zmertorix nicht im Trubel verloren ging.

  • Lurco betrachtete die Prosession der Galli, die bunte Priesterschar zog mit dem ihrer Gottheit welche auf einem Stuhl saß durch die Stadt Richtung Circus Maximus. Der Blick von Purgitius war dienstlich aufmerksam. Er hatte die Sicherheit der Megalesia organisiert und er war Urbaner, für sie gab es immer ein Problem. Die Frage war nur, wann es auftauchte und welche Gestalt es annehmen würde. Stets musste er an alle Details denken, nur so konnte er die Sicherheit aller gewähren. Kein leichtes Unterfangen, aber niemand hatte behauptet, dass es leicht werden würde.


    Sein Blick blieb bei den Tänzern genauso kühl, wie bei den Frauen die Blumenblätter streuten. Bei den Galli selbst, bildete sich eine leichte Sorgenfalte auf seiner Stirn. Einzig und allein die zahmen Löwen, welche den Wagen der Gottheit Kybele zogen, hellte sich seine Miene für einen winzigen Augenblick auf. Für die wundervollen Tiere allein hatte sich schon die Organisation und Teilnahme gelohnt. Gerne hätte er den Wagenrennen beigewohnt oder eine Theateraufführung genossen, aber er war dienstlich hier und nicht zum Vergnügen.


    Die Galli welche Spenden sammelten, beachteten ihn nicht. Möglicherweise hielt sein Blick sie davon ab, ihm die Bettelschale unter die Nase zu halten. Er tat mehr für sie, als sie glaubten. Wie eine Horde wilder, bunter Kinder zogen sie durch die Stadt. Eine Char Kinder galt es nicht nur zu beschützen, sondern man musste sie ebenso beaufsichtigen. Und dies gewährleisteten die Cohortes Urbanae.


    Und so zog die Prozession dahin, während Lurco versuchte alles und jeden argwöhnisch im Auge zu behalten.

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    CORNICULARIUS - TRIBUNI COHORTIS URBANAE

    KLIENT - LUCIUS ANNAEUS FLORUS MINOR

  • Zu verhindern, dass Zmertorix verloren ging, war üblicherweise kein anspruchsvolles Unterfangen. Doch heut war er ein Paradiesvogel unter vielen, gewandet in Rosa und Grün. Cimber und er hatten sich um frühzeitiges Erscheinen bemüht, denn Zmertorix wollte so weit wie möglich vorn stehen. Belohnt wurden sie mit einem Platz in der ersten Reihe. Das Menschengedränge in Rom war abartig, allein der Anlass generierte Verständnis: Die Magna Mater zu ehren am großen Trauertag, ihr beizustehen und sie nicht allein zu lassen in ihrem Schmerz, das war Grund genug selbst für jemanden, der einst als Einsiedler gelebt hatte, um sich der Mutter nahezufühlen.


    Die nackten Korybanten, die den Zug anführten, waren weniger nach Zmertorix´ Geschmack: Zu jung, zu schmal, zu knabenhaft. Er bevorzugte Männer, welche diese Bezeichnung verdienten. So schenkte er ihnen nur aus musikalischem Interesse heraus Beachtung, was ihm indes hervorragend gefiel, denn Waffen und Schilde als Instrument benutzt, die sonst im Kampf um Leben und Tod benutzt wurden, wohnte eine besondere Intensität inne. Als das Gedränge dichter wurde, weil der Zug nahte, schob Zmertorix seine Hand durch Cimbers Arm, damit sie nicht auseinandergerissen wurden. Dabei nutzte er die Gelegenheit, unauffällig dessen Bizeps zu befühlen.


    Der Veranstalter der diesjährigen Ludi Megalensis präsentierte sich nach den folgenden Aurigae eindrucksvoll auf seinem Wagen. Die wenigsten Ädile fühlten, was sie darboten, doch die Galloi sahen das pragmatisch: So lange er die Prozession der Mutter organisierte und finanziell unterstützte, mochte er seinen Anteil am Ruhme bekommen, ob Anhänger der Kybele, Diener anderer Götter oder vollkommen gottloser Natur. Und wie es aussah, hatte er ganze Arbeit geleistet, der Zug wirkte professionell und pompös, man hatte mit nichts gegeizt.


    Als das steinerne Abbild Kybeles sie passierte, krallten die Finger von Zmertorix sich fest in Cimbers Arm und Tränen perlten sein Gesicht hinab. Er war nicht der Einzige: Die Galloi, die das Abbild tanzend, musizierend und kreischend umringten, waren außer sich vor Schmerz, zerrissen schreiend ihre bunten Kleider, geißelten sich mit Atragalpeitschen blutig oder schlitzten ihre Arme und Körper mit scharfen Steinklingen, bis ihre Körper ganz in Rot getaucht waren.* Manch Teilnehmer der Prozession erlebte heut seinen letzten Tag als Mann, andere hatten den Schnitt bereits hinter sich gebracht. Wieder andere kränkten die Mutter, indem sie sich unter voller Manneskraft stehend der Priesterschaft anschlossen. Zmertorix fand das Gesetz abstoßend, welches diesen Umstand förderte und für Römer gar verlangte, ein Gesetz, welches den Kult nicht im Mindesten verstand. Niemand wurde gegen seinen Wunsch entmannt, worin lag die Sorge?


    Ein kleiner, dicklicher Eunuch im blauen Kleid stürzte plötzlich mit aufgerissenen Augen auf ihn zu, das hüftlange Haar nass vom eigenen Blut. Er hatte sich inbrünstig gegeißelt, vom Kopf bis hinab zu den Füßen und sein Kleid im ekstatischen Rausch oder durch das Geißeln selbst in Fetzen zerrissen.


    "Schwester", quiekte der Eunuch und streckte die aufgeschlitzten Arme aus. In einer Hand hielt er seine Geißel, an deren scharfen Knöcheln Hautstückchen hingen.


    "Leonnorios? Wie lange ist es her! Dich erkennt man überhaupt nicht wieder, meine Güte!"


    "Leonnora bin ich", korrigierte der Eunuch, drückte Zmertorix zwei blutige Küsse auf die Wangen, hinterließ rote Handabdrücke auf seinen Schultern und ließ sich wieder von der tosenden Menge mitreißen. "Wir sehen uns später", konnte Leonnora noch rufen, ehe sie übergangslos wieder zu heulen begann, die Astragalpeitsche um ihren Rücken herum sausen ließ und ihre Stimme im Lärm der Musik unterging. Nicht ohne Wehmut blickte Zmertorix ihr nach.


  • Lange bereiteten sich die Galloi, aber auch die vielen Anhänger der Großen Mutter in der Stadt auf diesen Tag vor: Der ganze Martius war geprägt von dem alljährlichen Festzyklus, in dem der Mythen um Kybele und ihren Geliebten Attis gedacht und sie nachvollzogen wurden: So fällten die Galloi einige Tage vor den Ludi eine Pinie und brachten diese als Symbol für den getöteten Attis in den Tempel, beklagten darauf seinen Tod bis zu dem legendären Dies sanguinis. An diesem Tag peitschten und ritzten sich die Galli und tanzten sich in Ekstase, um ihr Blut der Großen Mutter zu opfern. Die folgenden Tage feierten dann die Auferstehung des Geliebten der Kybele in den Hilaria, ehe zum Abschluss des Märzfestes das Kultbild der Göttin in feierlicher Prozession zum Bach Almo gefahren und dort gewaschen wurde.

    Noch immer wirkten die Resultate der Märzfestivitäten der Priesterschaft nach und nicht wenige der Kybele-Priester ließen neuerlich den Dies sanguinis aufleben, zweifelsohne um durch ihre spektakuläre Selbstkasteiung das Volk zu ergötzen und so die Spenden für ihren Kult in die Höhe zu treiben. Dem Flavius auf der Biga hinter ihnen und ihrem Kultbild hingegen erschien jene Lust am Leiden geradezu abstoßend, obschon selbstredend es ihm nicht war gestattet, angewidert den Blick abzuwenden, sodass er die weibischen, blutig gepeitschten Leiber beständig vor Augen hatte und letztlich verhoffte, bald ihre Destination zu erreichen.

  • Ravilla, welcher weiter hinten schritt, war solch blutaffine Inszenierungen aus der Heimat gewohnt und hegte spirituelles Verständnis für derlei Gebaren. Die Priester schwelgten in Agonie, um den wohlwollenden Blick der Magna Mater auf das Menschengeschlecht zu lenken, denn Kybele liebte es, wenn andere ihren Schmerz teilten. Geteiltes Leid war halbes Leid. So verstand Ravilla den Kult. Die Mutter war in ihrer Trauer um Attis nicht allein.


    Das wilde Treiben induzierte das in jenem Moment nicht ganz angemessene Empfinden tiefen Heimwehs in Ravillas Herz. Im schrillen Kult der Kybele war ein Stück Heimat bis nach Rom gelangt.

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    KLIENT - MANIUS FLAVIUS GRACCUS

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